Petra Kvitová is back: Zweiter Wimbledonsieg ebnet Weg zu neuen Ufern

Petra Kvitová (Foto: ČTK)

Im tschechischen Sport gab es am vergangenen Wochenende wieder einen guten Grund zum Jubeln: Petra Kvitová gewann in Wimbledon, dem Mekka des Tennissports, zum zweiten Mal nach 2011 das Damen-Einzel. Ihr Finalsieg im bedeutendsten Grand-Slam-Turnier verzückte auch einen tschechischen Ex-Fußballer, der eigentlich die WM-Spiele in Brasilien im tschechischen Fernsehen analysieren sollte, anstatt in London zu sein. Dabei ist Kvitová gar nicht das erste tschechische Tennis-As, das in Wimbledon fasziniert hat: Vor 60 Jahren tat dies bereits Jaroslav Drobný.

Marek Jankulovski (Foto: Elena Rybakova, CC BY-SA 3.0)
Marek Jankulovski war als Linksverteidiger eine der Säulen der tschechischen Fußball-Nationalmannschaft, die 2004 in Portugal EM-Dritte wurde. Mit dem AC Mailand gewann Jankulovski 2007 die Champions League, den Supercup und die Club-WM. Eine langwierige Verletzung zwang ihn jedoch vor zwei Jahren, seine Karriere vorzeitig zu beenden. Seitdem hat sich der inzwischen 37-Jährige als geschätzter TV-Analyst internationaler Fußballspiele etabliert. Jankulovski verhehlt indes nicht, auch ein großer Tennisfan zu sein. Und als solcher hat er am vergangenen Wochenende dem Spiel mit der Filzkugel den Vorrang vor dem Kick mit dem Lederball gegeben:

„Ich sollte eigentlich im Anschluss die Viertelfinalspiele der WM im Fernsehstudio kommentieren, doch das schob ich beiseite. Stattdessen saß ich in der Loge von Petra Kvitová, um mit ihrem Betreuer-Stab das Finale in Wimbledon zu verfolgen. Ihren Sieg so hautnah zu erleben, ist emotional kaum mit etwas anderem vergleichbar. Es war einfach ein Erlebnis für mich.“

Petra Kvitová (Foto: ČTK)
Jankulovski schwärmte aber nicht nur in höchsten Tönen über den Turniersieg seiner Landsfrau, sondern auch darüber, was Petra Kvitovás Solovorstellung der Teamleistung einer Fußballmannschaft alles voraushat:

„Im Fußball hat man ein ganzes Team, elf Spieler auf dem Platz, dazu vielleicht noch acht, neun Ersatzspieler auf der Bank. Man kann zudem während der Partie auswechseln. Im Tennis aber kämpft jeder für sich allein. Petra hat zwar auch einen Trainer und ein kleines Team, das ihr in der Vorbereitung hilft. Während des Matches aber kann ihr der Trainer über die große Entfernung von der Loge zum Court so gut wie keinen Rat geben. Umso wertvoller ist ihr Erfolg, denn den erkämpft sie de facto im Alleingang.“

Novak Djoković (Foto: ČTK)
Alleingänge haben zwar auch im Fußball so manche Begegnung entschieden, doch es gäbe da noch einen Aspekt, der ihm Hochachtung vor einem Tennisspieler abnötige, ergänzte Jankulovski:

„Wenn man im Fußball 2:0 oder 3:0 führt, dann steckt man meist ein wenig zurück und denkt schon an das nächste Spiel. Im Tennis aber habe ich einige Spiele gesehen, die schon gelaufen schienen, dann aber noch einen ganz anderen Ausgang genommen haben.“

Einen ehrvollen Respekt voreinander haben indes auch die beiden Einzelsieger der diesjährigen Wimbledon Championships: Novak Djoković und Petra Kvitová. Der Serbe und die Tschechin haben die Wimbledon-Trophäe jeweils zum zweiten Male gewonnen, und noch dazu stets im gleichen Jahr – 2011 und 2014. Daher standen beide nach drei Jahren auch wieder im Mittelpunkt der großen Abschlussgala des Grand-Slam-Turniers. Für Djoković wohl auch der Grund, seiner ebenso erfolgreichen Tischdame ein lustiges Geheimnis anzuvertrauen. Vor tschechischem Publikum verriet Kvitová nämlich einen Tag später:

Petra Kvitová (Foto: ČTK)
„Als wir uns am Tisch begrüßt haben, sagte er mir gleich, was er zuvor zu seinem Team gesagt habe – dass ihn mein Sieg zusätzlich motiviere. Denn wenn ich am Samstag gewinne, dann wolle er am Sonntag auch gewinnen.“

Mit ähnlichem Humor ausgestattet, erzählte Kvitová noch mehr über die Abschlussgala:

„Die Gala ging bis tief in die Nacht, wir waren erst gegen zwei Uhr in unseren Hotels. Zum Glück wird bei der Gala nicht getanzt, wofür ich dankbar bin. Aber zum zweiten Mal bin ich dort Novak begegnet – das Glück des einen scheint da wohl auf den jeweils anderen abzufärben.“

Petra Kvitová (Foto: ČTK)
Wenn dem so sein sollte, dann hätte sie allerdings den Wunsch, dass ihr nächster großer Einzelerfolg nicht wieder drei Jahre auf sich warten lasse, fügte Kvitová später hinzu. Etwas nachdenklicher zu den zurückliegenden drei Jahren ihrer Karriere aber hatte sich die 24-Jährige schon vor der Gala gegenüber dem Kollegen der Inlandssendung des Tschechischen Rundfunks geäußert:

„Nach dem Wimbledonsieg im Jahr 2011 ging es bei mir wirklich sehr oft bergauf und bergab. Ich bin wie ein Komet emporgeschossen, doch mit dieser Situation bin ich nur schwer zurechtgekommen. Einige Zeit lang habe ich nicht gut gespielt, ich hatte mehrere Probleme nicht nur auf dem Court, sondern auch außerhalb des Tennisplatzes. Ich denke aber, jetzt sollte all dies von mir abfallen, und die Zukunft dürfte ein wenig besser werden. Denn das ganze Brimborium, das ich nach meinem Sieg 2011 erlebt habe, dürfte sich jetzt nicht wiederholen – auch weil ich den Rummel schon etwas gewöhnt bin. Ich hoffe wirklich, dass ich daraus gelernt habe und es jetzt besser wird.“


Exiltscheche Drobný begeisterte die Briten bei Wimbledonsieg von 1954

Jana Novotná (Foto: Bill Mitchel)
Petra Kvitovás zweiter Wimbledonsieg hat bereits jetzt einen festen Platz in der nationalen Tennisgeschichte. Denn es war erst der vierte Triumph einer Tennisspielerin oder eines Tennisspielers mit tschechoslowakischem beziehungsweise tschechischem Pass im Einzel. Vor ihr gelang das lediglich Jan Kodeš 1973 bei den Herren und Jana Novotná 1998 bei den Damen. Petra Kvitová aber hat ihren Erfolg von 2011 wiederholt. Doch eigentlich könnte sich das tschechische Tennis noch zehn weitere Wimbledon-Einzelsiege auf seine Fahnen heften, wenn die neunmalige Gewinnerin Martina Navrátilová und der damals 32-jährige Jaroslav Drobný bei ihren Erfolgen nicht schon für ein anderes Land gespielt hätten. Navrátilová war bei ihrem ersten Turniersieg 1978 bereits US-Amerikanerin, und Jaroslav Drobný war bei seinem Erfolg 1954 Ägypter. Beide waren aus der kommunistisch regierten Tschechoslowakei geflüchtet, weil sie sich in diesem Land unfrei und verfolgt fühlten.

Jaroslav Drobný in Wimbledon (Foto: YouTube)
Drobnýs Geschichte hat aber noch weitere Facetten. Er trat in Wimbledon gleich für vier verschiedene Nationalitäten an. Im Jahr 1938, als gerade 16-Jähriger, spielte der gebürtige Prager für sein Heimatland, die Tschechoslowakei. Ein Jahr später, nach der deutschen Okkupation des Landes, repräsentierte er offiziell das Protektorat Böhmen und Mähren. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte er in Wimbledon wieder als tschechoslowakischer Bürger, doch ein Jahr nach dem kommunistischen Putsch von 1948 verließ er seine Heimat. Die Schweiz, die USA und Australien verwehrten ihm in der Folge die Staatsbürgerschaft, deswegen nahm er 1950 die ägyptische an. Als Ägypter spielte er bis 1959 und feierte dabei mit dem Wimbledonsieg vor 60 Jahren seinen größten Triumph. 1960, bei seinem letzten Start im Londoner Vorort, trat er schließlich in den Farben von Großbritannien an. Da hatte er sich bereits sehr viele Sympathien bei den Briten erworben, die den Exiltschechen mit der Sonnenbrille schon länger in ihr Herz geschlossen hatten. Der legendäre britische Tenniskommentator und Publizist Chris Bowers erinnert sich:

Chris Bowers (Foto: Archiv von Chris Bowers)
„Wenn der Name Jaroslav Drobný fällt, dann erinnert sich jeder an diesen sympathischen alten Herrn, den jeder hier in Wimbledon siegen sehen wollte. Sein Turniersieg im Jahr 1954 war sehr populär, denn damals besiegte er im Finale Ken Rosewall. Das war damals noch ein unerfahrener Teenager, der gerade 19 war. Drobný war ein sehr lieber Mensch, dem ich zweimal persönlich begegnet bin. Und ich wiederhole es gern: Er war ein sehr guter Mann.“

Jaroslav Drobný gewann Wimbledon als zweiter Linkshänder nach dem Australier Norman Brookes, der im Jahr 1914 siegte. Die Briten hätten Drobný zugejubelt, denn sie hätten gespürt, dass es eine der letzten Möglichkeiten gewesen wäre, den tschechischen Emigranten das bedeutendste Tennisturnier der Welt gewinnen zu sehen, ergänzt Bowers.

Jan Kodeš (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Drobný sah später auch seinem Nachfolger von nationaler Herkunft, dem Prager Jan Kodeš zu, wie er in Wimbledon von Sieg zu Sieg eilte. Das war vor 41 Jahren, aber Kodeš weiß noch ganz genau, was Drobný damals zu ihm sagte:

„Er beobachtete mein Spiel und schimpfte danach mit mir über meinen Return. Er sagte, dass der Rückschlag von mir viel härter kommen müsse, damit der Gegner in Ehrfurcht erstarre. Der aufschlagende Spieler müsse förmlich zittern vor Angst.“

Jan Kodeš gewann das Wimbledon-Finale 1973 gegen den Russen Aleksandre Metreweli in drei Sätzen. Jaroslav Drobný führte da bereits ein kleines Sport-Geschäft im Londoner Stadtteil Kensington South. In der Themsestadt ist Drobný dann auch im Jahr 2001 verstorben. Er wurde 79 Jahre alt.

Autor: Lothar Martin
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