Spuren der deutschen Einwohner: Niedriger Pegel des Lipno-Stausees legt historischen Friedhof frei
Der immer weitersinkende Wasserpegel von Stauseen infolge der diesjährigen Dürre hat in den letzten Tagen und Wochen auch Hausfundamente, Brücken, Wehre sowie ganze Überreste überfluteter Dörfer freigelegt, die im 20. Jahrhundert überflutet wurden. Aus den Tiefen des Lipno-Stausees tauchte dabei eine Erinnerung an die ehemalige Gemeinde Dolní Vltavice / Untermoldau auf: Es sind Dutzende von Grabsteinen der einstigen Einwohner. Experten transportieren diese nun nach und nach ab und überlegen, wie sie weiter mit diesen verfahren sollen.
Dolní Vltavice ist heute eine kleine Siedlung am Ufer des Lipno-Stausees in Südböhmen. Ein Hotel und mehrere Ferienunterkünfte bilden den letzten Rest einer Gemeinde, deren Gründung bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Das Städtchen, das auf Deutsch Untermoldau beziehungsweise Unterwuldau hieß, lag einst an einem bedeutenden Handelsweg zwischen České Budějovice / Budweis und Passau. Es hatte unter anderem eine Kirche, ein Pfarrhaus und eine Schule. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten dort fast 500 Einwohner. Die überwiegende Mehrheit von ihnen war deutscher Nationalität und wurde nach dem Kriegsende ausgesiedelt. In den 1950er Jahren fiel Dolní Vltavice schließlich dem Bau des Moldaustausees zum Opfer. Die St.-Leonhard-Kirche wurde im Jahr 1958 gesprengt, damit ihr Turm bei niedrigem Wasserstand nicht aus dem See herausragt.
Der Wasserpegel des Lipno-Stausees ist jedoch in diesem Jahr so stark gesunken, dass sogar die Relikte des dortigen Friedhofs freigelegt wurden. Dieser war seit 1899 in Untermoldau als letzte Ruhestätte genutzt worden. Die Rettung der historischen Grabdenkmäler hat das Regionalmuseum in Český Krumlov / Krumau übernommen. Museumsleiter Martin Nechvíle zeigt auf einen Grabstein und erläutert:
„Man sieht, dass in die Grabplatte ein gusseisernes Kreuz eingesetzt war, das abgeschlagen wurde – das ist bei fast allen identisch. Wir haben sogar einen datierten Stein gefunden, in den das Jahr 1849 eingemeißelt ist. Schade, dass wir nicht wissen, woher er stammt. Er ist nämlich ein halbes Jahrhundert älter als der Friedhof selbst.“
Grabsteine tauchen aus dem Wasser auf
Auf den ersten Blick sieht der Fundort wie ein Schutthaufen aus, doch bei näherem Hinsehen lassen sich an den Steinen Überreste ihrer ursprünglichen Funktion erkennen. Auf einem von ihnen befindet sich beispielsweise ein kleines eingraviertes Kreuz. Nechvíle beschreibt:
„Hier befanden sich wahrscheinlich Porzellanbilder der Verstorbenen, eine Inschriftenplatte und eventuell Platz für eine Kerze oder eine kleine Statue.“
Mitarbeiter des Regionalmuseums in Krumau haben gemeinsam mit mehreren anderen Institutionen und Freiwilligen nach und nach zwölf steinerne Grabsteine aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abtransportiert. Am Ufer des Lipno-Stausees gibt es aber noch mehrere Dutzend weitere.
„Die Steine sind wirklich extrem schwer – fast schon ein Fall für einen Kran, da sie über eine halbe Tonne wiegen können. Als wir vorab nur die kleineren Steine geborgen haben, hatten wir selbst zu sechst alle Hände voll zu tun.“
Inzwischen wurden auch bereits einige Namen auf den Grabsteinen identifiziert.
„Auf einem einzigen Grabstein ist die Inschriftenplatte unbeschädigt geblieben. Sie gehört einem kleinen Mädchen, das im nahe gelegenen Pestřice geboren wurde. Sie starb im Alter von drei Jahren an einer Blinddarmentzündung und wurde auf dem Friedhof von Untermoldau bestattet.“
Rettung der historischen Grabmäler
Die wertvollsten Grabsteine sind vorerst provisorisch gelagert, um sie vor Vandalismus oder Diebstahl zu schützen. Experten suchen nun nach einem idealen Ort für ihre dauerhafte Unterbringung. Der Museumsleiter:
„Wir würden gerne auch den Rest bergen und auf den Friedhof in Černá v Pošumaví bringen. Genau dort wurden nämlich die sterblichen Überreste der Verstorbenen beigesetzt, nachdem sie bei der Liquidierung des alten Friedhofs geborgen worden waren.“
Nach der Umbettung der sterblichen Überreste wurden die Grabsteine auf einen Haufen zusammengeschoben und anschließend vom Wasser des entstehenden Stausees überflutet. Beim Vergleich von Karten und historischen Fotografien stellte sich heraus, dass sich die Grabsteine heute hinter der ursprünglichen Friedhofsmauer befinden, also außerhalb des Friedhofs.
„Der aktuelle Zustand ist pietätlos — die Steine liegen nicht an ihrem ursprünglichen Ort. Man ging damit damals im Grunde wie mit Abfall um. Das würden wir gerne wiedergutmachen“, betont Museumsleiter Martin Nechvíle.







