Nová síť und die Mühen der Kulturschaffenden auf dem Lande
Ein Netz macht sicher und fängt im Notfall auf. Und dies ist auch das Selbstverständnis von Nová síť (zu Deutsch: Das neue Netz). Das 2004 gegründete Kulturnetzwerk hat zwar sein Büro in Prag, verbindet aber kleine Kulturbetriebe, Vereine und Akteure in den ländlichen Regionen Tschechiens. „V regionech to žije!“ (In den Regionen ist Leben!) lautet dann auch ein zentraler Slogan der Initiative. Kooperationen sucht man aber auch im Ausland.
Weit im Osten Tschechiens, in Rožnov pod Radhoštěm, gibt es den Verein Fujaré. Seit fast zehn Jahren organisiert er in der Region Theatervorstellungen, Filmvorführungen, Musikfestivals oder auch kreative Freizeitangebote für Kinder. Hinter all dem stehen nur drei Vereinsmitglieder. Sie finden Unterstützung nicht nur von zahlreichen Helfern vor Ort, sondern auch als Mitglied des Kulturnetzwerkes Nová síť. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks formulierte es Vereinsgründer Jan Petružela so:
„Für mich ist die Mitgliedschaft und das Sein bei Nová síť der Kampf gegen die Einsamkeit in den tschechischen Randregionen. Fujaré würde ohne das Netzwerk schon lange nicht mehr existieren. Diese Einsamkeit auf dem Lande gab es schon immer, aber sie gerät leicht in Vergessenheit. In Krisenmomenten macht sie sich für uns aber ziemlich stark bemerkbar.“
In solchen Momenten könne er sich gut bei den Leuten im Nová-síť-Büro ausheulen und finde dort immer Hilfe, sagt Petružela lachend. Denn das Netzwerk versteht sich als Serviceeinrichtung. Es bietet vor allem Konsultationen bei Finanz- und Rechtsfragen an, und das nicht nur für Kulturvereine oder Einrichtungen wie regionale Theater, sondern ebenso für freiberufliche Künstler und jene, die es werden wollen. Derzeit hat Nová síť über 40 Mitglieder, und als deren Interessenvertretung setzt man sich auch auf politischer Ebene für mehr Anerkennung ein. Die kulturelle Praxis in Tschechien müsse sich ändern, heißt es in der Selbstdarstellung von Nová síť. Wie das gemeint ist, erläuterte Produktions- und Betriebsleiterin Aneta Hladovcová im Gespräch für Radio Prag International:
„Es gibt eingefahrene Praktiken, mit denen wir nicht einverstanden sind und die wir ändern wollen. Diesen Standpunkt bringen wir an, wenn wir zum Beispiel bei der Neugestaltung von kulturpolitischen Strategien dabei sein können. Und außerdem arbeiten wir dafür, dass die Künstler und ebenso alle Menschen, die im Bereich der Live-Kultur tätig sind, finanziell anständig entlohnt werden. Wir sehen also unsere Haupttätigkeit darin, dass die Kultur in der öffentlichen Wahrnehmung als normaler und vollwertiger Berufszweig anerkannt wird. Sie ist nicht etwas, das Leute nur in ihrer Freizeit und aus Spaß machen. Sondern es handelt sich um echte Berufe, die eine würdige Entlohnung verdienen – und das nicht nur finanziell, sondern auch als gesellschaftliche Anerkennung.“
Die Finanzierung sei üblicherweise jedoch das wichtigste Problem, das die Akteure in den ländlichen Regionen plage und das sie ins Netzwerk Nová síť einbrächten, merkt Hladovcová an. Die einzelnen Mitglieder können sich darüber etwa in regelmäßigen Zusammenkünften austauschen. Dazu sagt Pavel Kubánek, Prinzipal der Initiative Kulturák in Bystřice pod Hostýnem:
„Die Begegnungen sind das Wichtigste. Als ich das erste Mal zu einem solchen Treffen der Kulturvereine fuhr, kam ich gleich mit Adriana Světlíková ins Gespräch, der heutigen Chefin von Nová síť. Das hat schnell gepasst. Für mich war das wie eine Art Coming-out. Ich habe erkannt, dass es auf der Welt noch andere Leute gibt, die sehr ähnlich eingestellt sind.“
Dezentralisierung des Kulturbetriebs
Kulturschaffende in den abgelegenen Gebieten des Landes zu unterstützen und den gegenseitigen Austausch zu ermöglichen – auf diese Weise verfolgt Nová síť ein weiteres wichtiges Ziel: nämlich die Dezentralisierung des Kulturbetriebs in Tschechien. Es mag eine natürliche Folge der Bevölkerungsstruktur sein, dass bei weitem die meisten Veranstaltungen in Prag stattfinden. Bei der öffentlichen Finanzierung hätten es regionale Initiativen aber oft deutlich schwerer, unterstreicht Aneta Hladovcová:
„Die Rolle der Kultur übernehmen in vielen ländlichen Orten etwa die Feuerwehr oder Bibliotheken. Wenn es dann aber wirklich ein Kulturzentrum gibt, hat es große Schwierigkeiten, sein Angebot durchzusetzen und die Ämter davon zu überzeugen, dass auch seine Existenz notwendig ist. Zugleich stellt sich ihm die Aufgabe, die Menschen aus der Gegend auf sanfte Weise einzubeziehen. Es ist eine ständige Verteidigung der kulturellen Aktivitäten.“
In der Argumentation, warum Kultur überhaupt so wichtig ist, hat die Expertin dann auch schon eine gewisse Routine…
„Kultur ist nötig, denn sie kultiviert die Gesellschaft. Dies ist der höhere Sinn. Sie erweitert den Horizont. Kultur bedeutet nicht nur, irgendwo Fußball spielen zu gehen. Sondern sie zeigt den Menschen die Welt, die sich außerhalb ihrer eigenen Community abspielt.“
Dies sieht auch Pavel Kubánek von Kulturák so. Wie er im Tschechischen Rundfunk ausführte, reiche die Arbeit in dem Verein über das schlichte Organisieren von Veranstaltungen hinaus:
„Für mich ist das Wichtigste die Gemeinschaft. Das betrifft vor allem die Kommunikation über alle Angelegenheiten. Aber es macht mir auch immer mehr Spaß, über die Kultur an sich nachzudenken und über das Wirken von Kulturák beim Aufbau einer Community. Diese umfasst sowohl die Zuschauer, als auch die finanziellen Unterstützer sowie die anderen Kulturinstitutionen und Akteure, die es ja in jeder Kleinstadt gibt – sei es die Musikschule oder die Bibliothek.“
Zur gegenseitigen Inspiration organisiert Nová síť jedes Jahr die landesweite Konferenz „Culture Get Together“ (Kultur, komm zusammen). Auf deren Programm stünden zum einen weiterführende Seminare, berichtet Hladovcová. Es gebe aber noch einen zweiten wichtigen Aspekt:
„Bei dieser Konferenz bringen wir jene Menschen zusammen, die die Kultur wirklich machen – also die fleißigen Bienchen –, und auch die Vertreter der Ämter, die die Kulturpolitik umsetzen. Damit bringen wir beide Seiten dazu, sich gegenseitig anzuhören. Denn die Kulturschaffenden schimpfen gern darauf, wie es auf den Ämtern läuft. Bei der Konferenz haben sie dann die Möglichkeit, das zu äußern. Und oft treffen die Beamten tatsächlich auf Verständnis, warum die Dinge sind, wie sie sind, und welche Steine auch ihnen in den Weg gelegt werden. Häufig ist es nämlich gar nicht so, dass der Beamte selbst nicht wollte.“
Obwohl dieser Austausch sehr nützlich sei, werde diese Konferenz künftig wohl nur noch alle zwei Jahre ausgerichtet, räumt Hladovcová ein. Der Grund dafür liege einfach in dem hohen Arbeitsaufwand für das Team von Nová síť, dass im Kern nur aus zehn Personen besteht.
„Art in res“ und „Pralin“
Und Nová síť hat noch zahlreiche andere Projekte zu bearbeiten. Das größte und renommierteste ist wohl das Festival Malá inventura (Kleine Inventur). Dieses Showcase neuer Theaterinszenierungen aus Tschechien wird regelmäßig auch von internationalen Veranstaltern besucht, die die Stücke in ihren Ländern präsentieren wollen. Experten aus Berlin oder Leipzig gehörten zu den regelmäßigen Gästen, zählt Aneta Hladovcová auf. Und in diesem Jahr seien ebenso Vertreter der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz dabei gewesen.
Kontakt ins Ausland sucht Nová síť außerdem mit der Vermittlung von Kreativresidenzen im Rahmen des Projektes „Art in Res“. Hladovcová, die im Netzwerk die internationalen Beziehungen koordiniert, berichtet zudem von einer weiteren Initiative, die noch vor der Corona-Pandemie gestartet wurde:
„Es gab ein gemeinsames Projekt mit Deutschland, das ursprünglich Pralin hieß. Es bestand also zwischen Prag und Berlin. So wie unsere Reihe Malá inventura gibt es in Berlin das Performing Arts Festival. Es funktioniert ähnlich wie wir bei Nová síť, indem eben auch kleine Organisationen in ganz Deutschland vereint werden. Im Rahmen unserer beiden Festivals haben wir also einen Austausch verabredet – und das nicht nur für Künstler, sondern erneut auch für die Mitarbeiter der Ämter. Das hat sich sehr bewährt. Denn wenn zehn Künstler von dort zu uns kamen, entstanden daraus gleich mehrere neue Projekte. Für diese Menschen ist eine solche Mobilität nämlich immens wichtig. Das ganze Projekt wurde im Folgenden unter dem Namen ‚Bridging the Scenes‘ auf Dänemark und Bulgarien erweitert und die Beamten also auch in diese Länder geschickt.“
Paradoxerweise habe der Prager Magistrat damals eine finanzielle Unterstützung abgelehnt, schildert die Koordinatorin weiter. Während der Corona-Pandemie hätten jedoch die EU-Mittel des Nationalen Wiederaufbauplans für ‚Bridging the Scenes‘ (zu Deutsch etwa: Szenen durch Brücken verbinden) genutzt werden können. Nun aber sei der deutsche Partner weggebrochen, so Hladovcová:
„Die Performing-Arts-Plattform musste leider ihr Festival einstellen. Dies passierte wegen der europaweiten Kürzungen, die es gerade gibt und die sich stark auf die Kultur auswirken. Damit haben wir unseren wichtigsten Partner in Deutschland verloren. Und da es ein Projekt zwischen den Festivals war, ist es dadurch erheblich eingeschränkt worden, und wir konnten keine Gelder mehr dafür beantragen. Wir werden nun sehen, wie es für unseren Partner in Deutschland weitergeht und ob wir einen anderen Anknüpfungspunkt finden, mit dem wir weiter zusammenarbeiten können.“
Rückschlägen zum Trotz
Solchen Rückschlägen zum Trotz ist Nová síť schon seit mehr als 20 Jahren für die Kulturschaffenden in ganz Tschechien da. Und um ihnen noch näher zu sein, hat die Organisation gerade ein Büro in Brno / Brünn eröffnet. Bisher sei es mit zwei Mitarbeitern besetzt, informiert Hladovcová. Sie böten ebenfalls Beratungen und persönliche Zusammenkünfte an, für die die Mitglieder in den südlichen und östlichen Regionen Tschechiens nun nicht mehr den langen Weg nach Prag zurücklegen müssten.
Über die Ansprechpartner in der Nähe zeigt sich auch Jan Petružela von Fujaré dankbar. Und auf die Frage, mit welcher Motivation sein kleiner Verein durchhalte und immer weiter die Kultur auf dem Lande aufrechterhalte, hat er eine – scheinbar – simple Antwort bereit:
„Uns macht es immer noch Spaß. Ich selbst versuche, das nicht allzu sehr zu psychologisieren. Denn das macht Nová síť für uns, indem es sich um unser Wohlsein kümmert. Und darüber bin ich sehr froh. Sobald ich anfangen würde, darüber nachzudenken, wäre es das Ende. Also lasse ich es nicht an mich heran, obwohl sich die Rückschläge wiederholen. Ich glaube, es muss uns einfach Spaß machen, und wir müssen uns gegenseitig weiter unterhalten.“







