Streifzug durch die Architektur: Žďákov-Brücke

Žďákov-Brücke (Foto: Karel Jakubec, Wikimedia Commons, Public Domain)

Die Žďákov-Brücke ist ein Wunder der Technik. In den 1960er Jahren sollte sie die Fortschrittlichkeit der damaligen Tschechoslowakei zeigen. Dabei achteten die Architekten auch auf die aktuellen Trends in der Ästhetik. In unserer Sommerserie zu zehn Jahrzehnten tschechoslowakischer und tschechischer Architektur nehmen wir Sie diesmal mit zum Orlík-Stausee.

Žďákov-Brücke  (Foto: Karel Jakubec,  Wikimedia Commons,  Public Domain)
Žďákov-Brücke  (Foto: Ondřej Tomšů)

Sie ist vermutlich die größte einfache Zweigelenk-Stahlbogenbrücke der Welt: die Žďákov-Brücke. Sie führt über den Moldau-Stausee Orlík und verbindet die Dörfer Kostelec nad Vltavou / Kosteletz und Staré Sedlo. Einzigartig seien die Konstruktion der Brücke und vor allem deren Spannbreite, sagt Eva Erbanová von der Denkmalschutzbehörde in České Budějovice / Budweis.

„In der Zeit, als die Brücke erbaut wurde, war sie die größte ihrer Art auf der ganzen Welt. Der Bau wurde 1967 beendet. Die zwei Bögen sind mit Gelenken an Pfeilern befestigt, die am Ufer der Talsperre verankert sind. Die Spannweite des Bogens beträgt 379,6 Meter. Die Brücke hat Architekt Oskar Oehler entworfen, Josef Zeman war für die Konstruktion verantwortlich. Letzterer war ein Experte für Brückenkonstruktionen und Sporthallen. Oskar Oehler war ein namhafter Avantgarde Architekt, der in der Zwischenkriegszeit mehrere funktionalistische Villen entworfen hat. Diese waren durch Le Curbusier und die niederländische Architektur inspiriert. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er 1951 beim Prager Hüttenprojekt zu arbeiten, wo er bald zum Chefarchitekten aufstieg. Der erste Entwurf für die 543 Meter lange Žďákov-Brücke stammt aus dem Jahr 1955. Sie entstand an dem Ort, an dem sich die Gemeinde Žďákov befand. Diese wurde vom Stausee überflutet, der von 1955 bis 1961 errichtet worden ist.“

Eine moderne Brücke mit langer Geschichte

Foto: Tschechisches Fernsehen

Die Žďákov-Brücke hat mehrere Vorgänger. Einst stand an dem Ort eine Holzbrücke. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde an dem Ort eine Schiffsbrücke errichtet, die den Kaiserlichen Truppen im Krieg gegen die Schweden diente. Die Expertin:

„Einhundert Jahre später, 1744, wurden dort zwei weitere Holzbrücken errichtet. Diese wurden wieder vom kaiserlichen Heer genutzt, als es gegen die Preußen in den Krieg zog. In Žďákov befand sich eine Werkstatt, in der Schiffe gebaut wurden. Zudem stand dort ein sehr bekanntes Gasthaus ‚ U Paličků‘, dass gerne von Flößern und Wanderern besucht wurde.“

Die Brücke wurde in den Jahren 2015 bis 2017 renoviert. Auch die Stahl- und Betonkonstruktion, sowie das Geländer wurden in Stand gesetzt. Die großzügige Brückenkonstruktion orientiert sich an Trends in der Architektur, die seit dem Ende der 1950er Jahre aktuell waren. Eva Erbanová

Foto: Tschechisches Fernsehen

„Schon Ende der 1950er Jahre begann eine Zeit, in der mutige Bauentwürfe in die Tat umgesetzt wurden. Damals vertrauten die Menschen auf die Technik. Sie waren von den unbeschränkten Möglichkeiten der modernen Errungenschaften fest überzeugt. Darum begann man damit, sehr mutige Konstruktionen auszuprobieren. Dazu gehörten auch verschiedene Seilkonstruktionen. In der Zeit, in der die Žďákov-Brücke entstand, wurde in Liberec zum Beispiel der Fernsehturm auf dem Berg Ještěd erbaut. Das war in den 1960er Jahren. Der Turm wurde mit dem Auguste-Perret-Preis ausgezeichnet. Es begann eine Zeit der Entspannung in der Architektur.“

Mit mehr Offenheit zu neuen Trends

Foto: Tschechisches Fernsehen

Alles hat der Expertin zufolge schon 1958 mit der Weltausstellung in Brüssel angefangen. Der tschechoslowakische Pavillon wurde damals mit mehreren Preisen bedacht. Die Architektur des Landes befreite sich vom sozialistischen Realismus und kehrte wieder zu einem internationalen Baustil zurück. Dies hing in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre auch mit der Entspannung in der Sowjetunion zusammen, wo der Stalin-Kult verurteilt wurde. Anschließend konnten es die Ostblockstaaten wagen, sich vom sozialistischen Realismus zu befreien. Sie konnten wieder im Westen nach Inspiration suchen. Eva Erbanová

„In dieser Zeit entstand der populäre Brüsseler Stil. Dieser wirkt sehr emotional. Er enthielt verschiedene schiefe und unregelmäßige Formen. Er beeinflusste auch die Architektur und war in der Tschechoslowakei der 1960er Jahren sehr dominant. Als Beispiele für diesen Baustil würde ich den Bahnhof in Vítkovice oder das Emmauskloster in Prag nennen. Nicht so bekannt ist das Erholungsareal Orlík-Vystkrov, das rein im Brüsseler Stil gehalten ist. Es handelt sich um einige Villen, die für die früheren kommunistischen Politiker erbaut worden sind. Zum Areal gehört auch ein Hotel. Man weiß nicht, wer das Hotelgebäude entwarf, denn es wurde von Architekten entworfen, die damals im Gefängnis saßen. Das ist interessant.“

Villa im Erholungsareal Orlík-Vystkrov  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

In derselben Zeit wurde auch der Fernsehturm von Liberec mit seiner einzigartigen Konstruktion erbaut. Zur gleichen Zeit entstand in Prag das Institut für makromolekulare Chemie. Das Gebäude entwarf Architekt Karel Prager:

„In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre setzte sich wiederum der sogenannte Brutalismus durch. In diesem Stil wurde beispielsweise das bekannte Hotel Thermal in Karlsbad erbaut, das vom Ehepaar Machonin entworfen wurde. Diese Architektur ist durch klare Silhouette und rohe Oberflächen charakteristisch. In ihrer Umgebung wirken die Bauten sehr rasant.“

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