Solist Baborák: Singendes Waldhorn und Corona-Projekt für Musiker

Radek Baborák (Foto: Vojtěch Havlík, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Radek Baborák ist einer der besten Hornisten weltweit. Vier Jahre lang spielte er sein Instrument als Solist bei den Münchner Philharmonikern und anschließend bei den Bamberger Symphonikern. In den Jahren 2002 bis 2011 war er als Solohornist bei den Berliner Philharmoniker engagiert. Baborák ist mit renommierten Orchestern in den berühmtesten Konzertsälen der Welt aufgetreten. In der jetzigen Corona-Krise hat er eine Initiative zur Unterstützung freischaffender Musiker gegründet. Zudem steht er hinter dem neugegründeten Horn Fest Praha, das am 1. Mai beginnt, aber nun wegen der Pandemie etwas anders ablaufen wird als geplant. Martina Schneibergová hat mit Radek Baborák unter anderem darüber, aber auch über das Hornspiel an sich gesprochen.

Radek Baborák (Foto: Vojtěch Havlík, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Radek Baborák (Foto: Radek Baborák & Horn Fest Praha)
Herr Baborák, Sie haben das neue Festival „Horn Fest Praha“ ins Leben gerufen. Was war der Beweggrund?

„In Tschechien gibt es eine sehr lange Hornspieltradition. Sie ist genau 340 Jahre alt. Wir müssen solche Traditionen erhalten, und darum habe ich zusammen mit Kollegen – das sind Professoren vom Prager Konservatorium – dieses Festival gegründet. Damit möchten wir junge Hornisten unterstützen und inspirieren.“

Wegen der Corona-Krise kann das Festival leider nicht in der üblichen Form stattfinden. Wie werden die Konzerte gestaltet?

„Alle Konzerte werden live gestreamt. Wir haben schon mit der Präsentation der Hornspielkunst angefangen, und zwar in der Live-Übertragung eines Benefizkonzerts der Tschechischen Philharmonie aus dem Prager Rudolfinum am vergangenen Samstag. Weiter geht es mit drei Konzerten, die am 1., 2. und 3. Mai stattfinden. Sie werden alle gestreamt.“

Die Corona-Pandemie gefährdet die Existenz vieler freischaffender Musiker, weil ihnen die Honorare fehlen. Sie haben eine Spendensammlung für diese Künstler initiiert. War da auch Deutschland ein Vorbild?

„Bisher haben wir etwa 80 freischaffende Musikerinnen und Musiker unterstützt. Die Spendenaktion läuft weiter.“

„Ja, genau. Ich habe mich von einer Initiative der Deutschen Orchestervereinigung inspirieren lassen, die unter der Schirmherrschaft der Kulturministerin und des Maestro Kiril Petrenko läuft. Zunächst habe ich beobachtet, ob auch bei uns etwas Ähnliches entsteht, aber es hat sich nichts bewegt. Darum habe ich die Aktion mit meinen Studenten und Freunden zusammen organisiert. Und ich muss sagen, dass es sehr gut läuft. Bisher haben wir etwa 80 freischaffende Musikerinnen und Musiker mit ungefähr je 10.000 Kronen – also ungefähr 400 Euro – unterstützt. Die Spendenaktion läuft weiter. Wir werden sehen, wie lange noch.“

Daniel Barenboim und Radek Baborák (Foto: Radek Baborák & Horn Fest Praha)
Bisher kam mehr als eine Million Kronen – also rund 40.000 Euro – zusammen. Unterstützt wurde die Spendensammlung auch von renommierten Künstlern wie dem Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim.

„Maestro Barenboim war der erste bekannte Name. Es ist bewundernswert, mit welcher Energie er sich um tschechische Musiker kümmert und wieviel Zeit er investiert. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, denn das war ein sehr wichtiger Schritt, und seine Stimme ist sehr stark. Mittlerweile haben sich mehrere Dirigenten von Prager Orchestern, Festivaldirektoren und weitere Persönlichkeiten angeschlossen. Aber ehrlich gesagt warten wir noch auf ganz große Sponsoren – und ich hoffe, dass das Interesse weiter wachsen wird. Denn die tschechische Klassik hat eine große Tradition, und jetzt brauchen die Musiker Hilfe.“

Lässt sich sagen, welche Musiker am häufigsten zu den Antragstellern gehören, welche von der Corona-Krise am stärksten betroffen sind?

„Das ist schwierig. Es sind darunter Berufsmusiker aus dem Klassik-Bereich wie auch Musiker aus der Filmindustrie. In Prag gibt es viele Filmorchester. Dazu kommen Mitglieder spezialisierter Barockmusik- oder Gegenwartsmusik-Ensembles. Die Frühlings- und Sommerfestivals werden abgesagt, alle Konzertsäle sind geschlossen. Wir werden sehen, wie sich die Lage dann im Herbst darstellt.“

„Es ist bewundernswert, mit welcher Energie sich Maestro Barenboim um tschechische Musiker kümmert und wieviel Zeit er investiert.“

Wollen Sie vielleicht später, wenn dies möglich wird, ein Konzert mit diesen Künstlern auf die Beine bringen?

„Ja. Es gibt dazu eine große Initiative aus Brünn. Wir hoffen, dass wir Ende August ein Konzert in dieser Stadt und eines in Prag geben können. Aber natürlich wissen wir noch nicht, ob das dann schon zu diesem Zeitpunkt klappt.“

Sie waren jahrelang Solohornist der Berliner Philharmoniker, zuvor auch der Münchner Philharmoniker und der Bamberger Symphoniker. Sie sind an vielen Orten der Welt aufgetreten. Gibt es etwas Spezifisches am tschechischen Hornspiel?

Radek Baborák (Foto: Petr Horník, SOČR)
„Ja, auch wenn sich heutzutage alles miteinander mischt. Das Allerwichtigste für Tschechen oder sogar Osteuropäer ist das Singen am Horn. Das haben unsere Lehrer immer betont: Man muss singen, mit Klangexpressivität und sogar mit Vibrato spielen, also die menschliche Stimme nachahmen. Dies ist der größte Unterschied, der zu hören ist. In England oder in den USA ist die Tradition der Brass-Bands oder March-Bands ausgeprägt. Diese spielen aggressiver und direkter, wir versuchen hingegen, am Horn zu singen.“

Erkennt man also einen tschechischen Hornisten, falls man sich gut auskennt?

„Ja“

Wie sehen Sie die Zukunft des neuen Festivals, das nun unter speziellen Bedingungen stattfindet?

„Das Allerwichtigste für Tschechen oder sogar Osteuropäer ist das Singen am Horn.“

„Derzeit läuft der nullte Jahrgang. Wir hoffen, dass wir nächstes Jahr ein richtiges Horn-Fest organisieren werden. Denn 2021 vergehen genau 340 Jahre seit dem Augenblick, als in Böhmen erstmals Waldhörner erklangen.“

War dies das Verdienst des musikliebenden Graf Sporck?

„Ja. Er war begeistert von den Hornisten in Paris und wollte auch eine Kapelle von Jagdhornisten haben. Deswegen schickte er zwei seiner Leute nach Paris, sie kauften dort die Musikinstrumente und brachten sie nach Böhmen. Das sind sozusagen die Ururväter der Hornspielkunst hierzulande.“

Horn (Foto: cooldanek, Pixabay / CC0)
Hat sich das Musikinstrument in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt?

„Sehr stark sogar, vor allem was die technische Ausstattung anbetrifft. Die Form und die Länge sind gleichgeblieben. Die Naturhörner waren ohne mechanische Elemente, also ohne Ventile, man konnte nur ungefähr 13 bis 17 Töne spielen. Das reichte für die Jagd, für Fanfaren und Signale. Vor etwa 150 Jahren wurden dann die ersten Versuche mit Ventilen gemacht. Seitdem lassen sich alle chromatischen Töne spielen. Dies hat dem Klang der Höner eine ganz neue Welt eröffnet.“

Rechnen Sie künftig im Rahmen des Festivals auch mit Workshops für junge Musiker?

Radek Baborák (Foto: Daniel Jäger, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Das ist uns sogar sehr wichtig und soll ein bedeutender Bestandteil des Festivals sein: vormittags unterrichten, nachmittags proben und am Abend Konzerte. Die Akademie für Musikstudenten wurde auf August verschoben. Diese Sommerakademie wird in Kroměříž veranstaltet.“

Nochmals zum laufenden Horn Fest Praha: Was steht auf dem Programm der Konzerte?

„Für die drei Videostream-Konzerte nutzen wir drei verschiedene Säle in Prag. Beim ersten Konzert erklingen Jazz, Piazzolla und zeitgenössische Stücke, gespielt wird im alternativen Studio von Parallel Polis. Beim folgenden Konzert am 2. Mai im Suk-Saal des Rudolfinums erklingt Barockmusik: Telemann, die berühmte Wassermusik von Händel und zudem Beethovens Sextett für zwei Hörner und Streicher. Und schließlich am 3. Mai werden wir in der ehemaligen Kapelle in Žižkov, dem heutigen ‚Atrium‘, einfach nur Johann Sebastian Bach spielen.“

Mehr über die Spendenaktion für freischaffende Musiker erfahren Sie auch auf Englisch unter www.muzikantivolnanoha.cz. Über das Festival können Sie sich informieren unter: https://hornfestpraha.cz/festival.