Sudetendeutsches Museum: Das Thema „Heimat“ ist roter Leitfaden

Sudetendeutsches Museum in München (Foto: Archiv des Kulturforums/Sudetendeutschen Hauses)

Die lange Geschichte der Deutschen in den Sudetengebieten, ihre Vertreibung aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch die Suche der Volksgruppe nach ihrer neuen Heimat und ihrer Rolle bei der Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen in der jüngsten Zeit: Im neuen Sudetendeutschen Museum wird an das Schicksal von etwa drei Millionen Deutschen erinnert, die auf dem Gebiet Böhmens, Mährens und Schlesiens gelebt haben. Der Historiker Raimund Paleczek hat die Ausstellungen dort mitkonzipiert. Anlässlich der Museumseröffnung in der vergangenen Woche in München hat Radio Prag International mit ihm gesprochen.

Raimund Paleczek (Foto: Archiv von Raimund Paleczek)

Herr Paleczek, in München ist jetzt das Sudetendeutsche Museum eröffnet worden. Die Arbeiten dazu habenviele Jahre gedauert. Wie und wann entstand eigentlich die Idee zu dem Museum?

„In der Vertriebenen-Landschaft in Deutschland gab es schon eine geraume Zeit verschiedene Museen. Also zum Beispiel die Schlesier, die Ost-Preußen und weitere hatten bereits Museen. Vor etwa 20 Jahren kamen dann erste Überlegungen auf, auch ein zentrales Museum für die Sudetendeutschen zu errichten, nachdem es schon einige regionale sudetendeutsche Museen gab, wie etwa für das Egerland in Marktredwitz oder für das Isergebirge in Neu-Gablonz. Dann war klar, dass auch der Freistaat Bayern für die Sudetendeutschen ein Zeichen setzen möchte, und vor etwa zehn Jahren begannen dann konkrete Planungen.“

Die neue Dauerausstellung erstreckt sich über fünf Stockwerke und ist in fünf Themen aufgeteilt. Was sind die Schwerpunkte?

Foto: Archiv des Kulturforums/Sudetendeutschen Hauses

„Die Ausstellung konzentriert sich auf den Begriff Heimat als roten Leitfaden. Man wird in dieser Ausstellung Antworten finden, wo Sudetendeutsche ihre Heimat hatten, wie sie dort gelebt und gearbeitet und wie sie diese Heimat verloren haben. Aber auch, wie dann eine neue Heimat gefunden wurde, hauptsächlich in Deutschland, vor allem in Bayern. Denn ein Drittel der Sudetendeutschen kam nach Bayern. Und natürlich geht es auch um die Frage, wie man sich um die alte Heimat kümmert. Wie man auch wieder Kontakte belebt, bis hin zu einer guten Zusammenarbeit mit den alten oder auch den neu-alten tschechischen Nachbarn dort.“

Regionale, kulturelle und sprachliche Mannigfaltigkeit

Und die fünf Ebenen?

Foto: Archiv des Kulturforums/Sudetendeutschen Hauses

„Ganz kurz lässt sich das zusammenfassen als dreimal 1000. Nämlich 1000 Jahre Geschichte werden dargestellt in 1000 Objekten auf etwa 1000 Quadratmetern. Behandelt werden die Themen Heimat und Glaube, also woher die Sudetendeutschen kommen und wie sie sich in den Sudetengebieten niedergelassen haben. Auch die verschiedenen Regionen werden dort thematisiert, denn es wird klar, dass es die Sudetendeutschen in dem Sinne gar nicht gibt. Sie bilden keine kulturelle und sprachliche Einheit, wie man sich das heute vorstellt. Allein die Dialekte zeigen schon große Unterschiede. Auch in der Religion und religiösen Praktiken gibt es Unterschiede, das kann man dort alles erfahren. Ebene zwei behandelt Wirtschaft und Kultur. Die Sudetendeutschen waren politisch und kulturell ein sehr reges Volk. Gerade in der Industrie, der Bäder-Kultur, im Tourismus oder Gewerbewesen haben sie sich sehr engagiert. Hier sehen wir auch ein besonderes Exponat, nämlich das längste Motorrad der Welt, mit 3,30 Meter. Es trug die Marke ‚Böhmerland‘, und auf Tschechisch hatte es die Bezeichnung ‚Čechie‘. In der Ebene drei wird es chronologisch: Es werden die Themen Nationalismus und Nationalstaat behandelt, also das 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In der Ebene vier folgt das Finale, der Verlust und die Vertreibung, das endgültige Ende des Zusammenlebens. Und in der Ebene fünf werden die Nachkriegszeit dargestellt sowie der Neubeginn, der von den Schwierigkeiten geprägt war, eine neue Heimat zu finden, aber auch dabei die alte Heimat nicht zu vergessen, mit der alten Heimat in Gedanken zu leben und daraus heraus partnerschaftliche Zusammenarbeit in das heute zu übertragen.“

Foto: Archiv des Kulturforums/Sudetendeutschen Hauses

Woher stammen die Exponate, die im Museum zu sehen sind? Sind es alte Archivalien, alte Gegenstände, oder vielleicht auch Sachen, die Sudetendeutsche selbst dem Museum geschenkt haben?

„Der große Vorteil ist, dass die Sammlungstätigkeit unter den Sudetendeutschen eigentlich direkt nach der Vertreibung begonnen hat. So konnten wir auf eine Vielzahl von Objekten zurückgreifen. Allein die historische Sammlung, die Heimatsammlung, umfasste etwa 25.000 Objekte, aus denen wir natürlich reichlich schöpfen konnten. Zudem gibt es seit über 60 Jahren das Sudetendeutsche Archiv mit mittlerweile 2000 Metern Schriftgut und 100.000 Bildern. Dort konnten wir uns natürlich ebenso aus eigenen Beständen bedienen. Darüber hinaus gab es auch eine erfreuliche Zusammenarbeit. Etwa sehr viele historische Filme aus dem Národní filmový archiv in Prag, aber auch andere Gegenstände, wobei die tschechischen Museen uns entgegengekommen sind. Zum Beispiel hat uns das Bezirksmuseum in Schüttenhofen, auf Tschechisch Sušice, ein Totenbrett aus dem Böhmerwald als Leihgabe zur Verfügung gestellt.“

Geschichte, Vertreibung, Versöhnung

Foto: Archiv des Kulturforums/Sudetendeutschen Hauses

An wen wendet sich die Ausstellung?

„Die Ausstellung wendet sich an alle Interessierten. Sie ist nicht allein für die Sudetendeutschen konzipiert, sondern für alle, die sich für Minderheitenpolitik, Kulturpolitik und Staatenpolitik in Mitteleuropa interessieren.“

Wie war die Atmosphäre bei der Eröffnung. Derzeit ist das gesellschaftliche Leben in Folge der Corona-Pandemie sehr eingeschränkt, wie war es also in München bei der Eröffnung?

Foto: Archiv des Kulturforums/Sudetendeutschen Hauses

„Es war leider, den Umständen geschuldet, eine sehr kleine Eröffnung. Offiziell gab es nur zehn Gäste. Das waren hauptsächlich Vertreter des Freistaates Bayern, als dem Geldgeber des Museums. Dann hat sich auch der Bund beteiligt, aus Berlin war Staatsministerin Monika Grütters vertreten. Und natürlich die Sudetendeutsche Stiftung, als diejenige, die das Museum auch in Zukunft betreibt. Der Rahmen war also sehr bescheiden, draußen, vor dem Gebäude, nicht im Gebäude, und es war also keine große Zahl an Gästen zugelassen. Leider auch keine Vertretung aus der Tschechischen Republik, wie es hätte sein sollen. Die Generalkonsulin Kristina Larischová wurde dann leider auf Grund der Entwicklung und der weiteren Begrenzung der Veranstaltung ausgeladen. So gab es also ein weinendes und ein lachendes Auge. Das Museum hätte eine Eröffnung in einem erheblich festlicheren Rahmen verdient. Wir wollen das, wenn es sich wieder bessert, mit einer größeren Eröffnungsfeier im Sommer nachholen.“

Foto: Archiv des Kulturforums/Sudetendeutschen Hauses

Ist das Museum jetzt für die Öffentlichkeit zugänglich?

„Das Museum öffnet ab 1. November seine Pforten für die Öffentlichkeit, und zwar zu den üblichen Zeiten von 10 bis 18 Uhr. Es dürfen sich allerdings nur 75 Personen zum gleichen Zeitpunkt im Museum aufhalten. Gruppen sind nur bei Voranmeldung möglich, und da ist bisher die Zahl auf zehn Personen beschränkt. Das gilt unter Vorbehalt, denn wir wissen nicht, wie sich das hier weiterentwickelt.“

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Foto: Archiv des Kulturforums/Sudetendeutschen Hauses

Das neue Sudetendeutsche Museum befindet sich in der Hochstraße in München.

Eine Dauerausstellung zur Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung in den böhmischen Ländern vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart soll bald auch in Tschechien entstehen. Die Eröffnung der Ausstellung mit dem Namen „Unsere Deutschen“ ist nach jahrelangen Planungen und Vorbereitungen Anfang kommenden Jahres geplant, und zwar im „Collegium Bohemicum“ in Ústí nad Labem / Aussig.