Tschechisches Zeitzeugenprojekt Memory of Nations feiert 25 Jahre
Das tschechische Zeitzeugenprojekt „Paměť národa“ (Memory of Nations) wurde vor 25 Jahren ins Leben gerufen. Aus diesem Anlass wurde am vergangenen Mittwoch ein Festival im Prager Waldstein-Garten veranstaltet. Martina Schneibergová war dabei.
Vor 25 Jahren begann die tschechische Non-Profit-Organisation Post Bellum, Gespräche mit Zeitzeugen wichtiger historischer Ereignisse aufzunehmen. Damit entstand das Zeitzeugenprojekt „Paměť národa“ (Memory of Nations), das auf Deutsch meist als „Gedächtnis der Nation“ bezeichnet wird. Post Bellum arbeitet dabei mit dem öffentlich-rechtlichen Tschechischen Rundfunk zusammen, der eine Reihe der Erinnerungen von Zeitzeugen bereits gesendet hatte. Zudem kooperiert die Organisation mit dem Institut für das Studium totalitärer Regime (ÚSTR) sowie weiteren Institutionen auch im Ausland. Im Tonarchiv von „Paměť národa“ befinden sich mittlerweile rund 30.000 Stunden Aufnahmen.
Im ukrainischen Lwiw gründete die Organisation bereits 2019 eine Zweigstelle. Seit dem Beginn von Russlands Aggression gegen die Ukraine im Februar 2022 bringen die Mitarbeiter von „Paměť národa“ regelmäßig Hilfsgüter in das Land. Diese werden aus Spenden finanziert. An der Eröffnung des Festivals im Waldstein-Garten nahm darum auch der ukrainische Botschafter in Tschechien, Vasyl Zvarych, teil. Er dankte auf dem Podium der Organisation für ihre Hilfe für sein Land.
„Wir wissen es sehr zu schätzen, was Post Bellum und ,Paměť národa‘ für die Ukraine tun. Helme, Drohnen, Krankenwagen und weitere Hilfsleistungen sind für uns von entscheidender Bedeutung. Die Hilfe wird dort sehr gebraucht, wo Menschenleben geschützt werden müssen – an der Front sowie in den Krankenhäusern. Daher vielen Dank für alles. Ich schätze es sehr, dass Sie helfen, die Verletzten zu evakuieren und Menschen unter die Arme greifen zu können, die der russischen Aggression ausgeliefert sind. Jede Hilfe hat einen konkreten Empfänger. Ich danke Ihnen für Ihre Solidarität. Dank Ihnen fühlen wir uns angesichts des großen russischen Übels nicht allein. Danke, dass Sie nicht gleichgültig sind, dass Sie in die Ukraine reisen, sowie vor Ort helfen und dass Sie unseren Schmerz teilen und verstehen.“
Auf die Worte des ukrainischen Botschafters reagierte Jan Dobrovský. Der Philanthrop leitet das Kollegium von „Paměť národa“ und unterstützt seit vielen Jahren die Organisation. Dobrovský sagte:
„Wann immer ich jemanden aus Ihren Reihen – Sie selbst oder irgendjemanden, der den Krieg miterlebt hat – für unsere Hilfe danken höre, empfinde ich Scham. An unserer Hilfe ist wunderbar, dass sie von Privatpersonen stammt, aber die Unterstützung vom Staat ist unzureichend. Das, was wir Ihnen gleich zu Anfang des Kriegs hätten bieten sollten, haben wir Ihnen nicht geboten. Als Westen hätten wir jedes nur mögliche Waffensystem bereitstellen sollen, um Sie in die Lage zu versetzen, das Hinterland des Feindes anzugreifen, der Sie attackiert hatte. Wir haben gezögert. Und nun befinden wir uns in einer Situation, in der Sie – unter dem Einsatz des Lebens – weite Teile der Städte und viele ihrer Bewohner verloren haben. Ich schäme mich und werde meine Arbeit zur Unterstützung der Ukraine fortsetzen. Das werden auch alle unsere Spender machen, damit Sie den Krieg nicht verlieren.“
Geschichten von mehr als 15.000 Zeitzeugen
Das Festival, das anlässlich des 25. Jubiläums von „Paměť národa“ stattfand, wurde vom Senat des tschechischen Parlaments gefördert. Dank den Senatoren konnte es im Waldstein-Garten, der zum Senatssitz gehört, veranstaltet werden. Senatspräsident Miloš Vystrčil (Bürgerdemokraten) erklärte auf dem Podium, es sei die Pflicht aller Parlamentarier, wahrhaftige Informationen zu unterstützen.
„Es ist unsere Pflicht, Organisationen, die diese Informationen bearbeiten und Zeitzeugenaussagen aufzeichnen, zu ermöglichen, ihre Arbeit unter entsprechenden Bedingungen zu machen. Ich finde wichtig, dass ein Großteil der Senatoren dieses Festival unterstützt. Ihr Einsatz für die Bewahrung der Erinnerung und für die Freiheit wird vom Senat sehr geschätzt und anerkannt.“
Der Journalist Mikuláš Kroupa leitet die Non-Profit-Organisation Post Bellum und ist Mitbegründer ihres Zeitzeugenprojekts.
„Im Rahmen von ,Paměť národa‘ haben wir die Aussagen von mehr als 15.000 Zeitzeugen aufgezeichnet, die sich auf die eine oder andere Weise in schwierigen Zeiten für diesen Staat eingesetzt haben. Ihre Geschichten sind nicht nur ein großes Drama, das wir beispielsweise im Tschechischen Rundfunk in der Reihe ,Geschichten des 20. Jahrhunderts´ oder in unserem Podcast erzählen. Sie sind auch eine Art Botschaft und Verantwortung, die an uns weitergegeben wird. Wir alle müssen uns bewusst machen, dass unserem Land womöglich wieder eine ebenso schwierige Situation bevorsteht. Wir sollten daher diesem Land und den Werten, mit denen jene Generation aufwuchs, die unsere Freiheit erkämpft hat, treu bleiben.“
Zusammenarbeit mit Schulen
Im Archiv des Zeitzeugenprojekts finden sich nicht nur Geschichten von Helden, sondern auch von Antihelden. Und die Mitarbeiter suchen nach den Möglichkeiten, wie die verschiedenen Erinnerungen heutzutage weitergegeben werden können. Mikuláš Kroupa:
„Vor 25 Jahren war es fantastisch, die Geschichten in der Tageszeitung Hospodářské noviny veröffentlichen zu können. Wir werden weiterhin in den Medien publizieren, aber ich gebe zu, dass heutzutage ein Influencer einen bedeutend stärkeren Einfluss hat als die klassischen Medien. Als wir angefangen haben, gab es kein Internet, und wir hatten keinen so schnellen Zugriff auf Informationen wie heute. Es ist jedoch die Frage, wie wir die Informationen verstehen und sie in unserem Leben nutzen können. Um Geschichten anzuhören braucht man doch eine bestimmte Zeit. Daher bin ich dem Tschechischen Rundfunk dankbar, dass wir jeden Sonntag die ,Geschichten des 20. Jahrhunderts‘ senden können.“
Wie Mikuláš Kroupa weiter anmerkt, arbeitet das Team von „Paměť národa“ auch mit Schulen zusammen. Dabei haben die Schüler die Möglichkeit, selbst die Aussagen von Zeitzeugen aufzuzeichnen und zu bearbeiten. Jedes Jahr beteiligen sich rund 11.000 Schüler an diesem Projekt. Laut Kroupa machen sich er und seine Mitarbeiter darüber Gedanken, wie diese Zahl noch weiter erhöht werden kann.
DDR-Flüchtlinge als Zeitzeugen
Im Publikum des Festivals zum 25-jährigen Bestehen war auch Jan Blažek. Er hat für „Paměť národa“ unter anderem Gespräche im Ausland aufgenommen. Zudem drehte er einige Dokumentarfilme. Im Waldstein-Garten entstand das folgende Interview mit Jan Blažek:
Herr Blažek, Sie haben für „Paměť národa“ auch mehrere Gespräche mit Menschen aus dem Ausland geführt. Wie ist es dazu gekommen?
„Wir sind als ,Memory of Nations‘, im Englischen ist es ja im Plural, überzeugt, dass natürlich die Grenzen des nationalen Gedächtnisses mit den physischen Grenzen nichts zu tun haben, weil die menschliche Erfahrung ja viel breiter ist und auch Grenzen überschreitet. Wir haben viele Interviews gemacht mit Menschen, die Wurzeln in unserem Land haben, sei es in Israel oder in Deutschland. Und natürlich auch mit Menschen, die zu uns gekommen sind, unsere Erfahrung mit uns geteilt haben und über die Geschichte unseres Landes etwas auszusagen haben.“
Sie haben unter anderem mit vielen Flüchtlingen aus der ehemaligen DDR gesprochen…
„Es sind unheimlich viele gewesen. Ich habe selbst gar nicht gewusst, dass es mehrere Tausend Menschen waren, die zwischen 1968 und 1989 versucht haben, den Eisernen Vorhang in der Tschechoslowakei zu überqueren, weil sie gedacht haben, dass dies hier einfacher ist. Leider Gottes war es nicht der Fall. Und die meisten haben es dann nicht geschafft, kamen in tschechische Gefängnisse und wurden letztlich in die DDR zurückgebracht. Aber trotzdem sprechen sie sehr schön über die tschechische Erfahrung.“
Sie haben sich aber nicht nur auf Deutschland beschränkt. Gab es auch Gespräche mit Leuten aus Skandinavien?
„Ja, wir haben generell in Westeuropa mit vielen Menschen Gespräche geführt, die während der totalitären Regime unseren Dissidenten geholfen haben, wovon natürlich die ganze Gesellschaft profitiert hat.“
Zeitzeugenerinnerungen in Texten
Während des Prager Festivals stellten die Mitarbeiter von Post Bellum eine Neuheit vor: So hat „Paměť národa“ sein Archiv auch in Textform für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Rund 30.000 Stunden Tonaufnahmen sind verschriftlicht worden. Mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz ist es zudem möglich, im Archiv nicht nur nach Schlüsselwörtern zu suchen, sondern auch mit dem Kontext zu arbeiten. Laut Mikuláš Kroupa will Post Bellum, das das Archiv verwaltet, der Öffentlichkeit die authentischen Berichte der Großeltern- und Elterngeneration aus der Zeit der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts kostenlos zur Verfügung stellen. Das Archiv kann seinen Worten zufolge nicht nur Studenten, sondern auch Historikern, Lehrern und Journalisten bei der Arbeit helfen.







