Prager Grundschule in der Londyska-Straße probt die Reform

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Der September hat begonnen und in dieser Woche auch wieder die Schule. In diesem Jahr heißt es in Tschechien nicht nur neues Schuljahr, neues Glück, sondern für viele Schüler auch neue Methoden. Die lang geplante Schulreform läuft in den Grundschulen an. Seit einigen Jahren schon arbeiten Lehrer und Schulleiter daran, für ihre Schule ein Schulprogramm zu entwerfen, das den Anforderungen der Zeit Rechnung trägt. Christian Rühmkorf hat eine der Pilotschulen besucht und sich mit Lehrern und Schülern über die Neuerungen unterhalten.

"Jede Schülerin, jeder Schüler geht gern in die Londynska

Wir haben unsere Schule gern, die Lehrer sind unsere Freunde

Und der Hausmeister grüßt dich, wenn er dich sieht."

Man traut seinen Ohren kaum, wenn man diese Zeilen aus Schülerkehlen hört. Wenn das stimmt, was da in der Schulhymne der Prager Grundschule in der Londynska-Straße geschmettert wird, dann ist dort nicht nur eine Reform, sondern vielleicht sogar eine Revolution gelungen. Was ist dran, an dem Lob? Anna aus der siebten Klasse ist erst seit einem Jahr hier. Sie wollte weg aus ihrer alten Schule im Stadtteil Barrandov, weil sie dort gemobbt wurde. Hier fühlt sie sich wohler. Aber das hat auch noch einen ganz konkreten Grund:

"Auf meiner alten Schule haben die Lehrer uns gesagt: ´Wir nehmen jetzt Ägypten durch, ihr habt das auf Seite 66 und 67, morgen werde ihr alle dazu geprüft!` Hier erklären sie uns, wie das in der Zeit war, wie man gelebt hat. Manchmal bekommen wir eine Gruppenaufgabe oder wir machen mit dem gesamten Jahrgang ein Projekt. Neulich die Pyramiden in Gizeh. Der ganze Jahrgang wurde in Gruppen aufgeteilt, und so haben wir verschiedene Themen bearbeitet."

Die Prager Grundschule in der Londynska-Straße ist eine besondere Schule. Vor mehreren Jahren ist sie vom Schulministerium als Pilotschule für die Schulreform auserkoren worden. Mit diesem Schuljahr ist die Reform in Kraft getreten. Jede Grundschule - andere Schultypen folgen noch - hat in den letzten Jahren ein eigenes Schulprogramm, ein eigenes Profil entwickeln müssen sowie andere Lernformen für die Kinder. Schulleiter Martin Sevcik erklärt, warum eine Schulreform nötig ist:

"Eine Reform bei der Grundschulbildung ist deshalb nötig, weil sich die Anforderungen an die Absolventen geändert haben. Heute kann nicht mehr davon die Rede sein, dass Kinder einfach ein bestimmtes Pensum an gegebenen Fakten lernen. Heute ist es nötig, dass sie sich Fähigkeiten aneignen, die sie durch das Leben begleiten, damit sie ein erfolgreiches Leben führen können, sowohl im Persönlichen als auch im Beruflichen. Wir müssen von den Fakten zu den Fähigkeiten übergehen."

Problemlösungskompetenz - das Schlüsselwort im Pädagogenkauderwelsch. Ein Begriff, der an sich schon wie ein Problem klingt, aber nichts anderes bedeutet, als dass jemand imstande ist, selbständig einen Lösungsweg für ein Problem zu finden, das sich ihm in den Weg gestellt hat. So ein Problem kann zum Beispiel als Suche nach einer geeigneten Wohnung oder einem Haus daherkommen, wie Martin Sevcik berichtet:

"Wir haben in diesem Schuljahr zum Beispiel ein Projekt für den achten Jahrgang vorbereitet, bei dem die Kinder die Aufgabe haben sich selbst das Wohnen zu organisieren. Sie werden mit dem Internet arbeiten, werden sich Angebote von Immobilienbüros einholen. Wenn sie sich eine konkrete Wohnung oder ein Haus ausgesucht haben, ist es ihre Aufgabe, bei dem für sie angenommenen Einkommen abzustecken, ob sie das finanzieren können oder nicht. Dabei müssen sie fächerübergreifend arbeiten. Für manche Aufgaben brauchen sie Mathematik, für andere gesellschaftswissenschaftliche Kenntnisse oder auch Erdkunde. Aber auch das Fach "Der Mensch und die Arbeitswelt" wird stark berührt. Sie lernen die Tätigkeiten des Maklers, des Architekten, des Anstreichers und des Elektrikers kennen und mit ihnen müssen sie fiktive Verträge abschließen, um ihre Wohnung, ihr Haus fertigzustellen."

Klassenlehrer Jiri Trunda zeigt mir in der großen Pause seinen kleinen Klassenraum. Wir gehen eine schmale Holztreppe hinauf auf eine Art Galerie, wie man sie aus zu kleinen Studentenwohnungen kennt und wo man normalerweise sein müdes Haupt ablegt. Hier aber stehen vier, fünf Computer, mit denen die Schüler während der Stunde individuelle Aufgaben bearbeiten oder Gruppenarbeit erledigen können, wie Lehrer Trunda erklärt. Hier ist auch der Platz, an dem er und die Schüler sich jeden Morgen zusammensetzen und anfallende Probleme besprechen. Hier haben die Kinder die Möglichkeit Neuigkeiten auszutauschen, über die sie sonst während des Unterrichts reden würden, sagt Trunda.

Herkömmliche Fächer, wie Physik, Chemie Biologie gibt es als solche nicht mehr. Sie sind zusammengefasst in einem großen Fach, in dem immer wieder die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Fächern aufgezeigt werden. So ein übergreifendes Fach heißt dann "Die Welt der Natur". Oder auch "Der Mensch und die Gesellschaft" anstelle von Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde. Kritische Stimmen sagen, dass der Unterrichtsstoff durch die Zusammenlegung der Fächer oberflächlicher behandelt wird. Jiri Trunda sieht das anders:

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"Es ist auf keinen Fall so, dass die Kinder weniger Informationen bekämen oder stofflich weniger in die Tiefe gingen. Im Gegenteil. Ich glaube, dass wir uns den Kindern wesentlich individueller widmen können. Ich habe auch an Schulen gearbeitet, an denen man nach der so genannten klassischen Methode - also frontal - unterrichtet hat. Ich kann das also vergleichen und ich weiß, dass ich mich jedem einzelnen Kind wesentlich mehr widmen kann. Mit besonders talentierten Kindern kann ich außerordentlich tief in die Materie eindringen, anders als beim Frontalunterricht, wenn ich allen Kindern das Gleiche vorlege. Der Unterricht ist also sehr effektiv."

Einer der Grundpfeiler der Reform ist das Zeugnis, auf dem die Schüler keine Einsen, Zweien oder Fünfen mehr finden. Ihre Leistung, ihr Fortschritt wird in Worten beschrieben. Was findet Anna besser - Noten oder ein Zeugnis in Worten?

"Sicher gefällt mir das Wortzeugnis besser, weil ich daraus erfahre, was ich schon kann und vor allem, was ich noch verbessern muss. Aus einer schlechten Note in Tschechisch kann ich einfach nicht erkennen, welche Probleme ich in der Rechtschreibung noch unbedingt verbessern muss. Ich weiß am Ende genauer, wie es mit meiner Leistung steht."

Katerina Koznerova ist eine neue Lehrerin und unterrichtet Englisch, Tschechisch und ästhetische Erziehung. Sie hat sich die Grundschule in der Londynska-Straße gezielt ausgesucht, weil man an dieser Schule anders auf die Schüler zugeht. Wichtig ist für sie dabei auch das Zeugnis in Textform. Die Kritiker dieser Bewertungsmethode kann sie jedoch auch verstehen:

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"Bei einer Eins wissen die Schüler sofort: Das ist super! Beim Worturteil ist das nicht immer sofort klar. Ein anderer Punkt ist, dass die Wortbewertung sehr hohe Anforderungen an den Lehrer stellt. Er muss das Kind aufrütteln, motivieren. Sonst sind die Noten ein Motivationsfaktor, hier muss die Motivierung der Schüler hauptsächlich vom Lehrer ausgehen. Aus der Wortbewertung und durch sein Auftreten."

Ist das nicht sehr anstrengend Tag für Tag?

"Klar, das ist eine unglaublich anstrengende Sache. Das Schwerste eigentlich! Deswegen ist es auch wichtig, dass man gerne Lehrer ist, dass man es aus einer Art Berufung heraus macht. Es geht nicht, wenn man sich diesen Job nur aussucht, weil es gerade nichts anderes gab."

Ist Katerina Koznerova eine Idealistin?

"Nein, das bin ich nicht. Ich bin einfach ein normaler, ausgeglichener Mensch."

Auch die Schülerin Anna ist keine Idealistin. Anders als es in der Schulhymne heißt, glaubt sie nicht, dass Lehrer ihre Freunde sind. Auch wenn sie freundlich sind. Ein Freund ist ein Freund, sagt sie und ein Lehrer ist ein..., na etwas anderes eben. Richtig ist aber, dass der Hausmeister ein freundlicher, geduldiger Hausherr ist. "Nein, Stress ist nicht gerade mein Freund", sagt Hausmeister Voracek.