Schengen, Babyklappe, Gesundheitsreform - außerdem: „Czech press photo 2007“

Christian Rühmkorf hat für den heutigen Medienspiegel wieder die tschechischen Tageszeitungen der vergangenen Woche durchgeblättert. Im zweiten Teil der Sendung folgt unser Schwerpunktthema, ein Ereignis aus der Welt der Medien. Heute: die Verleihung des Preises „Czech press photo 2007“.

Und wir beginnen unseren Medienspiegel wie immer mit einem Überblick über die Themenschwerpunkte der wichtigsten und größten Tageszeitungen auf dem tschechischen Markt. Was haben sie in der vergangenen Woche auf ihren Themenseiten ganz oben gehabt?

Die „Lidové noviny“ zum Beispiel, die zweitgrößte der seriösen Tageszeitungen hat am Montag getitelt: „Babyklappe– das zehnte abgegebene Neugeborene hat Hoffnung schon bald eine Adoptivfamilie zu finden“. Darunter fett: „Bis Weihnachten könnte es ein zu Hause gefunden haben“. Und das wäre schnell, denn erst am Samstag wurde das Kind in der Babyklappe eines Gynäkologischen Zentrums in Prag entdeckt. Die „Lidové noviny“ bringen dazu ein Bild und eine Beschreibung der Babyklappe sowie eine Statistik, wann und wo sie im Lande bereits eingerichtet wurde und wie viele Kinder bisher abgegeben wurden. In Prag war es am Samstag das zehnte Kind seit März 2005, als die Klappe eingerichtet wurde.

Foto: ČTK
Und wir bleiben noch bei der„Lidové noviny“. Sie berichtete am Dienstag auf ihrer Themenseite über das internationale Ereignis, das zurzeit die Schlagzeilen gebucht hat und titelt: „Schengen-Raum– einige Tschechen wehren sich gegen die Öffnung der Grenzen, sie haben Angst vor der Autoflut.“ In der Mitte der Seite ganz fett die Schlagzeile „Autos aus Deutschland? Hier nicht!“ Die Region, man könnte auch sagen die Provinz, wird von den Medien ins Visier genommen. Denn dort spielt sich dieser Tage die Erweiterung des Schengen-Raumes ab. Die „Lidové noviny“ richtet den Fokus auf die Auswirkungen dieses Ereignisses in den betroffenen Grenzregionen. Am Beispiel der Grenzgemeinde Krompach im Liberecer Kreis in Nordböhmen, wird auf die Probleme aufmerksam gemacht, die mit der Schengenerweiterung einhergehen. Krompach will die Stadt- bzw. Dorftore für den kommenden Autogrenzverkehr schließen. Die Grenze ist bisher nur für Fußgänger passierbar. Mit dem Wegfall der Grenzkontrollen und ihren Einschränkungen wird sich das wohl ändern. Kein Grund zum Jubeln, meinen die Dorfbewohner im Bericht der „Lidové noviny“.

Auch die Zeitung „Mladá fronta Dnes“ bleibt am Dienstag nah am Leser und an künftigen Veränderungen dran: „Die Gesundheit in der Hand der Apotheker– Ab Januar erhalten die Apotheker mehr Rechte: Auf den Rezepten können sie vom Arzt verschriebene Medikamente streichen und durch billigere ersetzen. Beschwerden des Patienten sind nicht mehr möglich. Er hat die Wahl.“ Darunter die Schlagzeile: „Das verschriebene Medikament möchte ich nicht.“ Akribisch erklärt die „Mlada frontá Dnes“ anhand einer Rezeptkopie die Zahlen und Kodierungen und wie viel Zuzahlung sie für den Patienten bedeutet. Volksaufklärung zur Gesundheitsreform also, die am ersten Tag des neuen Jahres in Kraft tritt.

In derselben Ausgabe der„Mlada frontá Dnes“ findet sich noch eine sehr praktische Beilage: Eine Karte von Prag mit dem Titel: „Wie mit dem Auto durch Prag fahren ohne die Nerven zu verlieren“. Eine Reaktion auf die schon fast absurden Staus zur Prager Rush-Hour.

Die Wirtschaftszeitung „Hospodařské noviny“ widmet sich in einem großen Artikel der Präsidentschaftswahl im Februar 2008 und vor allem der Tatsache, dass der derzeitige Präsident Vaclav Klaus auch nun offiziell einen Gegenkandidaten bekommen hat: „Svejnar muss sich auf die Kommunistische Partei verlassen“. So die Schlagzeile. Dazu eine genaue Statistik, wie die Stimmenverteilung in Senat und Parlament aussieht und damit auch die Chancen des Gegenkandidaten Svejnar. Die „Hospodařské noviny“ hält es immerhin für möglich, dass der neue Präsident nicht Klaus heißt. So viel zu den Schwerpunktthemen der tschechischen Tageszeitungen in der vergangenen Woche.


Kommen wir zu unserem Themenschwerpunkt. Ende November hat sich die Presse selbst gefeiert. Und zwar die Foto-Presse. Wir berichteten bereits. Überreicht wurde die Auszeichnung „Kristallauge“ zusammen mit dem Titel „Czech press photo“, das Tschechische Pressefoto 2007. Der Wettbewerb findet jedes Jahr mit einer internationalen Jury statt und ist angelehnt an seinen großen Bruder „World press photo“. Seinen Schirm über den Fotografen-Wettstreit hat Präsident Vaclav Klaus höchst persönlich gehalten. Wer hat den Preis bekommen?

Daniel Materna (Foto: ČTK)
Von ihrer eigenen Feierlichkeit gerührt verkündet die Direktorin des Wettbewerbs, Daniela Mrázková, den Preisträger: Das Kristallauge 2007 erhält Daniel Materna, Fotograf der Tageszeitung „Mladá fronta Dnes“ für sein Foto „Die Exekution eines Kindes“. Auf dem Foto ein Mann mit versteinertem Gesichtsausdruck und eine weinende, schreiende Frau. Zwischen ihnen die sechsjährige Sára, ebenso schreiend. Beide Eltern versuchen das Kind an sich zu zerren. Dramatische Bewegung im fotografischen Augenblick.

Fotograf Materna erzählt die Geschichte von Sara: Die Mutter Tschechin, der Vater Portugiese. Sie hätten jung geheiratet, zu jung vielleicht, sagt Daniel Materna. Die Ehe scheitert. Wer bekommt das Kind? Der Vater will Sára mit nach Portugal nehmen. Es kommt zum Rechtsstreit. Direkt nach dem Verfahren im Januar 2007 soll das Kind auf dem Kinský-Platz in Prag der Mutter übergeben werden. Daniel Materna:

„Das Foto hat viele Emotionen, vor allem aber eine Debatte in der Gesellschaft ausgelöst. Und zwar darüber, wie eine solche Situation – die es in Zukunft sicher noch häufiger geben wird – schnell geklärt werden kann, damit die Kinder so wenig wie möglich leiden.“

Er habe es eilig, sagte Präsident Klaus nach der Preisübergabe. Ich frage ihn dennoch: Sind Sie, Herr Präsident, einverstanden mit der Wahl der Jury?

Präsident Václav Klaus (Foto: Autor)
„Ich meine, dass alle Preisträger äußerst interessante und einfallsreiche Fotos geschossen haben. Man kann sie sich lange anschauen und ich würde mich freuen, wenn viele Leute die Ausstellung besuchen würden.“

Ob das Siegerfoto „Exekution eines Kindes“ ein Abbild dieser Gesellschaft sei, wollte ich vom Präsidenten wissen.

„Das ist wohl die eine Ebene. Die andere gereicht unserer Gesellschaft zur Ehre. Aber ich bin froh, dass gerade diese Fotografie gewonnen hat. Wenn schon ein Drama gezeigt werden soll, dann ist es gut, dass es nicht irgendein Krieg ist, 5000 Kilometer entfernt von uns, sondern ein dramatisch-trauriges Thema unserer Gegenwart.“

Die Ausstellung „Czech press photo“ mit über 300 Fotos ist noch bis zum 31. Januar 2008 im Rathaus auf dem Prager Altstädterring zu sehen.