Pragulic – Prag durch die Augen von Obdachlosen

Foto: Archiv Pragulic

Obdachlose leben am Rand der Gesellschaft. Ihnen den Schritt zurück zu einem geregelten Sozial- und Arbeitsleben zu erleichtern ist das erklärte Ziel des Privatunternehmens Pragulic. Der Betrieb mit sozialem Engagement organisiert Stadtspaziergänge, bei denen Obdachlose durch Prag führen. Und er bietet eine andere Sicht auf die Touristenmetropole.

Honza B.  (Foto: Archiv Pragulic)
Vor der Kirche des heiligsten Herzen des Herrn im Prager Stadtteil Vinohrady wartet Honza B., ein vergnügtes Grinsen auf seinem wettergegerbten Gesicht. Auf dem Rücken einen Designer-Rucksack aus recycelten Plastikplanen. In der einen Hand hält er eine Plastiktüte, die andere streckt er den Ankommenden entgegen. Heute kann er rund 15 Interessierte unterschiedlichen Alters zu seiner Stadttour begrüßen.

„Ich bin seit dem Jahr 2002 obdachlos. Seit drei Jahren bin ich aber Obdachloser mit Profession. Denn ich mache jetzt oft diese Stadtführungen, die mir jeweils ein paar hundert Kronen einbringen. Hauptsächlich sind sie für mich aber aus psychologischen Gründen wichtig.“

Ondřej Klügl  (Foto: Archiv Pragulic)
Begonnen hat das Projekt mit drei Soziologiestudenten, die bei einem Preisausschreiben ein sozial engagiertes Projekt einreichen wollten. 2012 entwickelten sie die Idee der Obdachlosentouren. Ondřej Klügl ist einer von ihnen:

„Unser Ziel ist es, so weit wie möglich den Obdachlosen einen Neustart zu ermöglichen und sie zu einem normalen Leben zurückzuführen. Wir unterstützen sie unter anderem dabei, eine Vollzeitbeschäftigung zu finden.“

Für die Obdachlosen ist die Arbeit für Pragulic ist eine Art Resozialisierung und eine Stärkung des Selbstbewusstseins.

„Für sie geht es nicht nur ums Geld, die Arbeit gefällt ihnen, es macht ihnen Spaß. Manche, die früher Drogenabhängig waren, sagen, es ist für sie wie eine neue Droge. Sie freuen sich extrem auf die Führungen. Dieses Projekt hat einen sehr starken Effekt auf die Obdachlosen. Dank der Arbeit hier lernen sie neue Leute kennen, sie sind plötzlich im Zentrum des Interesses, sie haben wieder eine gewisse Regelmäßigkeit in ihrem Alltag. Und einigen unserer Fremdenführer ist es während der letzten Jahre gelungen, ihr Leben wieder zu stabilisieren“, so Ondřej Klügl.

Nicht arbeitslos, sondern arbeitgeberlos

Karim  (Foto: Archiv Pragulic)
Die Stadtführungen werden von den Obdachlosen selbst zusammengestellt. Sie zeigen darin ihre jeweiligen Interessen und ihr Leben. Robert zum Beispiel macht eine Führung rund um Züge; Karim zeigt die Prager Unterwelt der homosexuellen Prostitution; Honza B. macht eine Büchertour durch alle Antiquariate der Stadt. Denn darum dreht sich sein Leben:

„Ich bin nicht arbeitslos, sondern arbeitgeberlos. Ich habe etwas gefunden, was ein Äquivalent zu dem darstellt, was man Arbeit oder Anstellung nennt. Ich sammle Bücher aus Containern. Ich verbringe damit täglich mehr als acht Stunden, auch an Sonntagen. Ich gehe dabei jeden Tag zehn bis fünfzehn Kilometer zu Fuß. Und ich habe mir eine Klientel aus Antiquaren aufgebaut. Ich kenne ihre Vorlieben und ihre Schwächen, ich weiß genau, welche Bücher ich wohin bringen muss.“

Foto: Archiv Pragulic
Wir gehen los. Unterwegs kommt immer wieder der Recycling-Rucksack zum Einsatz. Zum Beispiel, wenn Honza lehre Pfandflaschen findet und im Vorbeigehen schnell einsteckt. Oder wenn wir bei einem Notizbuchmacher stehen bleiben und Honza seine neuesten Bücherfunde auspackt und verkauft.

„Neben Antiquariaten habe ich noch einen weiteren Absatzmarkt. Oft finde ich Bücher, die schon kaputt sind, die ich also nicht mehr an ein Antiquariat verkaufen kann. Aber irgendein Teil von ihnen ist noch schön erhalten. Zum Beispiel ein paar schöne Illustrationen oder der Einband des Buches. Diese Bücher bringe ich dann zu einer Werkstatt, in der aus den schön erhaltenen Seiten Notizbücher und Kalender hergestellt werden.“

John-Lennon-Mauer drei Jahre nach dem Attentat auf John Lennon  (Foto: David Sedlecký,  Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Wieder unterwegs kommen wir an einem Müllcontainer vorbei, und Honza bricht mitten im Satz ab. Er entschuldigt sich und wirft einen schnellen Blick hinein, ob er nicht zufällig ein Buch oder ein Pfandflasche darin entdeckt. Dann erzählt er weiter aus seinem Leben und über seine Liebe zur Poesie:

„Ich habe meine Gedichte auch an Hauswände geschrieben. Die Polizei hat das dann wieder übermalt, also habe ich es erneut dort hingeschrieben. Das waren überhaupt keine antikommunistischen Sprüche oder Protestslogans, sondern Liebeslyrik. Irgendwann haben andere Leute angefangen, auch an diese Mauer zu schreiben. Und nach dem Attentat auf John Lennon hat irgendjemand dort eine kleine Erinnerungsstätte geschaffen. Er schrieb ‚In memoriam John Lennon’ und die Lebensdaten des Ex-Beatle hin. Seitdem ist das die berühmte John-Lennon-Mauer auf der Prager Kleinseite, die in jedem Reiseführer erwähnt wird.“

Ein Buch oder eine Pfandflasche – im Müll

Illustrationsfoto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag
Die letzte Station unserer Führung ist eine besetzte Klinik, die sich als „antikommerzielles, soziales und kulturelles Zentrum in Prag“ betitelt. Es gibt Schlafplätze und eine Gemeinschaftsküche, außerdem werden regelmäßig Konzerte und andere Veranstaltungen organisiert. Für Honza ist es einer der Orte, die er regelmäßig als Unterkunft nutzt. Im Garten sitzen bereits andere Prager Obdachlose beisammen. Daneben ist eine Gruppe junger Niederländer. Wir nehmen auf selbstgezimmerten Holzbänken Platz und Honza erzählt, wie er obdachlos geworden ist.

„Meine Frau hat mich sitzen lassen, sie ist mit meinem Steuerberater durchgebrannt. Das heißt, sie hat auch mein ganzes Eigentum mitgenommen. Es war alles schrecklich, und so bin ich obdachlos geworden. Der tschechische Dichter Jiří Wolker schrieb: Der Mann hat stets zwei Lieben, eine heiratet er, an der zweiten geht er zu Grunde.“

Honza  (Foto: Offizielle Facebook-Seite von Pragulic)
Davor hatte Honza eine Reihe verschiedener Berufe. Studiert hat er Dokumentarfilm an der Prager Filmakademie.

„Mir hat es an der Filmakademie gefallen, weil ich mich immer mit tabuisierten Themen auseinandergesetzt habe. Im Jahr 1983 habe ich zum Beispiel einen Film über Homosexualität gedreht. Die Kommunisten haben damals behauptet, dass Homosexualität nicht existiere.“

Mit seinen beiden Kindern hatte er lange keinen Kontakt. Als sie sich wieder bei ihm gemeldet haben, war das der Anlass für Honza, nach sozialen Gruppen und Projekten wie Pragulic zu suchen.

„Der Hauptgrund war, dass ich einen Ort finden wollte, an dem ich meine Kinder treffen kann. Welche Möglichkeiten hat man schon als Obdachloser? Im Winter in den Park zu gehen, das ist Unsinn. Dann habe ich eine Theatergruppe mit Obdachlosen gefunden und dann später auch Pragulic. Diese Organisationen haben die Plattform geboten, um sich zu treffen.“

Positives Lebensgefühl zurück

Stadtführung mit Pragulic  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Pragulic ist wesentlich mehr als nur ein Unternehmen, das Stadtführungen organisiert. Ondřej Klügl erklärt, was noch alles eine Rolle spielt:

„Wir haben eine enge Beziehung zu allen unseren Stadtführern, und wir helfen ihnen mit allem, was sie brauchen. Wenn sie zum Beispiel Hilfe mit einer Unterkunft brauchen, irgendwelche Dinge benötigen, Kleidung, oder einen Arbeitsvertrag abschließen, irgendwelchen Papierkram erledigen müssen... Wir bemühen uns zu tun, was wir können. Das ist ein großer Bestandteil der Arbeit von Pragulic.“

Und Honza ist mittlerweile wieder hoffnungsvoll:

Stadtführung mit Pragulic  (Foto: Offizielle Facebook-Seite von Pragulic)
„Ich war in einem so verzweifelten psychischen Zustand, dass ich lange Zeit komplett unbrauchbar war für irgendeine geregelte Arbeit. Es ging einfach nicht. Ich habe nur über meine Kinder und ihre Abwesenheit in meinem Leben geredet. Jetzt ist es besser. Und dank dieser Organisationen wie Pragulic habe ich wieder ein positives Lebensgefühl.“