Symposium „Utopie der Moderne“ in Zlín

Foto: Daniel Kortschak

Zlín: Die ostmährische Kreisstadt zählt heute rund 80.00 Einwohner. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber hatte die Stadt kaum 3000 Einwohner. Der rasante Aufstieg Zlíns von einer ärmlichen Bauernsiedlung zu einem der wichtigsten tschechoslowakischen Industriestandorte ist eng mit dem Namen Tomáš Baťa verbunden. In den 1930er-Jahren war Baťas Unternehmen der weltweit größte Schuhproduzent. Die ganze Stadt stand unter dem Eindruck des Werks. Neben Fabrikhallen entstanden Schulen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen und hunderte Wohnhäuser.

Foto: Daniel Kortschak
Nach dem Krieg wurden die Betriebe verstaatlicht. Das kommunistische Regime versuchte mit dem Unternehmen Svit an Baťas Erfolg anzuknüpfen. Das endgültige Aus für die Schuhe „Made in Zlín“ kam mit der politischen Wende 1989 und den anschließenden tiefgreifenden wirtschaftlichen Reformen. Was ist geblieben vom Phänomen Baťa? Wie geht man heute mit dem Erbe des tschechischen Industriepioniers um? Mit diesen und anderen Fragen hat sich vergangene Woche das Internationale Symposium „Zlín: Utopie der Moderne“ befasst.

Mehr als 200 Teilnehmer sind nach Zlín gekommen. Nicht nur aus Tschechien, sondern auch aus Deutschland, Polen, der Slowakei und den Vereinigten Staaten. Veranstaltet hat die Tagung der Verein ZIPP – Deutsch-Tschechische Kulturprojekte in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern wie zum Beispiel der Zlíner Kreisgalerie und dem Haus der Kunst in Brünn. Gefördert hat das Projekt die deutsche Kulturstiftung des Bundes. Deren Leiterin, Hortensia Völckers erklärt, warum man gerade dieses Smyposium unterstützt:

„Die Kulturstiftung des Bundes hat den Auftrag, nach dem Jahr 2004, in dem Europa größer geworden ist, kulturell noch einmal stärker den Kontakt zu den verschiedenen Ländern zu finden. Denn wir haben festgestellt, die kennen uns viel, viel besser als wir sie. Wir haben uns umgeschaut und versucht herauszufinden, was wären die Themen, die Orte und die Anlässe, die sonst nicht so stark im Kulturaustausch vorkommen. Und bei den Recherchen, um herauszufinden, was kennen die Deutschen noch nicht so gut von der Tschechischen Republik und von ihrer Kultur, sind wir eben auf Zlín gekommen.“

Einer der angereisten Experten war der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger von der Technischen Universität München. Für ihn hat die Stadt Zlín Beispielcharakter als so genannte Firmenstadt, wie er mir am Rande der Veranstaltung erzählte:

„Ja, das ist es sicher. Es hat einen einzigartigen Status in Europa. Es gibt solche Fabrikstädte natürlich auch anderswo, in Mühlhausen etwa. Aber nicht in dieser Dimension und nicht in dieser Modernität. Das Besondere ist, dass sich hier wirklich das neue Bauen verwirklichen konnte. Das macht schon etwas ganz Besonderes aus.“

Zlín, Utopie, Moderne, Vergangenheit… Wie stehen Sie dazu? Wir stehen ja hier mitten in einem Teil des realen Zlín, in einer ausgeräumten Schuhfabrik.

„Der Begriff Utopie ist vielleicht etwas unglücklich gewählt. Denn vieles ist ja Realität hier in Zlín. Die Baťas, so wie ich sie verstehe, hatten alles im Sinn, nur keine Utopie. Das waren knallharte Unternehmer, die etwas verwirklicht hat. Hier kann man studieren, wie sie eine ganze Stadt nach dem Modell von Henry Ford aufgezogen haben.“

Wenn wir hier aus dem Fenster schauen, sehen wir ein sehr differenziertes Bild. Auf der einen Seite frisch renovierte Gebäude, die wieder eine neue Funktion bekommen haben, etwa das Gebäude 21. Auf der anderen Seite Werkshallen, aus denen schon Bäume wachsen. Wie sehen Sie die Zukunft von Zlín?

„Ich will mich da nicht dezidiert äußern. Aber nach dem, was ich mitbekomme, gibt es hier ganz gewaltige Probleme und so wie ich das sehe, wird das in Zukunft auch nicht unbedingt besser werden. Bei Bauten, die in Privatbesitz sind, kann man nur sehr schwer die Erhaltung forcieren. Dieses Problem haben wir überall in Europa. Man sieht hier auch Fälle, wo Gebäude buchstäblich zerstört werden. Selbst wenn jemand etwas erhalten will, besteht immer die Gefahr, dass er das nicht denkmalpflegerisch richtig macht. Da bedarf es noch sehr viel Arbeit und Mühe. Wichtig wäre, dass man da auch steuernd eingreift.“

Tatsächlich sind die Eigentumsverhältnisse auf dem riesigen Areal der früheren Baťa-Werke nach dem Konkurs ihrer Nachfolgefirma Svit im Jahr 2000 ungeklärt. Viele Gebäude stehen nach dem definitiven Ende der Schuhproduktion leer und verfallen. In anderen läuft noch die Produktion von Gummierzeugnissen und einige wenige werden heute anders genutzt. So die ehemalige Baťa-Firmenzentrale, das Gebäude Nummer 21. 1938 als erstes Hochhaus Mitteleuropas eröffnet, beherbergt es nach seiner umfassenden Sanierung seit 2004 die Kreisverwaltung und das Finanzamt. Geplant hat das Gebäude mit der für Zlín so typischen Beton-Ziegel-Fassade und den hellgrün gestrichenen Fensterrahmen der Architekt Vladimír Karfík. Von ihm stammen auch die viele weitere Gebäude in Zlín aus der Zeit der Firma Baťa. Etwa das Gesellschaftshaus - das heutige Hotel Moskva - oder viele der Familienhäuser für die Baťa-Arbeiter.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Vladimír Karfík einen Lehrstuhl am Institut für Architektur der Technischen Universität Bratislava. Einer seiner Studenten und Assistenten ist der Chefarchitekt der slowakischen Hauptstadt, Štefan Šlachta. Im Gegensatz zu Winfried Nerdinger sieht er die Zukunft des ehemaligen Baťa-Werksgeländes optimistisch. Im Ausland gäbe es eine Reihe von Beispielen für eine gelungene Nachnutzung stillgelegter Industrieobjekte.

„Zum Beispiel die ehemalige Tabakfabrik Van Nelle in Rotterdam. Das riesige Areal hat man komplett saniert und zu einem Design-Zentrum umgebaut. Doch hier in Zlín geht es um noch mehr Gebäude, um noch größere Flächen. Die Industrieproduktion wird nie wieder in dem Ausmaß zurückkehren, wie es sie vor 1989 hier gab.“

Wichtig sei es, die historisch wertvollen Industrieobjekte in Zlín vor dem weiteren Verfall zu retten und – auch um den Preis des einen oder anderen denkmalpflegerischen Kompromisses – einer neuen Nutzung zuzuführen, so Architekt Šlachta:

„Ich denke, Zlín hat einen guten Weg gewählt, auf die Wissenschaft und die Kreativwirtschaft zu setzen. Die Tomáš-Baťa-Universität ist zurzeit sicher die dynamischste unter den tschechischen und slowakischen Hochschulen. Da ergeben sich sehr interessante Nutzungsmöglichkeiten. Ich bin überzeugt, dass Zlín es schaffen wird.“

Auch die teilweise Nutzung des Werksgeländes und der leerstehenden Fabrikhallen für Wohnbauprojekte kann sich Štefan Šlachta vorstellen. Hier gäbe es Lösungen, die im Einklang mit dem Denkmalschutz zu realisieren seien. Dies bestätigt Jan Obšivač vom örtlich zuständigen staatlichen Denkmalamt in Kroměříž (Kremsier). Die bisherigen Umbauten hätten überwiegend die Interessen der Denkmalschützer berücksichtigt. Sorgen bereitet Obšivač hingegen der Umgang mit den für das Zlín Tomáš Baťas charakteristischen Zwei- und Mehrfamilienhäusern. Hunderte der quaderförmigen, unverputzten und mit einem Flachdach versehenen Wohnhäuser ließ die Firma Baťa in einem regelmäßigen Raster und durch Grünflächen getrennt in verschiedenen Stadtteilen Zlíns errichten. Heute sind viele davon in einem schlechten Zustand.

„Diese Gebäude sind eigentlich nur für eine Lebensdauer von 20, 30 Jahren konzipiert.“

Daher entsprächen sie auch in Sachen Wärmedämmung nicht mehr den heutigen Anforderungen, wie Denkmalschützer Obšivač anhand eines Beispiels in der Zlíner Letná-Siedlung erklärte:

„Hier haben wir einige dieser typischen so genannten Viertelhäuser. Einige sehen auch nach der Sanierung fast wie vorher aus. Bei anderen hingegen können Sie in jedem Haus-Viertel andere Fenster und einen anderen Außenverputz sehen. Das sieht aus wie ein nicht gelungenes Lego-Gebäude.“

Für die Genialität von Baťas Konzept spricht, dass auf der ganzen Welt Baťa-Städte nach dem Vorbild von Zlín errichtet wurden. Gut dreißig waren es insgesamt: Bataville in Frankreich, Batangar in Indien, Batawa in Kanada und so weiter. Für die Qualität von Vladimír Karfíks Architektur wiederum spricht, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg in Zlín auch unter den neuen Machtverhältnissen seine Arbeit fortsetzen konnte. Bis in die 1970er-Jahre wurde das Werksgelände nach dem ursprünglichen Muster weiter ausgebaut. Die in dieser Zeit errichteten Gebäude sind kaum von den ursprünglichen Bauten aus der Baťa-Zeit zu unterscheiden, wie Architekt Štefan Šlachta erklärt:

„Die Tschechoslowakei unterscheidet sich in dieser Hinsicht von den übrigen Staaten des ehemaligen Ostblocks. Bei uns hat das Jahr 1945 keinen Wendepunkt in der Entwicklung der Architektur bedeutet. Im Gegensatz zu Ungarn, Ostdeutschland oder Polen hat hierzulande nicht sofort der Sozialistische Realismus – kurz Sorela – Einzug gehalten. Bis 1948 hat man noch rein funktionalistische Gebäude errichtet und auch danach verlief der Übergang – wie so oft in der Architekturgeschichte – fließend. Viele der Vorkriegs-Konzepte hat man weiterverfolgt. Der Einfluss des Sozialistischen Realismus zeigte sich dabei oft nur bei der Innenausstattung.“

Eines der bedeutendsten Nachkriegs-Gebäude Vladimír Karfíks in Zlín ist die 1952 eröffnete Schwimmhalle. Štefan Šlachta erinnert sich dabei an eine Exkursion mit seinem Professor Karfík nach Zlín:

„Er hat uns natürlich auch die Schwimmhalle gezeigt. Besonders stolz war er auf die technische Ausstattung. Doch der Verwalter wollte uns nicht ins Maschinenhaus lassen. Die Klimaanlage habe ohnehin nie funktioniert und sei eine totale Fehlkonstruktion. Der arme Mann hatte Pech: Er wusste nicht, wen er vor sich hatte. Karfík regte sich furchtbar auf und stürmte in die Klimazentrale. Dort stellte er schnell fest, warum die Anlage nicht funktionierte: Der Hausmeister hatte dort jede Menge Kaninchen gehalten.“

Eine Ausstellung über Zlín und das Phänomen Baťa ist an diesem Wochenende in Prag zu Ende gegangen. Ab 18. November ist sie in einer überarbeiteten Fassung in der `Pinakothek der Moderne´ in München zu sehen.

Mehr über Zlín und die Schuhproduktion hören Sie am kommenden Samstag in unserem „Kapitel aus der Tschechischen Geschichte“. Wir wollen der Frage nachgehen, wie die Menschen im Zlín der Zwischenkriegszeit gelebt und gearbeitet haben. Dazu haben wir unter anderem auch mit einer Zeitzeugin gesprochen.

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