Privatsphäre gegen Geld – Big Brother Awards 2016 vergeben

Foto: Markéta Kachlíková

Die Big Brother Awards werden seit zwölf Jahren auch in Tschechien vergeben. Die Negativpreise gehen an die, die in besonderer Weise die Privatsphäre von Personen beeinträchtigen. Ende vergangener Woche wurden die Preisträger für 2016 verkündet.

Foto: Markéta Kachlíková
Ein Kunde will ein Kredit aufnehmen. Die Kreditanstalt installiert daher eine App auf seinem Smartphone, die den Inhalt des Geräts überprüft. Zum Beispiel, ob er Personen in seinen Kontakten hat, die in der Vergangenheit Probleme bei der Kreditrückzahlung hatten.

So etwas gibt es nicht? Doch, ein ähnliches Vorgehen plant in Tschechien nämlich die Firma Home Credit. Sie hat dafür nun den Big-Brother-Award in der Kategorie „Firmenschnüffler“ erhalten. Jan Vobořil ist Geschäftsführer des Vereins Iuridicum Remedium, der die Antipreise verleiht:

„Auch wenn der Kunde der Installation der App zustimmt, ist ein solches Vorgehen nicht in Ordnung. Denn sicher stimmen dem die Personen nicht zu, deren Kontaktdaten er in seinem Handy hat. Die Firma Home Credit würde dann diese Angaben mit den Daten in ihrem Schuldenarchiv vergleichen. Anhand dieser alten Informationen über seine Schuldner entscheidet man über die Kreditgewährung für eine ganz andere Person.“

Jan Vobořil, Foto: Markéta Kachlíková
Eine Teilschuld trage dann aber auch der Kunde selbst, denn er lasse sich das gefallen, betont Jury-Mitglied Robert Malecký. Ihm zufolge sei es immer schwieriger, die Negativpreise zu vergeben. Einerseits gebe es zu viele Fälle, andererseits verschiebe sich die Grenze dessen, was als normal gelte. Was vor zwanzig Jahren als Exzess gegolten habe, löse heute keinen Aufschrei mehr aus:

„Es wäre sinnvoll, einen Negativpreis an uns alle zu vergeben. Denn die Bürger verzichten freiwillig auf ihre Freiheiten. Die Privatsphäre verliert überall an Wert. “

Die Firma Home Credit teilte dazu mit, an der App werde zwar gearbeitet, man plane aber nicht, die umstrittene Funktion zur Überprüfung von Kontakten zu nutzen. Der Preis werde für etwas verliehen, was das Unternehmen nicht mache und nicht machen werde.

Foto: Markéta Kachlíková
In der Kategorie „Behördenschnüffler“ ging der Antipreis an das Verteidigungsministerium, und zwar für seinen Entwurf zur Gesetzesnovelle über die Militärspionage. Das Gesetz sei sehr vage formuliert und mache die Bespitzelung von konkreten Personen möglich, sagt Jan Vobořil:

„Das Gesetz ermöglicht dem Militärnachrichtendienst die direkte Überwachung des Internets. Demzufolge darf der Nachrichtendienst seine Überwachungseinrichtung ohne weiteres in konkrete Links einbauen. Das unterscheidet sich von der heutigen Praxis: Heute darf man in konkreten Fällen Abhöreinrichtung nutzen beziehungsweise Ortsangaben von Mobilfunkanbietern verlangen – dies alles aber nur mit der Genehmigung durch ein Gericht.“

Der Verein Iuridicum Remedium „ehrte“ zudem eine negative Aussage des Jahres sowie einen langjährigen Schnüffler. Außerdem wurde ein Positivpreis vergeben, und zwar an die Stadt Vsetín. Gelobt wurde, wie sie die Bürger über ihr Kamerasystem informiert. Patrik Pecina ist Leiter der Stadtpolizei von Vsetín:

Foto: Kristýna Maková

„Auf unserer Webseite findet man eine Liste aller Kameras sowie einen Stadtplan, in dem sie markiert sind. Zudem wird der Blickwinkel jeder Kamera gezeigt, und es werden Straßen aufgelistet, die mit unserem Kamerasystem überwacht werden.“

Die Big Brothers Awards wurden von einer siebenköpfigen Jury aus Juristen, Journalisten und Datenexperten vergeben. Sie wählten die Negativpreisträger aus etwa 60 Nominierungen aus.