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6) Neue Welt: Künstlerviertel im Schatten der Prager Burg

Dächer der „Neuen Welt“, im Hintergrund die St.-Johann-Nepomuk-Kirche (links) und das Kapuzinerkloster und das Loreto (rechts). Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International

Die „Neue Welt“ – einst Wohnsitz für Bedienstete der Prager Burg, später ein Armenviertel und zuletzt Lieblingsort vieler Künstler. Auf ihre verwinkelten Gässchen und pittoresken Häuser trifft man nordwestlich der Prager Burg, wo sie sich an die mächtigen barocken Festungsmauern kauern.

Haus Zur goldenen Birne (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)

Die „Neue Welt“ ist einer der malerischsten Winkel Prags. Bis in die heutige Zeit hat das Viertel, das eigentlich nur aus drei Straßen besteht, den Charakter eines Dorfes inmitten einer Großstadt. Die ersten Häuser unterhalb der Prager Burg entstanden ab der Mitte des 14. Jahrhunderts. Sie bildeten eine kleine Vorstadt des Hradschin. Im 16. Jahrhundert wohnten dort vor allem die Bediensteten der Herrscher. Nachdem aber die Habsburger Prag als Residenz aufgaben, verlor die Neue Welt diese Rolle. Sie entwickelte sich zu einem Armenviertel. Paradoxerweise erinnern heute die „goldenen“ Namen der dortigen Häuser daran: „Zur goldenen Birne“, „Zum goldenen Stern“, „Zur goldenen Sonne“ und „Zum goldenen Lamm“ sind einige der Beispiele. Petr Ryska ist Stadtführer und Autor des Projekts „Unbekanntes Prag“.

Neuwelt-Gasse (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)

„Die Namen hängen mit der Armut der hiesigen Einwohner zusammen. Sie hatten kaum etwas in der Tasche und wollten daher ihre Umwelt zumindest dem Namen nach vergolden. Sie nannten ihre Häuser ‚Zum goldenen Storch‘, ‚Zum goldenen Strauß‘ oder ‚Zum goldenen Baum‘.“

Tycho Brahe

Haus Zum goldenen Greif (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)

Im Haus „Zum goldenen Greif“ hielt sich im 17. Jahrhundert der weltbekannte Forscher Tycho Brahe auf:

„Tycho Brahe war ein dänischer Astronom, Astrologe und Alchemist. Er wurde von Kaiser Rudolf II. nach Prag geholt. Brahe ließ sich zunächst im Haus ‚Zum goldenen Greif‘ nieder, das damals als Gasthaus diente. Das Haus war aber sehr klein, Tycho Brahe konnte dort nicht all seine Geräte unterbringen. Rudolf II. bot ihm daher das sogenannte Kurz-Haus auf dem Pohořelec an, das wesentlich größer war.“

Haus Nr. 6 hat keine Tür (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)

Die Neue Welt bietet viele Überraschungen. Rätselhaft wirkt ein rosa Häuschen an der Ecke der Straßen Nový Svět und Černínská. Es trägt die Nummer sechs, hat aber keine Eingangstür. Petr Ryska erzählt:

„Ich habe zuerst angenommen, dass es sich um einen Anbau zum Haus daneben handelt. Aber aus der Fachliteratur habe ich erfahren, dass das kleine Häuschen mit dem höheren gelben Haus daneben verbunden ist. Und dieses ist wiederum mit einem noch höheren Haus verbunden. Diese drei Häuser wurden vom Maler Jiří Anderle mal bewohnt. Er ist inzwischen umgezogen und hat das Haus einem Freund übergeben, dem Grafiker Vladimír Suchánek. Ich habe ihn einmal getroffen und ihm gesagt, ich hätte auf einer alten Postkarte gesehen, dass das Häuschen einst eine Tür hatte. ‚Gab es dort etwa einen Tabakladen?,‘ fragte ich den Künstler. Er sagte nein, dort habe eine arme Frau gewohnt. Die Mauern des Hauses sind sehr dick, der Raum drinnen ist daher mickrig. Er ist etwa 1,25 Meter lang. Die Frau musste dort zusammengerollt wie eine Schnecke schlafen. Jedenfalls hat Jiří Anderle beide Häuser miteinander verbunden, um mehr Raum zu haben.“

Neuwelt-Gasse (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)

Blockhütte und Haus ohne Tür

Blockhütte Zum Krebs (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)

Nur ein Stück weiter stößt man auf eine Blockhütte, wie man sie in Prag kaum erwarten würde. Sie trägt den Namen „Zum Krebs“. Die Hauptstraße des Viertels, Nový Svět, folgt nämlich dem Verlauf einer früheren Straße. Diese führte entlang des Baches Brusnice, in dem es früher vor Krebsen nur so gewimmelt hat. Ende des 19. Jahrhunderts lebte unter anderem eine junge Schneiderin in dem Haus. Die Geschichte von ihr sei eine Liebesromanze, sagt Petr Ryska:

Madonna Murillos (Quelle: Wikimedia Commons, CC0)

„Die junge Frau hieß Josefína Rabochová. Der Schriftsteller Jakub Arbes besuchte sie oft. Dazu muss man sagen, dass er seine Beziehung mit dem armen Mädchen nicht besonders ernst nahm. Das änderte sich aber, nachdem Josefína schwanger geworden war. Eine Woche nach der Geburt der kleinen Marie heiratete er Josefína. Die Tochter starb zwar früh, doch es folgten viele weitere Kinder, und die Ehe war letztlich sehr glücklich. Arbes hat die Blockhütte in die Handlung eines tragischen Prosatextes integriert, mit dem Titel ‚Die wundervolle Madonna‘. In dieser Erzählung will eine junge Frau ihrem Mann gefallen, der nur Augen für die Madonna auf Gemälden von Murillo hatte. Die Frau besorgte sich Arsen und nahm es in kleinen Dosen ein. Bald wurde sie schön wie die Madonna. Endlich widmete der Mann ihr seine Aufmerksamkeit, aber es war zu spät. Die unglückliche Frau starb kurz darauf an der Vergiftung.“

Haus Zum Krebs (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)

Das Holzhaus hatte im nachfolgenden Jahrhundert auch weitere bemerkenswerte Bewohner. In den 1960er Jahren gehörte es gemeinsam den Schriftstellern und untrennbaren Freunden Arnošt Lustig und Ota Pavel. 1987 kaufte der Künstler und Fotograf Alexandr Paul das Haus. Kurz nach dem Kauf musste er aber feststellen, dass die Blockhütte vom Holzschwamm befallen war. Das Haus wurde daher abgerissen und durch eine Replik ersetzt. Heute befindet sich ein kleines malerisches Hotel darin.

Not und Elend

Neue Welt mit dem Haus Zur goldenen Sonne (Nr. 27) im Jahre 1918 (Foto: Tomáš Vojta)

Vor allem Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Neue Welt ein Armenviertel, in dem Hunger und Not herrschten. Bis zu sechs Familien hätten sich in eines der kleinen Häuser dort gedrängt, sagt Petr Ryska:

„Eine Familie hatte nur eine kleine Kammer zur Verfügung, sechs bis acht Quadratmeter. Wie etwa hier im Haus ‚Zur goldenen Sonne‘, vor dem wir stehen. In diesen kleinen Kammern, die manchmal keine Fenster hatten, wohnten bis zu zwölf Menschen. Wenn es dort ein Bett gab, schliefen die Eltern darin. Die Kinder lagen auf dem Boden, bedeckt von Fetzen und umgeben von Küchenschaben. Außerdem wohnte meist die älteste Tochter mit ihrem Geliebten hier und dazu noch ein Schlafgast, der mit einigen Kronen die Haushaltskasse aufbesserte. Es waren feuchte, dunkle und schimmelige Wohnungen. Wenn die Polizisten die Häuser kontrollierten, mussten sie sich ein Tuch vor die Nase halten. Wären wir in der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik in diese Gegend gekommen, hätten wir Tische auf der Straße gesehen, an denen die Nachbarn saßen und plauderten. Am Waschtag wurden Leinen zwischen den Häusern gespannt, sodass die Leintücher getrocknet werden konnten. Das Straßenbild hier erinnerte an Neapel, daher wurde die Neue Welt auch das ‚Neapel Prags‘ genannt.“

Künstlerviertel

Haus Zum goldenen Lamm (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen viele Künstler in die leeren Wohnungen. Sie richteten die teils verwahrlosten Häuschen wieder her. Zudem bot ihnen das Viertel Zuflucht vor dem kommunistischen Regime. Das gilt auch für den Maler Miloš Kurovský, der im Haus „Zum goldenen Lamm“ wohnte:

„Das Fenster war stets offen, und dahinter war der Maler und arbeitete. Er hatte dort auch ein dickes Heft, in das man schreiben konnte, welches Bild man sich von ihm wünsche. Bei schönem Wetter arbeitete der Maler direkt auf der Straße und stellte seine Werke an der gegenüberstehenden Mauer aus. In den 1980er Jahren war die Stimmung hier einzigartig. Bis 1985 flackerten hier übrigens Gaslampen, es waren die letzten in Prag.“

Petr Ryska (Foto: Vojtěch Ruschka)

Zu den weiteren Bewohnern der Neuen Welt gehörten unter anderem die Regisseure Karel Kachyňa und Jan Švankmajer, der Bildhauer Jan Nálepa, der Glasbläser Bořek Šípek und der Maler Jan Zrzavý. Nach der politischen Wende von 1989 kam es zu einem weiteren Umbruch: Das einstige Armenviertel verwandelte sich in eine sehr teure und gefragte Wohngegend.

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