Phantasievoll durch die Zeitebenen – Kratochvils neuer Roman „Alfa centauri“

Foto: Verlag Druhé město

Seit vergangenem Jahr gibt es im tschechischen Buchhandel die Übersetzung des deutschen Romans „Er ist wieder da“. Der Autor des Bestsellers, Timur Vermes, war sogar auch in Prag und gab eine Autogrammstunde. Sein Buch ist eine Polit-Satire, der „wiedererstandene“ Adolf Hitler trifft auf die deutsche Gesellschaft von heute. Sein Vorgehen, Gegenwart und Vergangenheit in einem spannenden literarischen Text zu vernetzen, zeigt Parallelen zum tschechischen Schriftsteller Jiří Kratochvil. Ebenfalls im vergangenen Jahr wurde sein neues Buch „Alfa Centauri“ bei der zweitgrößten tschechischen Buchmesse in Havlíčkův Brod vorgestellt. Im Folgenden mehr über den Autor und sein aktuelles Werk.

Jiří Kratochvil  | Foto: Vilém Faltýnek,  Radio Prague International
Er sei beeinflusst von literarischen Experimenten, der Postmoderne und einem magischem Realismus, darüber hinaus stehe er im Banne seiner südmährischen Heimatstadt Brno / Brünn und des Wandels der Zeit im 20. Jahrhundert. So oder ähnlich wird Jiří Kratochvil charakterisiert. Der Roman-, Bühnen- und Hörspielautor, Novellist und Essayist wurde am 4. Januar 1940 als Sohn eines russischen Immigranten geboren, sein Vater emigrierte 1952 in die USA. Der Rest der Familie, der in der Tschechoslowakei zurückblieb, wurde danach von der Staatssicherheit drangsaliert. Gerade das hat sich wesentlich sowohl auf das Privat- als auch das Berufsleben Jiří Kratochvils ausgewirkt.

In den 1960er Jahren studierte er Tschechisch und Russisch an der Masaryk-Universität in Brünn und begann bald nach dem Abschluss zu publizieren. Einen tiefen Einschnitt bedeutete für ihn in jeder Hinsicht die Besetzung der Tschechoslowakei im August 1968 durch die Warschauer-Pakt-Staaten. Wie eine ganze Reihe tschechischer Schriftsteller erheilt auch er bis 1989 ein Publikationsverbot. In dieser Zeit veröffentlichte Kratochvil nur noch in Exil- oder Untergrundverlagen - dem sogenannten „Samizdat“. Bis zur politischen Wende arbeitete er unter anderem in einer Telefonzentrale, als Heizer, Kranfahrer oder Nachtwächter.

Foto: Braumüller Verlag
Die bisherige literarische Produktion von Jiří Kratochvil umfasst mehr als 20 Bücher. In einem Teil von ihnen spielte seine persönliche Erfahrung von 40 Jahren Kommunismus die entscheidende Rolle. In letzter Zeit schreibt er jedes Jahr ein neues Buch. Einige wurden mit prestigeträchtigen Preisen bedacht und auch in mehrere Sprachen übersetzt. Die Handlung in Kratochvils Romanen hat nie einen linearen Verlauf. Meist besteht ein Geflecht von zeitlich unterschiedlichen, realen und surrealen Erzähllinien. Hierfür stellvertretend ein Beispiel zweier Romantitel. In der autobiografisch motivierten Kriminalgeschichte „Das Versprechen des Architekten“ wird der Leser vor dem Hintergrund der stalinistischen Tschechoslowakei der 1950er Jahre laut einem Literaturkritiker „in ein glänzend inszeniertes literarisches Spiel um Schuld und Strafe, Fiktion und Wirklichkeit verstrickt“.

Kratochvils Buch „Femme fatale“ bezeichnete wiederum die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ vor zwei Jahren als ein Paradestück der Postmoderne. In diesem treibe der Autor das Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion bis auf die Spitze:

„Gnadenlos demaskiert der Roman die gewandelte Rolle der Literatur vom subversiven, verbotenen Text in der kommunistischen Diktatur zu seiner und des Autors totalen Vermarktung, die schließlich in ihre Zerstörung mündet.“

Zwar bemängeln die Kritiken ein etwas „nachlässiges Lektorat“ in der Übersetzung, Doch weiter heißt es:

„Das sind nur irritierende Kleinigkeiten am Rande eines weiteren großen Werkes des wunderbar kalkulierenden Fabulierers aus Brünn.“

Foto: Verlag Druhé město
„Ich sollte mich gleich zu Beginn vorstellen.“ So startet Kratochvils Novelle „Alfa Centauri“. Jonas wurde im Säuglingsalter bei einem Gewittersturm in einer menschenleeren Straßenbahn gefunden. Aufgelesen wurde er von einem ehemaligen Emigranten und Maler, der nach der politischen Wende von 1989 zurückgekehrt war, mit dem Namen Tomáš Uher. Dies erfährt Jonas erst 13 Jahre später von ihm. Einen Tag darauf trifft Uher im Park einen durchfrorenen und unter Gedächtnisverlust leidenden Mann. Er nimmt ihn mit nach Hause, damit dieser sich etwas erholen kann. Der Obdachlose, der von Uher den Namen Charlie erhält, erweist sich als geschickter Handwerker und bleibt im Haus. Zwischen ihm und Jonas entsteht eine enge Beziehung auf. Uher fahndet unermüdlich nach Charlies Identität. Er stellt seine Kohlezeichnung des Mannes ins Internet und stößt nach einer gewissen Zeit auf die erste Spur. Danach überschlagen sich die Ereignisse mit einem überraschenden Schlusspunkt.

Foto: Aaron Beall,  Stock.xchng
Die Handlung von Kratochvils Roman „Alfa centauri“ beinhaltet drei Zeitebenen. Die des Malers Uher mit vielen Gesprächen über die Gegenwartskunst, zum zweiten ist es ein Rückblick auf die Französische Revolution und letztlich ein Blick in die Zukunft, also eine Utopie und Science Fiction. Doch nicht nur die Verflechtung der Ebenen ist ungewöhnlich. Ebenso der Hintergrund des Buches. Jiří Kratochvil:

„Das Thema ist über 30 Jahre alt. An der Wende der 1970er und 1980er Jahre arbeitete ich als Heizer. 1981 war mein Mitarbeiter ein gewisser Herr Grün. An seinen Vornamen kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich siezte ihn, weil er 25 Jahre älter war. Ich schrieb gerade meinen ‚Bärenroman’ und schmiss wie immer die ersten Textversionen in den Papierkorb. Einmal fischte mein Arbeitskollege die Papierschnipsel heraus, versuchte sie zu lesen und fragte mich, ob ich Schriftsteller sei. Ich bestritt das. Damals war ich in Kontakt mit Trefulka, Uhde und anderen verbotenen Autoren und wollte nicht, dass dies viele Leute erfuhren. Außerdem hatte ich noch immer die tief in meiner Kindheit verwurzelte Angst vor der Staatssicherheit. Später gewann ich aber Vertrauen zu ihm. Er war ehemaliger Häftling des KZ Buchenwald und erzählte mir vieles davon.“

KZ Buchenwald  (Foto: Clemensfranz,  Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Herr Grün erzählte unter anderem von einem Polen, der vor seinem Transport ins KZ Erzählungen publiziert hatte und auch einen Roman schreiben wollte. Der Pole erzählte Herrn Grün auch den geplanten Inhalt des Romans und bat ihn, das Buch zu schreiben, falls er selbst sterben sollte. So kam es dann auch. Doch Grün fand sich nicht genügend begabt für das Schreiben und wandte sich an Jiří Kratochvil mit der Bitte, sich des Stoffes anzunehmen. Der Schriftsteller lehnte dies zwar ab, ließ sich aber den Romaninhalt des Polen erzählen:



Adolf Hitler  (Foto: Bundesarchiv,  Bild 146-1990-048-29A / CC-BY-SA)
„Der Pole war auf den Gedanken gekommen, es hätte keine KZs gegeben, wenn Adolf Hitler seinerzeit zum ersehnten Studium an der Kunsthochschule in Wien aufgenommen worden wäre. In dem Fall hätte Hitler keine Zeit für Politik gehabt. Diese Auffassung wies ich strikt zurück, und auch Herr Grün gab mir letztlich Recht. Hitler war besessen vom Antisemitismus und vom Gedanken, sich an Frankreich für den Friedensvertrag von Versailles aus dem Jahr 1919 zu rächen. Zudem war er vom Wahn eines großdeutschen Reiches beherrscht. Früher oder später wäre er in die Politik gegangen. Und so zerbrachen sich Herr Grün und ich eine Zeitlang den Kopf darüber, wie wir die Vorstellung des Polen umändern und trotzdem einen Handlungsstrang ohne Hitler entwickeln könnten. Denn beide waren wir uns einig, und sicherlich wäre auch der Pole derselben Meinung gewesen, dass sich die Geschichte der Menschheit ohne Hitler anders entwickelt hätte.“

Um es kurz zu fassen, beide Herren einigten sich darauf, Hitler im Ersten Weltkrieg sterben lassen. In ihrem historischen Konstrukt ließen sie auch Lenin während seines Aufenthalts in Zürich sterben. Kratochvil beschreibt die Konsequenzen:

„In der Folge hätte es weder den Nationalsozialismus noch den Kommunismus, keine KZs und auch keinen Zweiten Weltkrieg gegeben.“

Jakobiner  (Foto: Mcleclat,  Wikimedia CC BY-SA 3.0)
So das Fazit der Debatte über ein virtuelles Buch, doch weder Grün noch Kratochvil wollten es schreiben. Bei ihrer Arbeit als Heizer kehrten sie daher später zum Schachspiel zurück. Die Geschichte hat aber eine Fortsetzung:

„Nach 31 Jahren begann ich mich mit dem Gedanken zu beschäftigen, dass es in der Vergangenheit möglich gewesen sein dürfte, den Lauf der Geschichte zu ändern. Doch das war nicht in der Zeit Hitlers oder Lenins, sondern viel früher - in der Französischen Revolution. In meinem Buch ´Alfa centauri´ verhindern entsprechende Schritte den Terror der Jakobiner, der zur Verunsicherung der Habsburger Monarchie geführt hatte, unter anderem im Zusammenhang mit dem tragischen Schicksal von Marie Antoinette. In Wien fürchtete man dann vor allen Revolutionen, weswegen die Monarchie nicht den Weg zu einer bürgerlichen Gesellschaft einschlug, sondern zu einer totalitären Gesellschaft. Am Ende dieses Weges stand der Erste Weltkrieg.“

Alpha Centauri  (Foto: ESO/DSS 2,  Wikimedia CC BY 3.0)
Doch ohne den Terror der Jakobiner auch kein Erster Weltkrieg. Und ohne diesen Krieg hätte die Menschheit laut Kratochvil die Chance gehabt, sich viel intensiver der Forschung zu widmen, vor allem in der Medizin und in der Raumfahrt. Dies eröffnet in seiner Erzählung sogar die Möglichkeit in ein anderes Sternensystem einzudringen, das Alpha Centauri. Und wie endet die stark verflochtene Geschichte? Kratochvils Brünn gewinnt einen Wettbewerb von Weltmetropolen und darf auf einen Planeten von Alpha Centauri übersiedeln. Mit dabei sind Jonas und Charlie.


Dieser Beitrag wurde am 16. November 2013 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.