New York, 11. September 2001: Die einzigartigen Filmaufnahmen des Tschechen Pavel Hlava
11. September. Das Datum ist zum Synonym geworden für die Terroranschläge von al-Qaida in den USA. Es ist genau 25 Jahre her, dass die Islamisten mit zwei entführten Flugzeugen die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York zum Einsturz brachten und über 2700 Menschen mit in den Tod rissen. Der Tscheche Pavel Hlava lebte zu der Zeit in New York, wurde zum Augenzeugen – und filmte die schrecklichen Ereignisse.
An den 11. September 2001 erinnere er sich sehr genau, sagt Pavel Hlava. Der Tscheche lebte zu der Zeit in New York und hatte sich gerade eine teure Videokamera gekauft. An dem schicksalhaften Dienstag sei er mit seinem Bruder Josef und seinem Chef Mike Cohen mit dem Auto in der Stadt unterwegs gewesen, um zu einem Job in Pennsylvania zu fahren, berichtet Hlava:
„Als ich das erste Flugzeug filmte, habe ich es auf dem kleinen Kamerabildschirm gar nicht wahrgenommen. Wir fuhren in den Battery Tunnel, und Mike hatte das Radio an. Als wir in der Mitte des Tunnels waren, kamen schon die Nachrichten. Ich sagte zu Mike, er solle schnell herausfahren, ich wolle das aufnehmen. Als er draußen anhielt, flog das zweite Flugzeug über unseren Köpfen hinweg. Es gab einen riesigen Knall. Nach diesem Schock sagte Mike zu mir: ‚Pavlík, an diesen Tag wirst du dich dein ganzes Leben lang erinnern.‘“
Diesen Satz habe er immer noch im Kopf, sagt der Augenzeuge und fügt hinzu, dass ebenso die ganze Welt den 11. September 2001 in Erinnerung behalten habe.
Das Leben in Amerika filmen
Pavel Hlava wurde 1963 in Brno geboren. Als junger Mann arbeitete er in den Kohlegruben von Ostrava. Später ging er nach New York, um Geld für ein besseres Leben zurück in Brünn zu verdienen. Die Aufnahmen in den Straßen von Manhattan machte er eigentlich für seine Familie zu Hause...
„Mit der Kamera wollte ich filmen, wie ich in New York wohne und arbeite. Vor allem meinem Schwager Karel, einem Ingenieur, wollte ich alles zeigen. Damit er sieht, wie man in Amerika lebt.“
Durch Zufall dokumentierte Hlava dann jenes Ereignis, dass das Leben in den USA grundlegend verändern sollte. Er schildert, was weiter geschah:
„Wir stiegen aus dem Auto aus, und ich filmte immer noch. Wir befanden uns 100 bis 150 Meter von den Zwillingstürmen entfernt. Dann wurden wir schon von der Polizei weggeschickt, weil sie die Zufahrtsstraßen für die Feuerwehr räumen mussten. Also fuhren wir weiter.“
Er sei davon ausgegangen, dass sein Chef Mike in dem Moment nach Hause zu seinen sechs Kindern wolle und dass sich die Fahrt nach Pennsylvania für diesen Tag erledigt habe, so Hlava. Aber es kam anders.
„Manhattan ist, das weiß man, eine Halbinsel. Und die war komplett abgesperrt. Tunnel, Brücken – alles war zu. Wir fuhren in Richtung Brooklyn Bridge und blieben dort stehen. Mike telefonierte dauernd, und nach vielleicht einer halben Stunde sagte er, wir würden doch fahren, die Washington Bridge sei geöffnet worden. Also stiegen wir wieder ins Auto und starteten. Dabei filmte ich immer noch, und in dem Moment zerbrach das erste Gebäude. Ich hatte dann also auf der Kamera, wie der erste Turm zusammenfällt.“
Diese Ereignisse noch vor Augen, machten sich die drei Männer dann tatsächlich auf den Weg nach Pennsylvania, wo sie Reparaturen in einem Ferienlager durchführten. Und somit könne er gar nicht antworten auf all die Fragen, die ihm so oft gestellt werden, räumt Hlava ein – welche Atmosphäre nämlich in New York unmittelbar nach den Anschlägen herrschte.
„Das weiß ich alles nur von Freunden: dass eben keine U-Bahn fuhr und niemand zur Arbeit ging. Ich kehrte in der Woche darauf am Freitag nach New York zurück. Am Sonntag nahm ich meine Kamera und versuchte, so nah wie möglich an die Zwillinge heranzukommen, um Aufnahmen zu machen. Die anliegenden Straßen waren aber für die Öffentlichkeit gesperrt. Ich habe zum Beispiel gefilmt, wie dort ein Feuerwehrauto stand, damit die Trümmer nicht zu sehen waren.“
VHS-Kassette stand unbeachtet im Regal
Für Pavel Hlava ging das Leben in New York weiter, und auch seinen Filmaufnahmen maß er keine besondere Bedeutung bei. Sein Mitbewohner, der etwas von Computern und Technik verstand, habe sich das Video aber dann einmal genauer angeschaut…
„Er ging alles durch, kontrollierte die Bilder und fand darauf das erste Flugzeug. Es ist nur in der Ferne zu sehen, ziemlich klein. Und er sagte zu mir: ‚Hey, du hast da auch das erste Flugzeug gefilmt!‘ Ich antwortete: ‚Echt? Zeig mal!‘“
Heute ist klar, dass Hlava ein unikates Dokument erstellt hat. Die beiden französischen Filmemacher Jules und Gédéon Naudet machten zwar auch umfassende Aufnahmen, die in Spielfilmlänge veröffentlicht wurden. Aber die Einschläge der Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers sind dabei mit zwei unterschiedlichen Kameras festgehalten worden. Über den Wert seiner Aufnahmen sei er sich jedoch erst zwei Jahre später bewusst geworden, betont Hlava – nämlich durch einen Hinweis des US-amerikanischen Fotografen Walter Karling:
„Er erkannte, dass ich der einzige bin, der beide Flugzeuge gefilmt hat. Dies gelangte erst im Jahr 2003 an die Öffentlichkeit.“
Bis dahin hatte die VHS-Kassette zu Hause bei Hlava im Regal gestanden. Nur Freunden aus der tschechischen Community von New York habe er manchmal eine Kopie zum Geburtstag angefertigt, erinnert sich der Hobbyfilmer. Und von einer solchen erfuhr dann der besagte Fotograf...
„Walter Karling kontaktierte mich vor dem zweiten Jahrestag, weil er davon durch eine Englischlehrerin erfahren hatte. Ein Tscheche hatte sich ihr gegenüber damit gebrüstet, dass er diese Aufnahme habe. Und sie leitete dies an Karling weiter. Er wollte aber das Original finden, und so kam er an mich. Er fragte mich, ob ich das Video nicht veröffentlichen wolle, denn dafür könnte es etwas geben. Ich antwortete: ‚Wenn ich die 500 Dollar für die Kamera wieder herausbekomme, warum nicht?‘“
Bei dieser naiv niedrigen Summe scheint es nicht geblieben zu sein. Laut dem Wikipedia-Eintrag über den Film hat Hlava gemeinsam mit Karling ein begrenztes Senderecht mit dem TV-Sender ABC ausgehandelt – jedoch nie öffentlich bekannt gegeben, wieviel er daran verdient hat.
Dem FBI geholfen
Wenn Pavel Hlava die Geschichte seiner Videoaufnahme am 11. September 2001 erzählt, betont er auch, dass er im Moment des Geschehens nicht an einen Anschlag oder an Terrorismus gedacht habe. Allgemein hätten ihn Nachrichten zu dieser Zeit nicht interessiert. Im Fernsehen habe er lieber Sport geschaut, so der Zeitzeuge. Weiter berichtet er:
„Aber mein Bruder, der damals mit uns mitfuhr, ist auf dem Video zu hören, wie er sagt: ‚Bruder, das ist ein Attentat, das ist ein Anschlag!‘ Ich selbst habe das gar nicht wahrgenommen. Das kam erst nach einiger Zeit, als in den Medien immer wieder durchgenommen wurde, was passiert war und wie. 2003 kontaktierte mich dann sogar das FBI, das sich die Aufnahme ausleihen wollte. Dem habe ich zugestimmt. Sie wollten etwas über die Geschwindigkeit des Flugzeugs und die Höhe herausfinden. Dafür schenkten sie mir ein unverkäufliches Buch des FBI über die Zwillingstürme.“
Im gleichen Jahr zog Hlava dann zurück ins heimatliche Brünn. Gemeinsam mit seinem Neffen betrieb er dort einige Jahre lang eine Bar, die „Twins“ (Zwillinge) hieß.
Anlässlich des 25. Jahrestages der Anschläge macht sich Pavel Hlava nun wieder nach New York auf. Er wolle Ground Zero besuchen – jenen Ort, den er nur als abgesperrtes Trümmerfeld in Erinnerung habe. Nun wolle er sich die Gedenkstätte anschauen, an der auch die Namen der Todesopfer zu finden sind:
„Ich möchte die Atmosphäre dort erleben. Und hundertprozentig will ich das höchste Gebäude besuchen, dass es jetzt in New York gibt. Denn 2001 hatte mein Schwager mir noch im August vorgeschlagen, auf die Spitze des World Trade Centers hochzufahren. Damals sagte ich, dass ich das erst machen will, wenn mich im Dezember meine Kinder zu Weihnachten besuchen. Aber leider passierte dann, was passierte, und so war ich nie dort oben. Auf dem Empire State Building war ich jedoch zweimal. Und nun will ich einfach auf das neue Gebäude hinauffahren.“
Es ist 541,3 Meter hoch, steht direkt neben dem Ground Zero und heißt One World Trade Center.







