Prager Theaterfestival deutscher Sprache zielt auf zeitgenössische Stücke

Foto: Arno Declair, Archiv des Deutschen Theaters Berlin

Am bevorstehenden tschechischen Nationalfeiertag, dem 28. Oktober, beginnt in Prag das traditionsreiche Theaterfestival deutscher Sprache. Den 18. Jahrgang eröffnet das Deutsche Theater Berlin mit der Inszenierung „Ödipus Stadt“. Im Folgenden sind dann noch die Münchner Kammerspiele, das Schauspielhaus Wien, das Luxemburger Theatre de la Ville und die Kapelle Eidgenössisch Moos in Prag zu sehen. Petr Štědroň ist der Dramaturg des Festivals.

Petr Štědroň (Foto: ČTK)
Herr Štědroň, das Prager Theaterfestival deutscher Sprache steht in diesem Jahr unter dem Motto ‚Was ist los/Los’? Was wollen Sie damit zum Ausdruck bringen?

„Eigentlich hat dieses Motto zwei Bedeutungen. Es ist die einfache Frage, was sich gerade ereignet, und die zweite, viel wichtigere Frage heißt: Wie ist das Schicksal, das uns verfolgt? Das hängt mit der Dramaturgie der Ausgabe zusammen, vor allem mit der ersten Vorstellung ‚Ödipus Stadt’ aus dem Deutschen Theater Berlin, aber auch mit der Vorstellung ‚Luft aus Stein’ aus dem Schauspielhaus Wien, mit ‚Muttersprache Mameloschn’ ebenso aus dem Deutschen Theater Berlin und auch mit ‚Judas’ der Münchner Kammerspiele.“

‚Ödipus Stadt’ (Foto: Arno Declair, Archiv des Deutschen Theaters Berlin)
Gibt es einen gemeinsamen Nenner, einen thematischen Schwerpunkt, der die Vorstellungen verbindet?

„Es sind vor allem zeitgenössische Stücke. Auch ‚Ödipus Stadt’ ist eine völlig neue Bearbeitung des ursprünglich antiken Stoffes von Euripides, Aischylos und anderen aus der Sicht des Dramaturgen Jon von Löffel. Diese Inszenierung stellt die Frage nach dem heutigen Leben in der Demokratie. Ansonsten haben wir mit den Inszenierungen, die wir eingeladen haben, eigentlich drei zeitgenössische Stücke ausgewählt: ‚Muttersprache Memoloschn’ von Mariana Salzmann, einer sehr jungen Dramatikerin, ‚Luft aus Stein’ von Anna Habermehl und der Text ‚Judas’, der von Johan Simons inszeniert wurde. Diese drei Stücke sind eigentlich der Kern des Programms, in dem Sinne, dass sie ähnliche Fragen beantworten möchten.“

Bedeutet diese Auswahl, dass derzeit zeitgenössische Autoren auch in den Spielplänen der deutschsprachigen Theater verstärkt vertreten sind, oder ist dies einfach Ihre Auswahl?

„Das ist natürlich nicht nur meine Auswahl. Es ist der gute Wille oder das gute System des deutschsprachigen Theaters, dass junge Autoren und junge Regisseure außerordentlich viel und energisch gefördert werden. Das führt zu Ergebnissen, denn aus diesen jungen und frischen Dramatikern werden später einmal klassische Autoren.“

Im Pogramm des deutschsprachigen Theaterfestivals wird traditionell auch eine tschechischsprachige Vorstellung gezeigt, und zwar diejenige, die den so genannten Josef-Balvín-Preis bekommen hat. Wofür wird dieser Preis verliehen, und wer wurde in diesem Jahr ausgezeichnet?

‚Kabarett Kafka’ (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Dieser Preis wird vom Festival verliehen, eigentlich von einer unabhängigen Jury von Theaterkritiken und Theatermachern. Der Zweck des Preises ist sehr einfach, und zwar die Deutschsprachigkeit auf den tschechischen Bühnen zu fördern. Die Regeln sind einfach: Es muss eine Bearbeitung eines ursprünglich deutschsprachigen Textes sein, der in der jeweiligen Theatersaison auf die Bühne gebracht wurde. In diesem Jahr war das die Inszenierung von Daniel Špinar mit dem Titel ‚Kabarett Kafka’. Es ist eine sehr interessante und frische Bühnenbearbeitung von Franz Kafkas ‚Brief an den Vater’. Die Inszenierung zeigt, dass Franz Kafkas Schriften immer noch völlig neu gelesen werden können.“


Das Festival findet von 28. Oktober bis 10. November statt. Neben dem Hauptprogramm werden auch Begleitveranstaltungen im so genannten Off-Programm angeboten. Nähere Informationen über alle Vorstellungen unter www.theater.cz.