Sarka - ein Prager Naturschutzgebiet

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Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zum heutigen Spaziergang durch Prag. Diesmal möchten wir Sie an den Stadtrand von Prag führen - in das Naturschutzgebiet Namens Sarka. Das malerische Sarka-Tal, durch das der gleichnamige Bach fließt, ist die größte Grünanlage im sechsten Prager Stadtbezirk. Richtung Prager Flughafen - nach Sarka laden Sie ein Jürgen Webermann und Martina Schneibergova.

Sarka wurde 1964 zum Naturschutzgebiet erklärt und ist ein Tal nicht nur mit beachtenswerten Felsengebilden, sondern auch mit den wichtigsten archäologischen Fundstätten einer der ältesten Siedlungen auf dem Gebiet des heutigen Prag. Das Gebiet von Sarka sowie der Stadtteile Dejvice und Bubenec war ungefähr 5000 Jahre lang ständig besiedelt, was zahlreiche archäologische Funde belegen. In dieser Region kreuzten sich wichtige Fernwege, es entwickelten sich hier sowohl Handwerk als auch Landwirtschaft.

Die Burgstätte von Sarka, die an der Wende des 6. und 7. Jahrhunderts entstanden ist, gehörte zu den größten und bedeutendsten slawischen Burgstätten und spielte eine wichtige Rolle bei der Besiedlung des Prager Kessels noch vor der Entstehung der Prager Burg im 9. Jahrhundert. Die Burgstätte befand sich auf dem Kozak- und dem Sestak-Felsen. Diese bilden auf dem anliegenden südöstlichen Gebiet die Felsenkluft Namens Dzban. Beim Blick vom Kozak-Felsen kann man heute noch sehen, wie groß die Burgstätte war.

Das durch den Sarka-Bach ausgehöhlte Tal führt vom Stadtteil Vokovice bis zu Podbaba, wo der Bach in die Moldau fließt. Zum Naturschutzgebiet wurde der obere Teil des Tals erklärt, das sog. Divoka Sarka - zu deutsch etwa "Wildes Sarka". Es ist eine Art Canyon mit Kieselschieferfelsen und mit zahlreichen einzigartigen Pflanzen- und Tierarten. Es war vielleicht eben dieser Teil von Sarka, der den Namen dem ganzen umliegenden Gebiet verlieh. Der Name Sarka taucht zum ersten Mal im 12. Jahrhundert auf. Es gibt verschiedene Hypothesen, wie der Name entstand.

Dieser Teil des Tals wurde einst als das düstere Tal bezeichnet, düster heißt im Tschechischen "sery" und von diesem Wort wurde vielleicht der Name Sarka abgeleitet. Es bietet sich auch eine andere Erklärung - nämlich die, die sich auf die Legende über Ctirad und Sarka stützt, die u.a. von dem tschechischen Schriftsteller Alois Jirasek in seinen alten böhmischen Sagen bearbeitet wurde.

Das Sarka-Tal war seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Ausflugsziel der Prager. Bis heute sind in Divoka Sarka einige Objekte erhalten geblieben, die die alte Besiedlung des Tals belegen und die später als Raststätten für die Touristen dienten. Es sind die ursprünglichen Mühlen am Sarka-Bach, die später in Gaststätten umgebaut wurden, von denen einige noch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geöffnet waren. Zu ihnen gehört z. B. die einstige Teufelsmühle-Certuv mlyn.

Der untere Teil von Sarka - Ticha Sarka - zu deutsch etwa "das stille Sarka" - hat einen anderen, jedoch nicht weniger beeindruckenden Charakter. Da gibt es keinen wilden Canyon mehr, sondern ein eher offenes Tal mit dichterer Besiedlung. Eine Dominante stellt die St. Matthäus-Kirche dar, die sich auf einem Hügel über dem Sarka-Bach erhebt. Die ursprüngliche romanische Kirche stand an dieser Stelle bereits im 12. Jahrhundert. Es war aller Wahrscheinlichkeit nach eine Rotunde, die 1770 abgerissen wurde, um einer neuen Kirche Platz zu machen.

Die Barockkirche wurde 1771 auf Anlass des Propstes des St. Veit-Kapitels, Frantisek Strachovsky, erbaut. Der Baumeister ist unbekannt, es scheint jedoch, dass es Ignac Jan Palliardi war - ein namhafter Architekt aus der Zeit des Spätbarocks in Prag. Die Familie Palliardi war nämlich in einer engen Arbeitsbeziehung zu Propst Strachovsky. Die St. Matthäus-Kirche ist nicht nur eine hervorragende kunsthistorische Sehenswürdigkeit, sondern auch ein wichtiges landschaftsbildendes Element, das das Aussehen der weiten Umgebung beeinflusst. Von der Kirche selbst gibt es eine gute Aussicht über das Tal von Ticha Sarka und seiner Umgebung.

Um die einstige romanische Kirche konzentrierte sich die damalige Dorfbesiedlung. Das alte Dorf hieß Ujezdec oder Ujezd in Sarka, seit dem 14. Jahrhundert wird es Sarka, später Horni Sarka/das Obere Sarka genannt. Das ganze Dorf gehörte im Mittelalter den Propsten des St. Veitkapitels. Bedeutend für die Entwicklung von Ticha und Horni Sarka war der Weinbau. Die ersten Weinberge gab es da am Anfang des 15. Jahrhunderts - sie wurden von Propst Jirik aus Janovice gegründet. Diese Weinberge erstreckten sich auf dem südlichen Abhang des Hügels Baba. Weitere Weinberge entstanden auf dem langen Kamm um die St- Matthäus-Kirche. Um die Entwicklung der Weinproduktion sowie die Errichtung der Hopfenfelder machte sich Ende des 15. Jahrhunderts der Prager Bürger Stanislav Kaderabek verdient, dem der Sarka-Hof verpfändet wurde.

Auf dem südlichen Abhang von Ticha Sarka wurden die ersten Weinberge nach 1528 errichtet. Von der Existenz der Weinberge zeugen heute noch die stufenartigen Terrassen in den dortigen Gärten, die vor allem im Winter gut zu sehen sind. Die Weinpressen in den Weinbergen wurden mit der Zeit in Anwesen umgebaut, die die einzigartige Atmosphäre von Ticha Sarka unterstreichen. Die Bezeichnungen der einzelnen Anwesen belegen bis heute ihre ursprünglichen Besitzer - sie wurden entweder nach dem Familiennamen oder dem Beruf des Besitzers benannt.

Das Bauerngut Namens Zitna entstand durch den Zusammenschluss von drei Weinbergen, und es gehörte nach 1684 dem Altstädter Bürger Jiri Zitnik. Von dessen Beziehung zum Winzerhandwerk zeugt die Decke im ersten Stock des Wohngebäudes, die mit Weinblättermotiven verziert ist. Auf dem Gebiet des Anwesens wurde im 19. Jahrhundert eine Villa Namens Zuzanka im Neorenaissancestil erbaut, die der berühmten Prager Familie Rott gehörte. Dort weilte oft die tschechische Schriftstellerin Karolina Svetla-Rottova, deren Novelle "Die Liebe zu einem Dichter" sich eben im Sarka-Tal abspielt.

Unweit liegt das Anwesen namens Satovka. Der dortige Weinberg gehörte am Anfang des 18. Jahrhunderts dem Kleinseitner Schneider Jan Krtitel de Chateau. In unmittelbarer Nähe von Satovka befindet sich das Anwesen Namens Rakarka, in dessen Garten bereits 1935 ein Schwimmbad errichtet wurde. In Ticha Sarka am Sarka-Bach wurden auch Mühlen errichtet. Die bekannteste davon ist die sog. Eichmühle, die im 18. Jahrhundert der Müllerfamilie Myslivecek gehörte, aus der der berühmte Komponist Josef Myslivecek - der sog. "Il divino Boemo" - stammte. Die Mühle brannte nach 1940 aus und wurde nach den Fotografien wieder errichtet.

Eine weitere Mühle, die um 1592 vom höchsten Burggrafen der Prager Burg -Wilhelm von Rosenberg - errichtet wurde, ist im Haus "Na Mlynku" erhalten geblieben, das später in eine Gaststätte umgebaut wurde. Aus der neueren Zeit - vom Anfang des 18. Jahrhunderts stammt die Kleine Mühle. Das große Anwesen aus dem 16. Jahrhundert Namens Hermanns Hof war einst ebenfalls eine Mühle. Der heutige Anblick der Hofgebäude ist das Resultat verschiedener Bauänderungen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Interessante Anwesen säumen den Sarka-Bach auch am Ende seines Stroms, bevor er in die Moldau in Podbaba fließt. Es gibt da Anwesen wie Zezulka, Konvarka oder Pulkrabka. Pulkrabka deshalb, weil der dortige Weinberg im 17. Jahrhundert dem obersten Burggrafen der Prager Burg gehörte.

Autoren: Martina Schneibergová , Jürgen Webermann
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