„Reich der Sehnsüchte“ – Die Metaebene im Märchen Aschenbrödel

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Bereits an Weihnachten haben wir über drei Ausstellungen zum tschechisch-deutschen Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ berichtet, denn 2013 wurde der Streifen 40 Jahre alt. Er ist eine Gemeinschaftsproduktion der DDR und der Tschechoslowakei gewesen. Teile des Filmes wurden im Schloss Moritzburg in Sachsen gedreht, wo es bereits zum vierten Mal eine Ausstellung über den Märchen-Evergreen zu sehen gibt. Ingrid Möbius leitet das Museum im Schloss. Im Interview verrät sie mehr über die Ausstellung.

Schloss Moritzburg (Foto: Dr. Bernd Gross, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Dieses Jahr ist das 40jährige Jubiläum des wohl bekanntesten Weihnachtsmärchens, Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Schloss Moritzburg ist Teil dreier Ausstellungen in Deutschland und Tschechien. Was wird bei ihnen in gezeigt?

„Wir sind inzwischen das vierte Mal mit diesem Thema in der Weihnachtszeit vertreten und diesmal passt es besonders gut zum 40-jährigen Jubiläum des Films. Wir haben in den vier Jahren erstmal sehr viele Hintergrundinformationen über diesen wunderschönen Märchenfilm ‚Drei Haselnüsse für Aschenbrödel’ zusammengetragen. Das Schönste, was die Leute auch immer wieder erwarten, das sind zum Beispiel die Originalkostüme. Wir haben 30 Kostüme von den Barrandov-Studios bekommen, wie bereits in den vorherigen Jahren. Zusätzlich haben wir nun sieben Kostüme von der Defa-Stiftung erhalten. Diese zeigen wir zusammen in einem Saal, der im Film gezeigt wurde, den es aber so nicht im Schloss Moritzburg gegeben hat. Der Ballsaal ist eigentlich ein Filmset der Defa-Studios gewesen. Wir haben diesen jetzt in einer Installation gestaltet und den Ballsaal sozusagen nachgebaut. Darin kann man die Aschenbrödelfigur zusammen mit dem Prinzen tanzen sehen.“

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Das heißt die echte Kulisse des Ballsaals war ursprünglich in den Studios in Babelsberg. Die Leute kommen zu Ihnen auf Schloss Moritzburg und wundern sich immer, dass der eigentliche Saal dort nicht existiert?

„Genau. Dies war auch die Ursache, warum wir auf die Idee kamen, eine Ausstellung über den Film zu machen. Die Gäste aller Altersstufen fragten: `Wo ist der Ballsaal, in dem Aschenbrödel getanzt hat und wo ist die Treppe, auf der Aschenbrödel ihren Schuh verloren hat`. Das waren die meist gestellten Fragen in den vergangen 40 Jahren, kann man fast sagen. Daraufhin haben wir beschlossen, zunächst einmal eine kleine Märchenausstellung zu dem Filmthema zu machen. Das hat dann enorm viel Resonanz bekommen, vor allem durch die Fangemeinde im Internet. Wir haben auch viele schöne kleine Dinge gefunden, die wir ausstellen können. Beispielsweise ist dieses Jahr ein kleines Maskenbildnerstudio zu sehen. Dort zeigen wir Filmmasken, die Perücken und wie die Darsteller geschminkt worden sind: ein Blick hinter die Kulissen sozusagen.“

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Die Ausstellungen unterscheiden sich nun alle etwas voneinander. Ich habe gelesen bei ihnen ist der Titel der Ausstellung „Mythos Aschenbrödel“ - was verbirgt sich dahinter?

„Während der Beschäftigung mit dem Thema haben wir festgestellt, dass es eine Metaebene des Märchens gibt, die auch unsere Emotionen auf tieferer Ebene anspricht. Der Freiheitsanspruch des Aschenbrödels wäre ein Beispiel, wenn sie durch die Wälder reitet oder als Jäger verkleidet die Wälder durchstreift. Oder wenn sie ganz selbstbewusst dem Prinzen Rätsel aufgibt, darüber, wer sie ist. Wenn man sich tiefer damit beschäftigt, entdeckt man da verschiedene Sehnsüchte. Dabei geht es darum, dass man in der Tiefe seines Wesens erkannt und geliebt werden möchte. Dazu gibt es sehr schöne Anknüpfungspunkte, die wir ganz phantasievoll umgesetzt haben. Da darf man sehr gespannt sein. Die Ausstellung umfasst 2000 Quadratmeter und es gibt ganz viel zu entdecken.“

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Sie haben gerade „phantasievoll“ erwähnt - haben sie vielleicht ein Beispiel hierfür?

„Es gibt einen ganz wunderschönen Raum - das `Reich der Sehnsüchte`. Das ist ein großer Saal im Schloss. Dort geht man durch eine labyrinthartige Installation mit großen Vorhängen und kommt immer in einen neuen Bereich. Besonders entzückt sind die Kinder, wenn sie auf einen Drachen treffen und ihren Mut beweisen können. Dazu haben wir einen wirklich wunderschönen, leibhaftigen Drachen. Die Kinder nehmen diese Mutprobe sehr gerne an und müssen einen bestimmten Weg absolvieren, um dann auch die Anerkennung von ihren Freunden oder Eltern zu kosten. Dieses Thema, Mut zu haben und sich mutig durch die Welt zu bewegen, hat natürlich auch eine ganz bestimmte Beziehung zu Aschenbrödel.“

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Ich möchte noch mal das Thema Mythos aufgreifen. Der Film hat ja einen sehr hohen Bekanntheitsgrad in Deutschland erlangt. Würden Sie sagen, dass der Film aufgrund jenes Mythos und des Symbolcharakters so bedeutend geworden ist? Warum ist das Märchen in Deutschland fast noch populärer als in Tschechien?

„Ob der Film in Deutschland noch populärer ist als in Tschechien, mag ich nicht einzuschätzen. Jedoch fühlen sich die Menschen in ihrem Herzen berührt. Darauf sind wir immer wieder gestoßen. Sie identifizieren sich mit dem Schicksal von Aschenbrödel und mit dem, was Aschenbrödel für sich im Leben beansprucht. Sie will geliebt werden, so wie sie ist und am Ende ihr Glück finden. Die Hoffnung, dass das Gute siegt, das alles, berührt die Zuschauer. Wir sind hier auf Schloss Moritzburg ja auch ein sehr magischer Ort. Das wird man entdecken, wenn man hier herkommt. Das Schloss liegt ja inmitten eines großen Teiches und ist umgeben von Wäldern. Dies mutet sehr märchenhaft an.“

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Kommen denn auch viele tschechische Besucher nach Moritzburg?

„Ja. Die Ausstellung ist zweisprachig und ebenso die Begleitliteratur. Der Besucheranteil ist sehr hoch, ein Viertel aller bisherigen Besucher kamen aus Tschechien. Insgesamt haben wir schon 450.000 Menschen erreicht.“

Ich habe gelesen, dass in der Ausstellung unter anderem die Filmmusik von Karel Svoboda laufen soll?

Václav Vorlíček (Foto: Archiv Radio Prag)
„Ja, wir haben eine Hörstation. Dort kann man sich diese in Ruhe anhören.“

Waren schon mal der Regisseur oder die Schauspieler in der Ausstellung zu Gast?

„Der Herr Vorlíček war jedes Jahr Gast und auch in diesem Jahr. Wir haben uns darüber sehr gefreut. Da ist eine regelrechte Freundschaft entstanden, zum Herrn Vorlíček und auch zum Herrn Trávníček, auch der kommt jedes Jahr und sehr gerne.“

Findet dann auch ein Austausch mit den Besuchern statt?

„Auf jeden Fall. Die Gäste suchen auch mit uns das Gespräch, um zu sagen was besonders gut gelungen ist, oder was sie sich noch wünschen für die nächste Ausstellung. Das ist ein großer Vorteil für uns. Wir hatten nun die Chance, in der vierten Ausstellung auf alle Hinweise unserer Gäste einzugehen. Das ist sehr schön, denn wir bekommen die gute Laune und Zufriedenheit der Besucher wieder zurück.“

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Hätte ich denn als Besucher auch mal die Möglichkeit, beispielsweise mit den beiden Hauptdarstellern oder dem Regisseur ins Gespräch zu kommen?

„Ja, das gab es bereits. Wir haben Autogrammstunden veranstaltet. Meistens sind diese zur Eröffnung beziehungsweise auf dem darauffolgenden Wochenende. Herr Vorlíček und auch Herr Trávníček waren sehr glücklich darüber, auch das die Fans nach so langer Zeit immer noch neugierig und begeistert sind.“

Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“
Warum denken Sie, ist der Film gerade in der (Vor-)Weihnachtszeit so beliebt?

„Der Film spielt im Winter, das Märchen selbst nicht, deswegen ist es eine Besonderheit. Auch Moritzburg hat einen ganz besonderen Reiz in der Winterzeit, weil die Lage so romantisch ist und es schön aussieht, das kann man im Film gut sehen. Irgendwann haben uns die Medien und das Fernsehen sehr geholfen, weil beschlossen irgendjemand mal beschlossen hat, dass Märchen immer an Weihnachten zu senden.“


Die Ausstellung „Mythos Aschenbrödel“ im Schloss Moritzburg ist noch bis zum 2. März zu sehen.

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