„Rote Banane“ – Architekt Földeak zur Grenzregion des „wilden Nebeneinanders“

Foto: Archiv des Regionalmuseums in Chomutov

Die „Blaue Banane“ kann man nicht essen. Sie ist die Erfindung eines französischen Geographen aus dem Jahr 1980. Als „Blaue Banane“ bezeichnete er das bevölkerungsreiche und wirtschaftlich starke Gebiet, das von London, über die Benelux-Staaten und Südwestdeutschland bis Turin reicht. Nun will Architekt Hans-Michael Földeak eine andere Region Europas ähnlich hervorheben. Seine „Rote Banane“ erstreckt sich ähnlich bogenförmig vom tschechischen Isergebirge, über den Bayerischen Wald, bis zum Dreiländereck zwischen Tschechien, Österreich und der Slowakei. Im Gegensatz zur „Blauen Banane“ stehen beim roten Pendant aber nicht die Wirtschaftskraft, sondern die Grenze und ihre problematische Geschichte im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Interview mit dem Architekten über seine Idee.

Foto: Archiv des Regionalmuseums in Chomutov
Herr Földeak, Ihr Projekt die „Roten Banane“ befasst sich intensiv mit der Grenzregion Deutschland, Tschechien und Österreich. Was unterscheidet diese Region von anderen?

„Das 20. Jahrhundert hat dort gewütet und sehr markante Spuren hinterlassen. Die Zeit, als der Eiserne Vorhang diese Region getrennt hat, ist ganz anders und mit ganz anderen Auswirkungen als im übrigen West- oder Osteuropa abgelaufen. Die unglaublich reichen historischen Referenzen und die noch nicht geregelte Geschichte in der Landschaft sind für mich Aspekte, die zeigen, wie viele Entwicklungsmöglichkeiten noch in der Region stecken.“

Hans-Michael Földeak und Jiří Hofman (Foto: Archiv des Regionalmuseums in Chomutov)
In Chomutov wird gerade eine Ausstellung über die Region gezeigt. Was genau kann man dort sehen?

„Die Ausstellung in Chomutov ist das Ergebnis meiner inzwischen zehnjährigen Recherche in der Region der ‚Roten Banane’. Sie ist aufgeteilt in zwei Teile. Zum Einen wird ein Dokumentarfilm präsentiert, der die Geschichte zusammenfasst. Das Besondere an dem Film ist, dass seine Perspektive die der Grenze ist. Es wird keine bayerische, tschechische, sächsische oder österreichische Perspektive zeigt. Der zweite Teil ist eine Landkarte. Auf dieser Landkarte verschwindet die zeitliche Komponente: Alle Elemente, die sich im Laufe der Geschichte in dem Gebiet angesammelt haben, liegen dort nebeneinander. Das zeigt dieses wilde, fragmentierte, heterogene Nebeneinander, das für mich das Typische dieser Landschaft ist.“

Foto: Archiv des Regionalmuseums in Chomutov
Welche Elemente tauchen auf der Landkarte auf?

„Es sind bauliche Elemente, zum Beispiel Klöster oder auch Tagebaugruben. Ein wesentlicher Punkt sind die existierenden und verschwundenen Eisenbahnverbindungen. Die Elemente sind heute nicht mehr unbedingt zu sehen, beziehungsweise nicht mehr im Originalzustand vorhanden. Alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen großen Einfluss auf das Land hatten oder haben.“

Die Ausstellung ist nur ein Teil des Projektes. Wie geht es mit dem Projekt danach weiter?

Kloster Mariaschein
„Den anderen Teil des Projektes nenne ich ‚Grenzorte’. Ich möchte mit Hilfe der Bevölkerung und der lokalen Kräfte Aktionen starten, um einzelne Orte sichtbarer zu machen und so ‚Leuchttürme’ in der Region der ‚Roten Banane’ zu schaffen.“

Könnten Sie ein Beispiel beschreiben?

„Ich habe im vergangenen Jahr ein Projekt mit Architekturstudenten der Hochschule München und der Technischen Universität Prag angefangen. Dabei haben wir das alte Kloster Mariaschein in der Nähe von Teplice ausgemessen und dort ungefähr zwei Wochen lang eine Bauaufnahme gemacht. Diese Beschreibung des Klosters wollen wir danach an die Schüler des örtlichen Gymnasiums übergeben, damit die Schüler beginnen, eine stärkere Verbindung zu dem Ort aufbauen.“

Foto: Archiv des Regionalmuseums in Chomutov
Ihr Projekt bezieht sich auf die „Blaue Banane“ – warum die „Rote Banane“?

„Das hat nichts mit der Verwendung der Farbe Rot in den Ideologien des 20. Jahrhunderts zu tun. Sondern ‚Rot’ ist einfach der simpelste Gegensatz zur Farbe Blau.“


Falls Sie sich für die Idee der „Rote Banane“ interessieren: Bis Samstag besteht noch die Möglichkeit, die Ausstellung in Chomutov zu besuchen.