Raum für Reflexionen – das Prager Gedenkmuseum des 20. Jahrhunderts

Unbeugsam und opferbereit, Festival des Dokumentarfilms 2021
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Nationalsozialismus und des Kommunismus haben die tschechoslowakische Geschichte im vergangenen Jahrhundert nachhaltig geprägt. Viele Menschen kamen durch die Regime zu Schaden, nicht wenige stellten sich ihnen entgegen. An diese Opfer und Kräfte des Widerstands will eine neue historische Institution in Prag erinnern: das Gedenkmuseum des 20. Jahrhunderts. Bereits 2019 wurde es gegründet, nun wird das Programm erarbeitet und das Pagenhaus im Stadtteil Hradčany als künftiger Hauptsitz hergerichtet. Zugleich finden schon erste Veranstaltungen statt, so das Festival des Dokumentarfilms oder Ausstellungen und Zeitzeugengespräche. Der Historiker Jan Kalous ist Direktor des Gedenkmuseums des 20. Jahrhunderts. Im Interview für Radio Prag International spricht er über die Pläne und Ziele seiner Institution.

Herr Kalous, worin unterscheidet sich das neue Prager Gedenkmuseum des 20. Jahrhunderts von herkömmlichen historischen Museen?

Jan Kalous | Foto: Marta B. Myšková

„Im 20. Jahrhundert sind in Mitteleuropa zwei große Ideologien aufeinandergeprallt, der Nationalsozialismus und der Kommunismus. Wir werden die Geschichte dieses Zeitraums nicht als einen monolithischen Prozess erzählen, sondern Reflexionsmöglichkeiten über das hiesige historische Geschehen aufzeigen. Dabei wollen wir uns einerseits mit den bereits genannten Ideologien auseinandersetzen, aber auch mit Lebensgeschichten von Menschen, die den totalitären Regimen entschlossen entgegengetreten sind und dafür bestimmte Folgen auf sich nehmen mussten. Wir wollen an ihr Erbe erinnern und es würdigen.“

Wie kam es dazu, dass das Gedenkmuseum des 20. Jahrhunderts entstand?

Heiße Bücher im Kalten Krieg,  Podiumsdiskussion in der Vaclav-Havel-Bibliothek 2021 mit Jiřina Šiklová,  Jan Ruml und Petr Pithart  (v.l.n.r.) | Foto: Marta B. Myšková

„Das Gedenkmuseum des 20. Jahrhunderts wurde durch einen Beschluss des Prager Stadtrats gegründet. Eine treibende Kraft war dabei die Stadträtin Hana Kordová Marvanová. Sie führte viele Gespräche mit Personen, die ähnliche Institutionen im gesamten postsowjetischen Raum sowie in Westeuropa kennen und die für uns Orientierungspunkte sind. Ebenso befürworten zahlreiche Historiker ein solches Museum, besonders Petr Blažek. Er hat seine großen Erfahrungen mit internationalen, vor allem polnischen Stellen eingebracht, die zumeist in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden sind. Inzwischen haben sich diese Einrichtungen einen Namen gemacht und bewährte Verfahren entwickelt, um Besucher verschiedener Generationen und sozialer Gruppen anzusprechen.“

Das Museum wird im Pagenhaus im Stadtteil Hradčany untergebracht. Wann ziehen Sie dort ein?

Pagenhaus in Hradčany | Foto: Marta B. Myšková

„Das Pagenhaus ist unserem Museum im Sommer 2020 zur Nutzung überlassen worden. Eigentümer ist nach wie vor die Stadt Prag. Wir sind mit der Stadtverwaltung übereingekommen, dass das Gebäude renoviert und baulich angepasst wird. In der Zwischenzeit erarbeiten wir die Dauerausstellung des Museums. Sie wird eine Fläche von rund 500 Quadratmetern einnehmen. Wir rechnen damit, dass die Bauarbeiten Ende 2023 abgeschlossen werden können und das Gebäude dann für seinen neuen Zweck gerüstet ist.“

Mit welchen Themenkomplexen befasst sich die Dauerausstellung?

Jahr der Wunder,  Ausstellung 2020 | Foto: Fotoarchiv des Gedenkmuseums des 20. Jahrhunderts

„Den ersten Teil bildet ein Film, der die Hauptlinien der tschechoslowakischen Geschichte unter dem Aspekt darstellt, was dieser Staat von seinen Anfängen bis zu seinem Ende in Mitteleuropa bedeutet hat. Ein anderer Teil wird – ausgehend vom Denkmal Marschall Koněvs – das folgenschwere Vordringen der Sowjets nach Mitteleuropa und die Sowjetisierung abhandeln. Außerdem wollen wir den Altstädter Ring im Wandel der Zeit reflektieren, verbunden mit einer Station für Familienerinnerungen. Wieder ein anderer Teil soll vergegenwärtigen, wie das kommunistische Regime in den 1970er und 1980er Jahren die Bevölkerung unter Kontrolle hielt. Und als Gegengewicht dazu erinnern wir an die Bemühungen, freie Informationen in der Tschechoslowakei zu verbreiten und die Auswirkungen der staatlichen Maschinerie zu minimalisieren.“

„Deutlich werden soll, dass Mitteleuropa nicht das monolithische Gebilde war, das im Gefolge des Zweiten Weltkriegs entstand.“

Wie wird das historische Geschehen bei alledem grundsätzlich aufgefasst?

„Wir möchten die entscheidenden historischen Momente in einem Kontext präsentieren, der berücksichtigt, dass die tschechoslowakische Geschichte nicht nur Tschechen oder Slowaken betraf, sondern dass hier ebenso Deutsche, Juden, Polen, Ruthenen und Ungarn lebten, die sie kulturell wie zivilisatorisch wesentlich mitgestalteten. Alle diese Einflüsse wirkten sich auf die hiesige Geschichte aus. Wir möchten das in unserer Dauerausstellung auf geeignete Weise vermitteln, damit deutlich wird, dass Mitteleuropa nicht das monolithische Gebilde war, das im Gefolge des Zweiten Weltkriegs entstand.“

Was wird das Gedenkmuseum des 20. Jahrhunderts alles bieten?

Denkmal für die Opfer des Kommunismus auf dem Friedhof Motol | Foto: Marta B. Myšková

„Es wird verschiedene Bildungsangebote geben. Außerdem machen wir uns Gedanken, wie die Räumlichkeiten des Pagenhauses für kulturelle Aktivitäten und Begegnungen genutzt werden können. Wir wollen ein lebendiges Haus schaffen. Dabei berücksichtigen wir auch die vorteilhafte Lage auf der Route zwischen zwei Plätzen, dem Loretánské und dem Hradčanské náměstí, wo eine Menge Touristen vorbeikommen. Und regelmäßig, sagen wir jeden Dienstag, sollen die Besucher im Pagenhaus Kultur erleben können, etwa Musik des 20. Jahrhunderts, Autorenlesungen oder Zeitzeugengespräche.“

Wie viele Arbeitskräfte beschäftigt das Gedenkmuseum?

„Derzeit stehen uns acht Mitarbeiter zur Verfügung. Für die Zukunft rechnen wir mit 25 bis 30 Beschäftigten.“

Welche historischen Institutionen in Europa sind für Sie wegweisend?

Gebäude des POLIN-Museums der Geschichte der polnischen Juden in Warschau | Foto: Wojciech Kryński,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0 PL

„Wir konnten bereits die meisten polnischen Stellen kennenlernen, wie das Museum des Warschauer Aufstandes, das POLIN-Museum der Geschichte der polnischen Juden, das Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig und das Emigrationsmuseum Gdynia. Zu ihnen haben wir schon Kontakte aufgebaut. Außerdem ist unser Museum der Plattform des europäischen Gedenkens und Gewissens beigetreten, die derzeit rund 70 Mitglieder vereinigt. Diese Plattform macht es möglich, bei Ausstellungsprojekten zusammenzuarbeiten oder auf gemeinsamen Interessensgebieten, die diese Gedenkinstitutionen europaweit abstecken können. Auch das Memorial Sighet in Rumänien, das Nationale Museum der Hungersnot und des Genozids in der Ukraine, das Haus des Terrors in Budapest oder deutsche Stellen wie das Jüdische Museum Berlin gehören zu den Institutionen, von denen wir Anregungen beziehen können.“

Wird Ihr Museum auch fremdsprachige Informationen bereitstellen?

Thematischer Stadtrundgang | Foto: Marta B. Myšková

„Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Denn schon aufgrund der Lage unseres Museums werden auch ausländische Touristen hierher kommen. Und für sie sollten Ausführungen in Englisch oder Deutsch zur Verfügung stehen. Dabei können uns wieder technische Lösungen voranbringen, die sich bereits in anderen Museen bewährt haben, wie Kopfhörer oder Tablets.“

Das Gedenkmuseum des 20. Jahrhunderts will alle Altersgruppen und sozialen Schichten ansprechen. Wie wollen Sie das erreichen?

Das rote Jahrhundert,  Ausstellungseröffnung auf der Kampa 2021 mit Jan Kalous,  Hana Kordová Marvanová,  Petr Blažek und Jiří Pospíšil  (vordere Reihe v.l.n.r.) | Foto: Marta B. Myšková

„Als wir gemeinsam mit dem Museum Kampa die Ausstellung ‚Das rote Jahrhundert‘ organisierten, die zwischen dem Werich-Haus und dem Hauptgebäude des Museums Kampa im Freien zu sehen war, da konnte man nicht nur die 24 Schautafeln besichtigen. Wir haben auch Führungen für Schulen und die Öffentlichkeit sowie Gesprächsrunden angeboten und einen Ausstellungskatalog entworfen. Wir versuchen also, unsere Veranstaltungen möglichst breit aufzustellen. Zu der Ausstellung haben wir einen Rundgang über die kommunistische Machtübernahme im Februar 1948 angeboten. Dieser führt an Orte im Prager Stadtzentrum, an denen sich die damaligen einschneidenden Ereignisse abspielt haben. Die Teilnehmer können diese Orte also sinnlich erleben. Und in der Zeit, als keine Spaziergänge möglich waren, haben wir eine Dokumentation gedreht, die auf unserer Homepage steht, und dazu ein Handbuch für Lehrer verfasst.“