„Toll recherchiert und verarbeitet“ – Deutsch-tschechischer Journalistenpreis für Ferdinand Hauser

Ferdinand Hauser, Deutsch-tschechischer Journalistenpreis 2025

Ferdinand Hauser aus unserer Redaktion hat den Deutsch-tschechischen Journalistenpreis 2025 im Bereich Audio erhalten. Im Folgenden mehr zur Preisverleihung inklusive Interview.

Ein großer Moment für unseren Kollegen Ferdinand Hauser – die Übergabe des Deutsch-Tschechischen Journalistenpreises im Theater Studio Hrdinů in Prag. Ausgezeichnet wurde sein Beitrag „‚Prost, ihr Säcke!‘ – Der Sauftourismus und die letzten Einwohner der Prager Altstadt“. Diesen haben wir Ende Dezember vergangenen Jahres bei uns gesendet.

Ferdinand Hauser | Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Die Laudatio für Ferdinand Hauser am Freitag hielt Filip Nerad, ehemaliger Leiter der Auslandsredaktion des Tschechischen Rundfunks, der mittlerweile Kommunikationsdirektor und Analyst des Thinktanks Globsec ist. Er saß auch in der Jury für den Bereich „Audio – Deutsch“, in dem unser Kollege die Auszeichnung erhielt. Und Filip Nerad sagte Folgendes auf die Frage, warum sich die Jury entschieden hat, gerade diesen Beitrag auszuzeichnen:

„Die kurze Antwort ist, dass er der Beste war. Die ein bisschen längere lautet, dass der Beitrag sehr gut ausgearbeitet ist. Er hat alles, was in einer solch guten Reportage sein sollte: eine gute Geschichte, viele O-Töne, viele Leute. Alle Seiten des Phänomens werden dort beleuchtet. Und unter dem Radio-Aspekt ist der Beitrag einfach schön anzuhören. Dazu ist die Problematik unfassbar gut durchrecherchiert und verarbeitet. Es war wirklich der beste Beitrag. Und in der Jury waren wir uns darüber total einig, es gab keinen Streit darüber.“

Filip Nerad | Foto: Tschechisches Fernsehen

Am Freitag handelte es sich um den zehnten Jahrgang des Deutsch-tschechischen Journalistenpreises. Deswegen ist im Theater Studio Hrdinů noch bis Ende dieser Woche eine Ausstellung zu sehen, die mit großen Schwarz-Weiß-Fotos und auch etwas Text das Jubiläum würdigt. Initiiert wurde der Preis vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der ihn auch bis heute vergibt. Tomáš Jelínek ist Co-Geschäftsführer des Fonds. Warum ist dieser Preis wichtig?

„Weil es darum geht, dass sich die Tschechen und Deutschen gerade in einer Welt immer größerer Herausforderungen sehr gut verstehen, um gemeinsam stärker zu sein und diese auch zu meistern. Für diesen Zusammenhalt sind einfach gute Kenntnisse und Verständigung notwendig, und dabei sind Journalisten unersetzlich. Wir beobachten, dass es immer mehr deutsch-tschechische investigative Recherchen gibt und hoffen, dass der Preis auch dazu beiträgt, gute Berichterstattung aus dem Nachbarland zu vermitteln und in gemeinsamer Zusammenarbeit die Themen anzugehen“, so Jelínek.

Tomáš Jelínek | Foto: Deutsch-Tschechischer Zukunftsfond

Ferdinand Hauser hat seine Recherche allerdings alleine bestritten. Alles Weitere im folgenden Interview mit ihm:

Ferdinand, wir sind natürlich mächtig stolz darauf, dass du den Deutsch-Tschechischen Journalistenpreis bekommen hast. Was bedeutet er dir?

„Man kann zu dem Thema mit vielen Leuten sprechen, viele verschiedene Stimmen einfangen.“

„Ich freue sehr über diesen Preis. Er bedeutet mir sehr viel. Ich war 2017 das erste Mal bei der Verleihung des Journalistenpreises und habe immer gedacht, dass das irgendwie so spannende Themen, spannende Beiträge und spannende Leute sind. Ab da war ich jedes Mal bei der Preisverleihung und wurde selbst auch dreimal nominiert. Es hat aber nie geklappt, bis zu diesem Mal. Ich werde auf jeden Fall einen Ehrenplatz für diesen wunderschönen Betonklotz, diese Trophäe finden. Und natürlich ist es auch ein Ansporn, weiterzumachen und weiter schöne Beiträge für Radio Prag international zu produzieren.“

Da freuen wir uns drauf... Die Übergabe des Preises fand ja im Rahmen eines festlichen Abends im Prager Theater Studio Hrdinů statt. Neben deinem Beitrag wurden noch sechs weitere geehrt. Man geht dort als Preisträger auf die Bühne, die Scheinwerfer sind auf einen gerichtet. Man muss ins Mikrofon sprechen und vielleicht auch etwas Kluges sagen. Warst du nervös? Wie hast du das erlebt?

Ferdinand Hauser | Foto: Tschechisches Fernsehen

„Ja, ich war natürlich schon nervös. Ich habe mich ein bisschen versucht vorzubereiten, aber das geht nur in einem gewissen Maße. Die Laudatio hat Filip Nerad gehalten, ein ehemaliger Mitarbeiter des Tschechischen Rundfunks, der die Auslandsredaktion geleitet hat. Das hat mich sehr gefreut, weil ich ihn schon vorher kannte, und das hat die Nervosität ein bisschen abgenommen. Ebenso hat die Nervosität ein bisschen gelöst, dass Filip Nerad mir auf der Bühne ein Bier überreicht hat von der Brauerei Ferdinand – ein sehr lustiger Moment. Ich habe den Abend aber auch sehr genossen, weil ich immer ganz interessant finde mitzubekommen, was andere Journalisten für Beiträge machen über Tschechien oder eben über Deutschland. Und man kann da Inspirationen sammeln, sich austauschen mit anderen Journalisten aus den Ländern. Das gibt mir sehr viel.“

Das Bier ist natürlich eine Anspielung auf deinen Beitrag. Nimm uns doch da mal so ein bisschen mit: Es geht um Sauftourismus in Prag und darum, dass immer mehr der ursprünglichen Bewohner aus der Prager Innenstadt wegziehen, auch wegen solcher Exzesse im Tourismus. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?

„Ich habe viele Aufnahmen aus dem Fenster meines Zimmers gemacht, als eben Horden von jungen Männern vorbeigingen und gesungen haben.“

„Dieses Thema ist natürlich immer irgendwie da. Wenn ich in Deutschland sage, dass ich in Prag wohne, sind die Reaktionen entweder: Ach, das ist so eine schöne Stadt. Oder die Reaktionen sind: Da gibt es doch günstiges und gutes Bier. Und das stimmt ja auch, ich trinke es ja auch selbst gerne. Aber natürlich gibt es eben auch diesen Übertourismus und den Alkoholtourismus, diese Scharen von jungen Leuten, die nach Prag kommen, um sich möglichst günstig zu betrinken. Sie kommen vor allem aus England, habe ich festgestellt, aus den Niederlanden, aber es sind eben auch viele aus Deutschland. Vor allem handelt es sich um Männergruppen, viele Junggesellenabschiede gehören dazu. Ich fand es interessant herauszufinden, was das mit der Stadt macht, also mit den Mietern und mit den ganzen Vierteln wie der Altstadt, wenn die Menschen von dort wegziehen und nicht mehr dort wohnen. Darüber habe ich eine 30 Minuten lange Sondersendung für Radio Prag International gemacht, weil ich fand, dass dieses Thema viel hergibt. Man kann mit vielen Leuten sprechen, viele verschiedene Stimmen einfangen. Und auch mit den betrunkenen Touristen habe ich Interviews gemacht, was ganz lustig war. Ich habe viele Töne aufgenommen, auch atmosphärische aus der Altstadt.“

Du hast ja selbst auch eine gewisse Zeit in der Prager Innenstadt gewohnt, bist aber weggezogen. War es wegen dieses Phänomens, oder wie kann man das sagen?

Ferdinand Hauser | Foto: Tschechisches Fernsehen

„Ja genau. Während der Recherche habe ich ein Interview gemacht mit einer guten Freundin von mir, die in einer WG in der Prager Altstadt wohnt. Und dann wurde eben dort ein Zimmer frei. Da meine andere WG kurz vor der Auflösung stand, bin ich dann dort eingezogen und dachte auch, dass es ja eben vielleicht ganz lustig für den Beitrag sei und ich es als Aufhänger nehmen könnte. Ich habe dann viele Aufnahmen auch aus dem Fenster meines Zimmers am Platz Betlémské náměstí gemacht, als eben Horden von jungen Männern vorbeigingen und gesungen haben. Ich bin dann weggezogen, und der Auslöser war wirklich dieser Lärm in der Nacht, von dem man wach wird. An Freitagen und Samstagen habe ich im Sommer wirklich nie durchgeschlafen, aber auch im Winter war es zwischenzeitlich sehr laut. Wenn man diesen Alkoholtourismus einmal wegnimmt, ist die Altstadt zwar immer noch schön, aber trotzdem auch so ein komisches Viertel, mit diesen ganzen Touristenläden. Ich finde es manchmal sehr schade, dass Prag diese Altstadt aufgibt, dass dort irgendwie keine echten Läden mehr sind, in denen die Prager einkaufen gehen. Stattdessen werden dort nur Thai-Massagen angeboten und Matrjoschkas verkauft, und dann marschieren noch die Horden von Junggesellenabschieden durch. Das ist schade.“

Gibt es denn keine Initiativen oder vielleicht sogar schon Maßnahmen, um in Prag dieses Problem mit dem Overtourismus in den Griff zu bekommen?

„Ich habe mit dem Vertreter einer Initiative gesprochen, die sich dafür einsetzt, dass das Zentrum wieder zum Wohnen dient und Airbnbs oder weiteren kurzzeitigen Vermietungen irgendwie der Riegel vorgeschoben wird. Er meinte, dass ein Drittel der Besucher in Prag illegal untergebracht seien, was ich als sehr hohen Anteil empfand. Und es gibt, glaube ich, auch kleinere Bürgerinitiativen. Neulich wurde sogar eine kleinere Demonstration gegen den Übertourismus veranstaltet. Was den Alkoholtourismus angeht, wurden nun die Pubcrawls verboten. Ob das etwas bringt, weiß ich nicht. Ich habe nur gehört, dass es sie trotzdem teilweise weiter gibt, nur in anderer Form. Und ansonsten glaube ich, dass sich die Stadt durchaus bemüht. Prag City Tourism als Tourismusbüro schlägt beispielsweise Besichtigungsziele vor, die abseits der üblichen Pfade liegen, also nicht nur immer Karlsbrücke und Hradschin. Aber ob das gelingt, weiß ich nicht. Ich merke das auch an mir selbst: In einer fremden Stadt gehe ich dorthin, wo das Zentrum ist, und schaue mir die bekannten Sehenswürdigkeiten an. Deshalb muss man sehen, wie es weitergeht mit Prag in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren.“

Autor: Till Janzer
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