Theater, Sprache, Jugendliche, Spaß, Brücken: čojč in Pilsen

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100 Jugendliche aus Tschechien und Deutschland, 10 Projektleiter, 5 verschiedene Workshops, eine riesige Aufführung in einer alten Busdepohalle in der diesjährigen Kulturhauptstadt Pilsen / Plzeň. Und das alles auf čojč: tschechisch und deutsch.

Čojč (sprich „tscheutsch“) ist ein Netzwerk, das binationale theaterpädagogische Projekte im bayerisch-böhmischen Grenzraum organisiert. Čojč ist außerdem eine Begegnungsform, die Brücken zwischen Deutschen und Tschechen baut, und Hemmungen abbaut. Und čojč ist auch eine Sprache, die Elemente des Deutschen und Tschechischen miteinander vermischt. Aus deutsch "danke" und tschechisch "děkuji" wird dann zum Beispiel "dankuji".

Letzte Woche wurde in Pilsen das Projekt "Čojč Magnet" realisiert, an dem insgesamt 100 junge Tschechen und Deutsche teilgenommen haben. Linda Straub, eine der beiden künstlerischen Leiterinnen, erzählt vom Hintergrund des Projektes:

„Die Idee war, dass es schade ist, dass sich die Projekte nie treffen. Čojč organisiert immer mehrere Projekte im Jahr, und wir dachten, dass es schön wäre, wenn die Teilnehmer eine Gelegenheit hätten sich kennen zu lernen. So ist das entstanden. Es waren fünf Projekte, die parallel gelaufen sind, und am dritten Tag sind alle Projekte zusammen gekommen. Diese hundert jungen Menschen haben sich dann getroffen und zusammen ein Theaterstück gemacht. Jede der fünf Gruppen hatte eine dreitägige kreative Phase, die sich mit einem Thema, das Jugendliche anzieht, beschäftigt hat. Es waren also fünf verschiedene Themen. Sonntagabend haben wir dann von allen das Material bekommen. Also jede Gruppe sollte zehn gute Minuten entwickeln und von diesen fünf mal zehn guten Minuten haben wir ausgewählt.“

Musstíš du jít...? - Blick ins Klozet (Foto: Offizielle Facebook-Seite des Projektes Čojč)
Die Themen der fünf Workshop-Gruppen waren: "Kultur-a-natur: mezi-zwischen Grün und Grau", "Bierkultura - Vilshofenek nebo Plznička?", "Cukrwasser Feuervoda", "Planetendisco", und "Musstíš du jít...? - Blick ins Klozet".

„Konzeptuell haben wir entschieden, dass das einfach fünf Sachen sind, die Jugendliche anziehen, und haben dann als Gesamtthema haben die zwischenmenschliche Anziehungskraft gewählt. Wir wollten den Jugendlichen sehr verschiedene Zugänge zum Theater anbieten. Deswegen sind die Themen auch sehr unterschiedlich. Da ist die Anziehungskraft zur Natur, dann gibt es Anziehungskraft zu Alkohol und Bier, dann zum Zuckerwasser, das heißt zu Süßgetränken und Energydrinks, dann gibt es Anziehungskraft zum Wissen und zu Emotionen. Das waren diese fünf sehr verschiedenen, auch formal unterschiedlichen Formen. Jedes Projekt hatte zwei Projektleiter, und die wussten, dass das Überthema die zwischenmenschliche Anziehung ist. Und dann haben wir festgelegt, welche Phase der Liebesbeziehung von welchem Projekt bearbeitet wird. Also wir hatten da flirten, trennen,eine wissenschaftliche Betrachtung der Liebe, die Liebe zu etwas anderem als zu Menschen, und so weiter.“

Musstíš du jít...? - Blick ins Klozet (Foto: Archiv des Projektes Čojč)
Von dem Zusammenbringen dieser zwei unterschiedlichen Themenstränge berichtet eine Teilnehmerin aus dem Projekt "Musstíš du jít...? - Blick ins Klozet":

„Wir hatten als zentrales Thema, wie der Name schon sagt, das Klo, aber in Verbindung mit der Liebe. Ich fand es sehr speziell, diese zwei Dinge, die sehr unterschiedlich sind, so zusammenzufügen, dass ein Stück daraus entsteht. Wir waren zwanzig Leute in der Gruppe, daraus wurden kleinere Grüppchen gebildet, und einige haben dann einen Klo-Song geschrieben, andere haben Standbilder oder auch Szenen gemacht. Das waren ziemlich witzige Szenen, wo wirklich jemand am Klo sitzt - natürlich alles nur gespielt. Wieder andere haben aus Klopapier Motive geformt, die mit der Liebe zu tun hatten, und so bringt man Klopapier mit Liebe in Verbindung. Ich fand das sehr schön, ich hätte nie gedacht, dass man so viel daraus machen kann. Erst waren wir zwanzig Leute, und als wir dann in Pilsen zusammenkamen waren wir plötzlich hundert. Natürlich war das erst mal eine Umstellung mit so vielen Leuten zu arbeiten. Aber es war sehr schön, weil am Anfang jede Gruppe das was sie in den letzten Tagen erarbeitet haben, vorgeführt hat. Dann haben wir Szenen der anderen gelernt und die wiederrum haben unsere Szenen gelernt und so entstand das große Stück. Also es war eigentlich eine Zusammenarbeit von hundert Menschen.“

Musstíš du jít...? - Blick ins Klozet (Foto: Offizielle Facebook-Seite des Projektes Čojč)
Eine kleine Kostprobe aus dem Stück: An einem Ende des Raumes steht eine Toi-Toi-Toilettenkabine, davor eine Schlange von 100 Menschen, die sich durch den ganzen Raum windet. Alle warten, zappeln, müssen sichtlich dringend aufs Klo. Den ersten in der Schlange wird es zu blöd: Sie beginnen an die Tür zu hämmern. Ein entnervter Mann brüllt zurück: “Besetzt!“ Wenig später kommt die Klofrau mit einem großen Haufen Klopapier auf den Armen, die Tür geht kurz auf, sie wirft eine Rolle Klopapier hinein. Unmittelbar danach öffnet sich die Toilettentür erneut, der Mann springt heraus und beginnt mit der begeisterten Klofrau Tango zu tanzen. Diese Szene war eine Möglichkeit, wie čojč funktioniert: einer spricht deutsch, die andere tschechisch und beide führen einen Dialog miteinander. An anderen Stellen wurden die Sprachen intensiver und kreativer miteinander verwoben. So zum Beispiel in einem Rap des Projektes „Planetendisco“.

Foto: Archiv des Projektes Čojč
Das ist ein Beispiel für „Theater čojč“, aber wie funktioniert die Verständigung während der Arbeitsphasen oder im Projektalltag? Einige Teilnehmer berichten von ihren Sprach- und Sprecherfahrungen: "Mit der Zweisprachigkeit funktioniert das so, dass die Gruppenleiter (es sind immer zwei) übersetzen, wenn eine Ansage gemacht wird, so dass sowohl die Deutschen als auch die Tschechen das verstehen. Wir schlafen in einem Hotel und die Zimmer wurden so verteilt, dass immer Deutsche mit Tschechen in einem Zimmer wohnen. Das finde ich sehr schön. Man spricht dann englisch, oder deutsch. Viele Tschechen können auch deutsch, was ich sehr schön fand.“

Foto: Archiv des Projektes Čojč
„Also die Zweisprachigkeit funktioniert sehr gut, ich bin auch mit zwei Tschechinnen in einem Zimmer, und wir unterhalten uns teilweise auf deutsch, teilweise auf tschechisch, beziehungsweise auf čojč, also dass die Wörter verbunden werden. Und wenn es gar nicht anders geht, dann sprechen wir auch teilweise auf englisch.“

„Ich finde es funktioniert zwischen den Leuten in der Gruppe ziemlich gut mit der Sprache, aber manche Tschechen sprechen kein Deutsch und manche Deutschen sprechen kein Tschechisch, dann muss jemand übersetzen. Aber irgendwie verstehen wir uns schon, entweder durch nonverbale Sprache oder mit Händen und Füßen.“

Irgendwie versteht man sich: wenn nicht mit Worten, dann mit Händen und Füßen. Darum ging es bei dem Projekt ja auch: Brücken zu bauen zwischen Tschechen und Deutschen. Die künstlerische Leiterin Linda Straub erzählt, was für sie das Schönste an dem Projekt war:

Linda Straub (Foto: Archiv des Projektes Čojč)
„Wir hatten gestern nach der Aufführung eine Party und man sieht, dass sich die Leute mischen, dass die Deutschen mit den Tschechen sprechen, und dass die Leute von den verschiedenen Projekten miteinander sprechen, zusammen tanzen, Spaß haben. Das ist natürlich das Allerschönste.“

"Čojč Magnet" war ein Projekt mit hundert Jugendlichen aus Tschechien und Deutschland, die in Pilsen eine gemeinsame Theateraufführung realisierten. Es war ein spannendes, berührendes Projekt für Teilnehmer und Zuschauer, bei dem viele neue Brücken gebaut wurden.

Das Projekt wurde am 21. und 22. April 2015 in Pilsen aufgeführt. Eine Videoaufnahme ist auf der Webseite des Projektes (http://cojc.eu/de/magnet#) zu sehen.

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