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25) Jiří Kratochvil: Inmitten der Nacht Gesang

Jiří Kratochvil

Jiří Kratochvil (1940) ist ein Romanautor, Essayist und Dramatiker, dessen gesamtes Werk eng mit seiner Geburtsstadt Brno / Brünn verbunden ist. Seine Romane sind geprägt von einer Mischung aus Realismus und Phantastik und werden oft der Postmoderne zugeordnet.

Quelle:  Verlag Rowohlt

Laut dem Schweizer Literaturkritiker Andreas Breitenstein verbindet Jiří Kratochvil in seinem Werk sowohl Elemente von Bohumil Hrabal und Milan Kundera, als auch von Günter Grass und Bruno Schulz. An diese berühmten Schriftsteller erinnert auch die Lektüre des Romans „Uprostřed nocí zpěv“ – „Inmitten der Nacht Gesang“. Das teilweise autobiografische Werk des Brünner Schriftstellers, Essayisten und Dramatikers Jiří Kratochvil erschien erstmals 1989, und zwar im sogenannten Samisdat, also im Selbstverlag. Offiziell kam es dann 1992 auf die Büchertische.

„Das Buch von Jiří Kratochvil erzählt von der Suche nach dem Vater. Die Hauptfiguren suchen ihre Väter, von denen sie in den frühen Kinderjahren verlassen wurden. Der eine hat seinen Vater überhaupt nicht kennengelernt, der andere hat nur blasse Erinnerungen an ihn.“

Zbyněk Fišer | Foto: Alena Blažejovská,  Tschechischer Rundfunk

Soweit Zbyněk Fišer. Er ist Leiter des Instituts für tschechische Literatur an der Masaryk-Universität in Brünn.

Suche nach dem Vater

Erzählt wird abwechselnd die Geschichte zweier Jungs, die in der Zeit des Stalinismus in Brünn ohne Vater aufwachsen. Die beiden Erzählstränge verschmelzen am Ende miteinander. Das Buch liefert eine ziemlich bunte Mischung an Charakteren – frühreife Kinder, verlassene Ehefrauen, Mitglieder der Brünner Unterwelt. Die Germanismen in den Mundarten der Figuren erinnern an die deutsche Vergangenheit der Stadt.

Brünn | Foto: Benoît Rouzaud,  Radio Prague International

„Die beiden Geschichten haben gemeinsam, dass ihre Erzähler in Brünn leben. Brünn ist in den beiden Geschichten dasselbe. Unterschiede erzielt Kratochvil durch die Schreibweise. Der Erzähler in den ungeraden Kapiteln schreibt auf traditionelle, korrekte Weise. Mit vollständigen Sätzen und Dialogen, großen Buchstaben am Anfang und einem Punkt am Ende der Sätze. Dieser erste Erzähler wird nie beim Namen genannt, er ist sozusagen namenslos. Der andere Erzähler, in den geraden Kapiteln, hat hingegen einen Namen, er heißt Petr oder genauer Petřík. Dieser schreibt im mährischen Dialekt beziehungsweise in einer Mischung aus Tschechisch und Brünner Slang. Die Sätze beginnen ohne große Buchstaben, als ob sie automatisch herausgesprudelt wären. Die Satzgefüge sind unendlich lang, ein Satz zieht sich etwa über eine halbe Seite. Das ist der wichtigste stilistische Unterschied.“

Jiří Kratochvil | Foto: Ben Skála,  Benfoto,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0 DEED

Jiří Kratochvil stammt aus einer Brünner Akademiker- und Literatenfamilie. Das Buch „Inmitten der Nacht Gesang“ hat autobiographische Züge. Der Literaturhistoriker ergänzt:

„Jiří Kratochvil ist Sohn eines Emigranten aus der Zeit nach 1948. Das ist der erste Satz auf dem Buchumschlag. Sein Vater emigrierte tatsächlich 1950 in den Westen. Seine Familie wurde hierzulande deswegen verfolgt. Jiří hatte Schwierigkeiten, als er an der Hochschule studieren wollte und später eine Arbeit suchte. Einige seiner Erlebnisse spiegeln sich in den Geschichten der beiden Hauptfiguren wider – in der einen unauffällig, in der anderen markanter.“

Tschechische Ausgabe des Romans „Inmitten der Nacht Gesang“ | Quelle:  Verlag Atlantis

Bisher war nur von Jiří Kratochvil die Rede. Nun kommt der Autor selbst zu Wort. 2020 erläuterte er in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks seine Art zu schreiben:

Phantastik und Realität

„Wie ich Romane schreibe? Ich muss natürlich eine Rahmengeschichte haben. In diesem Rahmen befindet sich aber ein Mosaik aus vielen Erzählungen. Ich bin selbstverständlich durch mein Leben stark geprägt, durch meine Kindheit in den 1950er Jahren. Ich kann dies nicht loswerden. Es taucht immer wieder in meinen Büchern auf, und ich kann nichts dagegen tun.“

Jiří Kratochvil | Foto: David Konečný,  Tschechischer Rundfunk

Schon in seinen ersten Romanen hat Kratochvil eine typische Poetik gefunden, die ihn bis heute auszeichnet. Mit den Mitteln von Allegorie, Ironie und Phantastik erzählt er schier unglaubliche Geschichten, die in realen historischen Epochen verankert sind. In „Inmitten der Nacht Gesang“ beschreibt er die harten Nachkriegsjahre, immer wieder unterbrochen von Ausbrüchen ungezügelter Fantasie. Seine Bücher werden mit den Texten des magischen Realismus verglichen. Der Brünner Literaturhistoriker Zbyněk Fišer erklärt warum:

Illustrationsfoto: lilartsy,  Pexels,  CC0 1.0 DEED

„Kratochvil bekennt sich dazu, indem er einen einheitlichen Handlungsablauf unterdrückt. Er zerstört die traditionelle Erzählstruktur dadurch, dass er zwei Stränge abwechselt, in die Handlung mit Kommentaren eingreift und immer wieder von der Handlung abbiegt. Zudem hat der Text fantastische, magische Elemente, die Kratochvil mit der üblichen Welt und Realität konfrontiert. Diese übernatürlichen Erscheinungen wirken in der Welt der Protagonisten aber ganz natürlich, werden als normal betrachtet, und niemand lässt sich davon aufhalten. Das ist für die südamerikanischen Autoren des magischen Realismus charakteristisch, und wir finden dies auch bei ihm.“

Hommage an die Stadt Brünn

Brünn | Foto: Vít Pohanka,  Tschechischer Rundfunk

„Inmitten der Nacht Gesang“ ist aber nicht nur ein Porträt der Zeit, sondern auch eine Hommage an Kratochvils Heimatstadt Brünn.

„Kratochvil hat einmal gesagt, er sei ein Schriftsteller, der Brünn für die Literatur geschaffen hat. Seine Werke werden auch in Fremdsprachen übersetzt, und die Stadt Brünn gelangt dadurch in die Weltliteratur. Der Autor ist in Brünn aufgewachsen und liebt die Stadt. Die meisten seiner Texte spielen dort und in der nahen Umgebung. Ich denke aber nicht, dass sie als literarischer Führer durch die Stadt dienen können.“

Jiří Kratochvil | Foto: Ben Skála,  Benfoto,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0 DEED

Ab den 1970er Jahren stand Kratochvil in der Tschechoslowakei auf der Liste verbotener Autoren, er durfte nur noch Arbeiterberufe ausüben. Deswegen erlebte er erst um seinen 50. Geburtstag herum sein offizielles literarisches Debüt…

„Er hatte das Gefühl, die Zeit nachholen zu müssen. Er geriet in die Situation, dass er sich entscheiden musste, ob er angestellt bleibt oder als Freischaffender weiter tätig ist. Kratochvil machte sich Gedanken, ob er von der Schriftstellerei leben kann. Es war ihm klar, dass es nicht einfach sein wird, entschied sich aber trotzdem für dieses Risiko. Das Schreiben, das Gefühl, dass er alles nachholen und Geschichten verfassen muss, die durch seinem Kopf schwirren, waren ihm wichtiger. Er begann zu schreiben. Seit 1999 hat er jedes Jahr oder alle zwei Jahre ein Buch veröffentlicht.“

Debüt am 50. Geburtstag

Quelle:  Verlag Ammann

Nach der Samtenen Revolution schrieb Kratochvil rund 30 Werke: Romane, Erzählbände, Essays. Was würde der Kenner seiner Texte den Lesern empfehlen?

„‚Inmitten der Nacht Gesang‘ ist ein schwieriges Buch. Wer Romane mag, könnte mit dem Roman ‚Nesmrtelný příběh‘ (auf Deutsch „Unsterbliche Geschichte“) von 1997 anfangen. Der Autor nimmt darin mehr Rücksicht auf die Leser, obwohl er ein Panoramabild des gesamten 20. Jahrhunderts zeichnet. Zwar spielt der Roman an vielen Orten und in vielen Ländern, und es treten mehrere Dutzend Figuren und historische Gestalten darin auf, dennoch ist der Text übersichtlich und verständlich. Gleichzeitig ist das Fantastische und Magische in dem Buch besonders stark vertreten. Der Handlungsstrang ist sehr stark: Eine Frau sucht ihren Geliebten, der aber in der Silvesternacht 1900 in Wien gestorben ist. Sie trifft ihn in verschiedenen tierischen Reinkarnationen wieder. Der Leser verliert sich nie, liest aufmerksam bis zum Ende und erwartet mit Spannung, wie es ausgeht. Wer eine traditionellere Geschichte lesen möchte, könnte sich Kratochvils letzten Roman ‚Liška v dámu‘ von 2019 vornehmen. Und wer gerne Erzählungen liest, dem würde ich den Erzählband ‚Má lásko, postmoderno‘ empfehlen.“

Quelle:  Verlag Druhé město

Der heute 81-jährige Jiří Kratochvil hat zahlreiche Literatur-Auszeichnungen erhalten, so unter anderem den Karel-Čapek- und den Jaroslav-Seifert-Preis. Für seinen jüngsten Roman „Liška v dámu“ bekam Kratochvil im vorigen Jahr den Magnesia-Litera-Preis in der Kategorie Prosa. Seine Bücher sind in mehrere Sprachen übersetzt worden, auch ins Deutsche.

Autoren: Markéta Kachlíková , Pavla Horáková , Tomáš Pancíř
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