Prager Kinder-Krisenzentrum feiert 10 Jahre seiner Existenz

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Willkommen zu einem neuen Themenkaleidoskop, liebe Freunde. Am Mikrofon begrüßt Sie Lucie Mouckova.

Nadace Naše dítě
In der Tschechischen Republik gibt es etwa 60 Krisenzentren für Kinder. Deren Mitarbeiter (meistens Soziologen, Psychologen, oder Psychotherapeuten) bemühen sich, Kindern in Not Hilfe zu leisten. Das Kinder-Krisenzentrum, das in Prag tätig ist, stellt uns jetzt einer der dortigen Mitarbeiter, Tomas Prenosil, vor:

"Das Kinder-Krisenzentrum entstand bereits vor 10 Jahren zur Unterstützung für misshandelte oder vernachlässigte Kinder. Unser Betätigungsfeld ist sehr weitreichend, von Therapie, über Vorsorge bis hin zur Diagnose misshandelter Kinder. Es können sich an uns sowohl Kinder als auch Eltern wenden. Oder auch Nachbarn, die einen Verdacht auf Misshandlung haben. Seit 1996 betreiben wir rund um die Uhr eine sog. Vertrauens-Hotline und seit 2 Jahren steht auch eine Internet-Hotline zur Verfügung. Wir verfügen auch über eine Wohnung, in der jeweils ein Elternteil mit Kindern in Not für eine Übergangszeit wohnen kann."

Die Problematik der misshandelten Kinder ist ziemlich spezifisch und es gibt in Tschechien nicht gerade viele Organisationen, die sich speziell damit beschäftigen. Eine ähnliche Anstalt gibt es nur noch in der mährischen Hauptstadt Brno (Brünn). Deshalb stammt die Klientel des Prager Kinder-Krisenzentrums praktisch aus ganz Böhmen.

Es interessierte mich, was die häufigsten Probleme sind, mit denen sich Menschen an das Prager Krisenzentrum wenden:

"Unsere Vertrauens-Hotline ist vor allem für die Problematik der Misshandlung bestimmt. Wir lehnen jedoch andere Anrufe oder Fragen nicht ab. Wir versuchen allen zu helfen, auch Menschen, die den Verdacht haben, dass in ihrer Umgebung ein Kind misshandelt wird. Wir beraten auch Kinder, die Probleme mit ihren Eltern haben, oder umgekehrt. Das Spektrum unserer Tätigkeiten ist also sehr breit."

Die Anrufenden brauchen nicht zu fürchten, dass ihr Gespräch öffentlich gemacht wird. Wie mir Herr Potmesil sagte, sind die Gespräche oft wirklich sehr intim und die Pflicht der Mitarbeiter des Krisenzentrums ist es, solche Informationen nicht zu veröffentlichen. Ich bat Herrn Potmesil, ein Modellbeispiel zu nennen. Aber nicht einmal das ist mir gelungen. Es könnte jemand seine eigene Geschichte darin erkennen und es wäre schade, wenn der Betreffende das Vertrauen in das Krisenzentrum verlieren würde.

Wie können aber die Mitarbeiter des Prager Kinder-Krisenzentrums einem Menschen per Telefon oder Internet helfen? Hierzu noch einmal Tomas Prenosil:

"Obwohl wir ein Krisenzentrum für Kinder sind, werden die meisten Gespräche mit Erwachsenen geführt. Wenn uns ein Kind anruft, dann ist es schon viel schlimmer. Ein solches Kind hat nämlich zuerst Hilfe innerhalb seiner Familie oder der nahen Umgebung gesucht und nicht gefunden. Und erst dann wendet es sich an eine fremde Person. In einem solchen Fall können wir das Kind anhören, mit dem Kind sprechen, ihm grundlegende Informationen geben, z.B. wohin es sich wenden soll usw. Falls wir es für notwendig halten, laden wir Hilfesuchende in unser Kinder-Krisenzentrum in Prag ein. Hier wird das Problem genau diagnostiziert und danach folgt eine entsprechende Therapie."

Es stimmt nicht, dass ein Kind durch eine physische Misshandlung mehr belastet wird als durch eine psychische. Wenn zum Beispiel Eltern sich scheiden lassen, sind ihre Kinder einem großen Streß und psychischem Druck ausgesetzt. Und es ist oft schwerer, eine psychische Entbehrung als einen blauen Fleck zu ertragen. Denn blaue Flecke heilen schneller. Aber seelische Wunden halten viel länger.

Viele Kinder und Erwachsene wandten sich auch während des Hochwassers an das Krisenzentrum, das im August durch Tschechien stürmte. Wie mir aber Tomas Prenosil sagte, waren die Fragen ein bisschen anders:

"Das Hochwasser in Tschechien hat viele Familien betroffen; in dem Sinne, dass sie plötzlich ihre Werteskala ändern mussten. Diejenigen Kinder, die nicht direkt betroffen waren, waren oft erschrocken und stellten ihren Eltern viele Fragen. Und die wiederum riefen uns an und fragten uns, wie eine solche Katastrophe Kindern erklärt werden soll. Bei Kindern, die evakuiert werden mussten, konnte eine plötzliche Änderung ihres Verhaltens auftreten. Und gerade diese Kinder brauchen eine Ordnung. Es war notwendig, ihnen zu erklären, dass es eine außergewöhnliche Situation war, dass aber das Leben trotzdem normal weitergeht."

Wie ich am Anfang des Themenkaleidiskops erwähnt habe, gibt es das Prager Kinder-Krisenzentrum schon seit 10 Jahren. Obwohl die Jubiläums-Feiern wegen der Hochwasser-Situation nicht so umfangreich sein werden wie ursprünglich geplant, wird das 10jährige Bestehen doch gefeiert. Am 26. September findet z.B. im Prager Museum "zum grünen Frosch" eine Vernissage und Versteigerung von Bildern statt, die Kinder für das Krisenzentrum gemalt haben. Mit dem aus der Versteigerung gewonnenen Geld wird das Zentrum neu eingerichtet. Im Oktober, am 10. 10., findet im Roxy Klub ein Projekt namens "Ernste Musik im Roxy" statt. Diese Aktion ist für diejenigen bestimmt, die über das Kinder-Krisenzentrum mehr erfahren und es unterstützen möchten. Und damit geht unser Themenkaleidoskop zu Ende. Es verabschiedet sich Lucie Mouckova.

Autor: Lucie Mouckova
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