Rážová: Mehr Corona-Neuinfektionen wegen Rückkehr zum Alltag und mehr Tests

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Seit einigen Tagen sind die Sorgen über das Coronavirus wieder allgegenwärtig in Tschechien. Der Grund dafür ist ein erhöhter Tageszuwachs an Neuinfektionen. Seit Dienstag lag er fünfmal in Folge bei über 1000 Fällen pro Tag, Tendenz steigend. Erst am Sonntag wurde eine geringere Zahl an positiven Tests registriert, doch es wurde auch weniger getestet.

Roman Prymula (Foto: ČT24)

Im Frühjahr war Tschechien noch für das rasche Handeln und die strengen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus gelobt worden. Relativ schnell gingen die Infektionszahlen wieder nach unten, zu Beginn der Sommerferien glaubte man hierzulande, die Gefahr erst einmal gebannt zu haben. Mit dem Ende der Ferien aber ist das Problem zurückgekehrt, woraufhin der Epidemiologe Roman Prymula am Sonntag bei einer Talkshow im öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen diese Worte fand:

„Die zweite Welle ist bei uns angekommen. Der Anstieg der Neuinfektionen ist deutlich höher als bei der ersten Welle, zudem registrieren wir eine gewisse Verzögerung zwischen beiden Wellen. Von daher werden selbst Laien bemerkt haben, dass wir jetzt in der zweiten Welle stecken.“

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Prymula leitete zu Beginn der Corona-Pandemie den Zentralen Krisenstab der Regierung. Ende Mai verließ er das Gesundheitsministerium, wo er Staatssekretär gewesen war. Seitdem ist er Bevollmächtigter für medizinische Forschung beim Regierungsamt. Seine Bekanntheit nutzt er indes, um vor möglichen Komplikationen zu warnen:

„Am Sonntag mussten bereits 297 Corona-Patienten in Krankenhäusern behandelt werden. In den zurückliegenden zehn Tagen sind täglich um die 20 Patienten hinzugekommen, das heißt ihre Gesamtzahl ist von zwischenzeitlich 90 auf 290 gestiegen. Wenn nichts dagegen unternommen wird, dann sind wir zu Ende Oktober womöglich schon am Rand unserer Bettenkapazität.“

Andrej Babiš (Foto: ČTK / Ondřej Deml)

Dieses Schreckgespenst aber wollte Premier Andrej Babiš (Partei Ano) nicht einfach so stehenlassen. Der Aussage von Prymula hielt er entgegen:

„Ich habe es schwarz auf weiß in einer E-Mail mitgeteilt bekommen: Demnach liegt die verfügbare Gesamtkapazität in unseren Kliniken bei 4800 Betten. Im Moment sind in den Krankenhäusern 288 Corona-Patienten untergebracht.“

Bei seiner Aussage bezog sich der Regierungschef bereits auf die aktuellste Zahl der stationär behandelten Patienten. Demzufolge ist sie im Vergleich zu Sonntag um sieben Personen zurückgegangen. Die Zahl der Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf blieb konstant, sie lag an beiden Tagen bei 69. Das bedeutet, dass die übergroße Mehrheit der Infizierten einen milden Krankheitsverlauf hat oder überhaupt gar keine Symptome verspürt. Das bestätigte am Samstag die Leiterin des zentralen Gesundheitsamtes, Jarmila Rážová, in einem Gespräch für den Tschechischen Rundfunk:

Jarmila Rážová (Foto: Michaela Danelová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Von den am Freitag positiv getesteten Personen war die große Mehrheit zwischen 20 und 59 Jahre alt. Die Zahl der stationär behandelten Patienten ist leicht gestiegen, ebenso die Zahl der schweren Fälle. Doch von einem Überdruck auf die Kapazitäten unserer Kliniken kann keine Rede sein.“

Die echten Krankheitsfälle stellen also hierzulande noch kein Problem dar. Doch wie konnte es aber in relativ kurze Zeit zu einem derart drastischen Anstieg der Neuinfektionen mit dem Coronavirus kommen? Dazu Jarmila Rážová:

„Die Lage hat sich in den zurückliegenden Tagen merklich verschlechtert. Gleichzeitig müssen wir aber berücksichtigen, dass auch wesentlich mehr Tests durchgeführt wurden als in der Vergangenheit. Noch vor nicht ganz zehn Tagen waren es 400 Tests auf 100.000 Einwohner, jetzt sind es 700. Die Lage entspricht den Veränderungen der letzten Tage in der tschechischen Gesellschaft. Vor zwei Wochen sind viele Menschen aus dem Urlaub zurückgekommen, die Kinder gehen wieder zur Schule, und wir alle kehren zu unserem gewohnten Alltag zurück. Das Virus aber ist da und wird auch erst einmal hierbleiben. Die jetzige Lage entspricht dem lockeren Verhalten, das wir über den Sommer hinweg gepflegt haben.“

Foto: Michaela Danelová, Archiv des Tschechischen Rundfunks

Waren die relativ geringen Infektionszahlen im Frühjahr also auch eine Art Trugschluss, weil viel weniger getestet wurde? Auf diese Frage antwortete Rážová:

„Wir haben auch damals schon genügend getestet. Der Umfang entsprach den Erfordernissen und der Anzahl der Infizierten in den Sommermonaten. Jetzt steigt die Zahl an Infektionen allmählich an, und entsprechend wachsen auch die Kapazitäten für die Tests. Mittlerweile sind wir schon bei rund 15.000 Tests am Tag angelangt.“

Bis zum Ende der Sommerferien wurden maximal etwas über 8000 Tests pro Tag durchgeführt, im Oktober soll ihre Zahl – so der Epidemiologe Roman Prymula – bei ungefähr 40.000 liegen. Um dann aber nicht noch weiter steigende Neuinfektionen zuzulassen, müssen sich die Menschen in Tschechien wohl wieder etwas mehr disziplinieren und die verschärften Maßnahmen einhalten. Denn die Reaktion mehrerer EU-Länder, die Tschechien mittlerweile zum Risikogebiet erklärten, dürfte auf Dauer niemandem so recht gefallen.