„Sehr bewegend“ – Grünen-Politiker Horáček zur Durchtrennung des Eisernen Vorhangs 1989

Hans-Dietrich Genscher und Jiří Dienstbier 1989 (Foto: ČT24)

Kurz vor Weihnachten im Wendejahr 1989: Am 23. Dezember durchtrennen der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher und sein tschechoslowakischer Amtskollege Jiří Dienstbier den Grenzzaun in der Nähe von Waidhaus. Dem symbolischen Akt wohnt damals auch Milan Horáček bei. Er war 1968 über den Eisernen Vorhang aus der Tschechoslowakei geflohen, wurde in der Bundesrepublik dann Gründungsmitglied der Grünen und zog 1983 in den Bundestag ein. Nach der politischen Wende nahm ihn Václav Havel in sein Beraterteam auf. Später leitete Horáček das Prager Büro der Heinrich-Böll-Stiftung und wurde 2004 ins Europaparlament gewählt. Mit ihm ein Gespräch über die Durchtrennung des Eisernen Vorhangs vor 25 Jahren.

Milan Horáček (Foto: YouTube)
Herr Horáček, Sie waren am 23. Dezember 1989 mit dabei, als die Außenminister Genscher und Dienstbier die Drähte des Eisernen Vorhangs durchtrennt haben. Waren Sie in der deutschen oder der tschechoslowakischen Delegation?

„In der deutschen, ich bin von Außenminister Genscher dazu eingeladen worden. 1983 war ich in den Bundestag gekommen, und habe im Auswärtigen Ausschuss gesessen - Genscher war also sozusagen mein Minister. Er hat mich auch immer zu den Delegationstreffen mit dem kommunistischen Außenminister der Tschechoslowakei, Bohuslav Chňoupek, mitgenommen. Er wollte mir ermöglichen, mit diesem direkt zu sprechen. Denn die tschechoslowakische Seite versuchte sich, mir gegenüber zu verweigern, da ich wegen meiner Exilarbeit vom damaligen tschechoslowakischen Innenminister persönlich ausgebürgert worden war. Es war dann natürlich sehr freundlich, dass mich Außenminister Genscher mitnahm. Wir sind zuerst aus Bonn nach Nürnberg geflogen, dort in einen Hubschrauber umgestiegen, und auf einer Wiese direkt bei Waidhaus gelandet. Danach sind wir zur Grenze, und dort war ein wahnsinniger Auflauf an Menschen. Die Atmosphäre war halb feierlich, halb euphorisch, aber auch bewegend.“

Foto: Jan Rosenauer, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Haben Sie noch Erinnerungen daran, wie dieser Akt verlief?

„Im Grunde wurde die Sache gespielt. Denn wir mussten auf die tschechische Seite gehen. Von dort wurden die Drähte durchgeschnitten, denn die konkrete Grenze befand sich komplett auf tschechischem Gebiet, sie war etwas zurückversetzt. Auf der deutschen Seite gab es nur einen schmalen Feldweg, da sind zwar auch schon zu Zeiten des Kalten Kriegs die Grenzer mit ihren Jeeps durchgefahren, aber die Grenze war von der Seite praktisch nicht bewacht worden.“

Alexander Dubček (Foto: Archiv des Abgeordnetenhauses des Parlaments der Tschechischen Republik)
21 Jahre zuvor sind Sie selbst ja über den Eisernen Vorhang aus der Tschechoslowakei geflohen. Wie haben Sie das damals angestellt?

„Das war an einem anderen Teil der Grenze, nämlich südlich von Znojmo bei Hatě. Da hatte zuvor ein Freund von mir gedient, mit dem ich zusammen meine Lehre als Elektrotechniker abgeschlossen hatte. Er wusste, wie meine Einstellung zum damaligen tschechoslowakischen Staat war. Ich habe später sozusagen in meinen Stasi-Akten durchgelesen, dass ich schon deswegen Probleme bekommen hatte, weil ich die Tschechoslowakei als großes Gefängnis bezeichnet hatte. Dieser Freund jedenfalls wurde, im Unterschied zu mir, zu den Grenztruppen eingezogen. Er hat dann festgestellt, dass es an der Grenze mehrere Zäune hintereinander und eine schwere Bewachung gab und wir uns also wirklich in einem großen Gefängnis befanden. Er meldete sich dann freiwillig zum Spurtreten für die Hundeführer, um zu lernen, wie man die Grenze überwinden kann. Dieser Freund bot mir nach der Okkupation vom 21. August 1968 an, bei der Flucht zu helfen. Als die Delegation des damaligen Parteichefs Alexander Dubček aus Moskau zurückkam und fast weinend im Fernsehen verkündete, dass man die sowjetische Besatzung akzeptieren müsse, haben wir uns entschlossen wegzugehen. Wir haben das dann in einer Nacht durchgeführt. Rückblickend muss ich sagen, dass die Entscheidung eigentlich nicht gerade klug war. Denn zu dem Zeitpunkt waren auch schon sowjetische Einheiten an der Grenze stationiert, und wir wussten gar nicht genau, wie es dort aussah. Der Freund von mir war schon ein Jahr zuvor vom Dienst an dieser Grenze abgezogen worden. Aber ich erinnere mich, dass er mir geholfen hat, die Durchgänge für die Hundeführer zu finden. Und er hat mich die ganze Zeit angetrieben, dass ich rennen, immerzu rennen solle – ich konnte schon gar nicht mehr, er hatte eine bessere Kondition als ich. Es gab zwar keinen Starkstromzaun mehr, aber die Grenzer waren angehalten, die Leute auch aus dem österreichischen oder bundesrepublikanischen Gebiet zurückzuholen. Wir hatten also viel Glück.“

Hans-Dietrich Genscher und Jiří Dienstbier 1989 (Foto: ČT24)
Was haben Sie dann empfunden, als Sie die Repräsentanten beider Staaten die Grenzdrähte durchschnitten?

„Ich hatte die ganze Flucht im Hinterkopf. Und bei diesem – wenn auch nur symbolischen - Akt, der aber bedeutete, dass tatsächlich die Zäune entfernt werden, kam alles zusammen - es war emotional ein ganz tiefer und starker Moment.“

2004 ist Tschechien ja der EU beigetreten und 2007 dem Schengener Abkommen. Das heißt, die Grenze sollte damit im Prinzip verschwunden sein. Oder sehen Sie doch noch Hindernisse, die vielleicht beseitigt werden sollten?

„Zu Sachsen ist ja die Grenze genauso offen wie zu Bayern, aber nicht nur mental, sondern auch auf der menschlichen Ebene bestehen bestimmte Unterschiede. Die Sachsen werden in Tschechien als ehemalige DDR-Bürger wahrgenommen, die Bayern aber sehr gemischt: nicht nur als Bayern, sondern auch als ehemalige Landsleute, Sudetendeutsche. Immer wieder begegnet man der tschechisch-tschechoslowakisch-deutsch-sudetendeutschen Vergangenheit. Und diese hat eine Grenze in den Köpfen entstehen lassen, wobei überkommene Vorurteile auf beiden Seiten bestehen. Dies betrifft nicht nur die tschechische Einstellung gegenüber den Bayern oder Neubayern, sondern auch die bayerische – ob sudetendeutsche oder altbayerische - gegenüber den Tschechen. Außerdem waren die Vertriebenen früher auch für die Altbayern Eindringlinge gewesen. Das Ganze ist also sehr kompliziert.“