Schmelztiegel Prag? Tschechien als multikulturelle Gesellschaft

r_2100x1400_radio_praha.png

Vietnamesische Gemüsehändler, österreichische Wirtschaftsexperten und jede Menge Studenten aus ganz Europa: Tschechien – und vor allem Prag – wird multikulturell. Mit dem Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in Tschechien beschäftigt sich hauptberuflich Jakob Hurrle, Leiter der Nichtregierungsorganisation „Multikulturní Centrum“. Sarah Houtermans hat mit ihm gesprochen:

„Seit der Wende wird Tschechien bunter und bunter. Während des Kommunismus war die Tschechoslowakei in Folge von Krieg, Vertreibung, Holocaust der Extremfall einer homogenen Gesellschaft. Jetzt findet die Rückkehr zu einer Normalität von Buntheit statt, durch Migration, aber auch durch Interaktion mit den Nachbarländern. Ich denke, dass sich die Menschen mehr und mehr daran gewöhnen, dass Nachbarn Ausländer sein können, besonders in großen Städten und besonders in Prag.“

Aus der tschechischen Gesellschaft wird langsam aber sicher eine multikulturelle: 52 400 Menschen zogen im Jahr 2007 nach Tschechien. Eigentlich keine besonders große Zahl – aber insgesamt leben nur 376 210 offiziell gemeldete Ausländer in Tschechien und der Zuzug hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Und wie leben diese Menschen in Tschechien?

„Probleme betreffen vor allem die Migranten, die zwischen zwei Welten leben, die hin und her pendeln. Sie werden häufig ausgebeutet, teilweise findet Ausbeutung auch innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe statt. Eine große Rolle spielt hierbei, dass ihr Status irgendwo zwischen Legalität und Illegalität liegt. Die Situation von diesen Menschen ist überhaupt nicht zu vergleichen mit der von westlichen Ausländern, die es auch in großen Massen gibt und die als hochqualifizierte Kräfte hergekommen sind, um zu arbeiten. Sie ist auch nicht zu vergleichen mit Slowaken, die sich sehr leicht integrieren und nicht als Ausländer wahrgenommen werden.“

Einerseits versucht der Staat mit einer tschechische Greencard Arbeitskräfte zu locken, andererseits wird es für Ausländer aus Nicht-EU-Staaten schwieriger, ein Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Tschechische Migrationspolitik sei, so Jakob Hurrle, Stückwerk, das den unterschiedlichen Ansprüchen der Sicherheitspolitik, Außenpolitik und der Umsetzung von EU-Regelungen geschuldet sei, eine klare Linie gebe es nicht. Und wie wird in der tschechischen Gesellschaft über Multikulturalismus diskutiert? Lange sei der Begriff viel positiver als in Westeuropa besetzt gewesen.

„Das hat sich geändert durch die Probleme, die es in Westeuropa gibt und die in Tschechien wahrgenommen werden, so dass vor allem in konservativen Kreisen einschließlich des Staatspräsidenten Multikulturalismus heute kritisch gesehen wird. Es wird auf der Grundlage von teilweise sehr einseitigen Nachrichten aus Westeuropa diskutiert. Daraus werden Schlußfolgerungen gezogen, ohne den Alltag in diesen westeuropäischen Städten zu kennen, der durch das Zusammenleben der Kulturen auch sehr befruchtend sein kann.“

Und auch tschechische Jugendliche zeigen sich wenig tolerant: Gerade hat die Organisation „Mensch in Not“ eine Studie vorgestellt, nach der ein Großteil der Schüler zwischen 12 und 20 Jahren gegenüber Roma, Osteuropäern, Muslimen, Vietnamesen und Asylbewerbern eher negativ eingestellt ist.