Tore am laufenden Band: Fußballlegende Bican

Josef Bican (Foto: Archiv Slavia Prag)

Wenn von den besten Spielern in der 110-jährigen Geschichte des Weltfußballs die Rede ist, dann fallen in der Regel stets die gleichen Namen: Pelé, Maradona und Di Stéfano, mit etwas Abstand auch Beckenbauer und Cruyff, sowie in der Gegenwart Messi und Ronaldo. Ein ganz Großer des Metiers aber wird meist vergessen: Josef „Pepi“ Bican. Denn der Zweite Weltkrieg und danach die kommunistische Zeit in der Tschechoslowakei nahmen ihm die Chance auf eine angemessene internationale Karriere.

Josef Bican (Foto: Archiv Slavia Prag)
Der Tscheche Josef „Pepi“ Bican war ein Sohn tschechischer Eltern und wurde 1913 in Wien geboren. Im Oktober vergangenen Jahres wäre er 100 Jahre alt geworden, doch er starb am 12. Dezember 2001 nach kurzer Krankheit in Prag. Bicans Leben war mit einer ganzen Reihe Schicksalsschlägen agefüllt, sagt ein einstiger Freund. Vladimír Zápotocký ist ehemaliger Stadionsprecher und Funktionär von Slavia Prag, ist heute in dem Verein aber noch als Chronist tätig:

„Schon Pepis Kindheit hatte sehr unglückliche Momente: Als er acht Jahre alt war, starb sein Vater. Sein älterer Bruder, der in der Familie fortan den Vater ersetzte, nahm sich später das Leben. Pepi hatte keinen guten Stiefvater, so dass er quasi nach Böhmen zu seinen Großeltern geflohen ist. Und in Böhmen, worüber nur wenig geschrieben wird, starb sehr früh auch seine erste Frau.“

Der deutsche Literaturwissenschaftler und Historiker Stefan Zwicker stellt in seinem Aufsatz „Josef ´Pepi´ Bican – Ein Torjäger und die Abseitsfallen der Geschichte“ den Tod von Josefs Bruder indes ein wenig differenzierter dar. In der entsprechenden Passage dazu heißt es:

Josef Bican (links). Foto: Archiv Slavia Prag
„Sein älterer Bruder Franz (František), ebenfalls ein talentierter Fußballer, der bei einem Firmenteam spielte, starb 1928 siebzehnjährig durch Stichverletzungen. Angeblich soll er sich diese beim Spiel mit einem Messer selbst zugefügt haben. Zumindest seine Mutter wollte dies jedoch nie glauben.“

Dazu sei noch erwähnt, dass der Wiener Arbeiterbezirk Favoriten, in dem die Bicans aufwuchsen, kein ungefährliches Pflaster war. Für Vladimír Zápotocký wiederum steht fest, dass Pepi diese Schicksalsschläge stark geprägt haben:

Hugo Meisl
„Deshalb hat sich Pepi auch nicht geprügelt, selbst dann nicht, wenn man ihn böse beleidigt hat. Er ertrug sein Schicksal nur schwer, doch gerade deswegen war er ein 150-prozentiger Profi auf dem Platz. Der Fußball war sein Ein und Alles, er war sein Leben.“

Bicans sportliches Leben war dann auch angefüllt mit Toren, Rekorden und Meistertiteln. In seiner Geburtstadt Wien wechselte er 1931, mit 17 Jahren, zu Rapid, einen der berühmtesten Klubs in Österreich. Gleich im ersten Ligaspiel gegen den ewigen Rivalen von Rapid, den FK Austria, erzielte Bican nicht weniger als vier Tore zum 5:3-Sieg der Grün-Weißen. 1933 wurde er für Rapid zum ersten Mal Torschützenkönig. Seine Klasse blieb Österreichs Teamchef Hugo Meisl nicht verborgen, so dass Bican in 19 Spielen für das Nationalteam insgesamt 14 Tore markierte. Mit dem so genannten Wunderteam fuhr Bican 1934 auch zur WM, dort scheiterte Österreich jedoch im Halbfinale an Gastgeber Italien. Bican bestritt alle vier Begegnungen seiner Mannschaft, es sollte jedoch seine einzige Weltmeisterschaft bleiben.

Josef Bican (Foto: Archiv Slavia Prag)
Wegen des Zweiten Weltkriegs fielen die Weltmeisterschaften 1942 und 1946 aus – es war die Zeit, in der Bican im Zenit seines Könnens stand. Vielleicht hätte er wenigstens 1938 bei der WM in Frankreich für die Tschechoslowakei spielen können. Das wurde möglich, weil es Bican ein Jahr zuvor in die Heimat der Eltern gezogen hatte, wo er seitdem für Slavia Prag spielte. Doch das Vorhaben der WM-Teilnahme schlug fehl, schildert Zápotocký:

„Es ist schade, dass sich seine Einbürgerung infolge der tschechoslowakischen Bürokratie so lange hingezogen hat. Man muss sich jedoch bewusst werden, dass Pepi die Staatsbürgerschaft 1938 beantragte, also im Jahr des Münchner Abkommens. Der Staat hatte wegen des drohenden Konflikts mit Deutschland die Mobilmachung veranlasst. Die tschechoslowakischen Behörden sind Bican nicht entgegengekommen, sie hatten da gerade andere Sorgen.“

Stefan Zwicker (Foto: Archiv der Mährischen Landesbibliothek)
Im Aufsatz von Buchautor Zwicker liest sich dieser Knackpunkt allerdings ein wenig anders:

„Die Schlamperei eines Beamten soll jedoch die Verleihung der Staatsbürgerschaft hinausgezögert haben, so dass die ČSR ohne Bican nach Frankreich reisen musste.“

Anders als heute sei ein Wechsel des Verbandes damals auch dann noch möglich gewesen, wenn man für ein Land bereits Pflichtspiele und Turniere in der A-Mannschaft absolviert hatte, erläutert Zwicker. Wesentlich schwieriger war da Bicans Wechsel von Rapid Wien zu Slavia Prag. Schon 1933 waren Vertreter von Slavia an Bican herangetreten, um ihn zu einem Wechsel zu bewegen. Rapid weigerte sich aber ihn freizugeben. Da internationale Wechsel zu jener Zeit relativ kompliziert waren, spielte Bican ab 1935 beim Lokalrivalen Admira Wien, so Zwicker. Bei Admira kickte Bican nicht ohne Grund, ergänzt Zápotocký:

Vladimír Zápotocký (Foto: YouTube)
„Hinter dem Rücken von Rapid Wien hatte sich Slavia mit Admira geeinigt. Die Prager beglichen die Schulden für den ziemlich mittellosen österreichischen Verein, um im Gegenzug Bican nach zwei Jahren verpflichten zu können. Zuvor musste dieser aber eine Sperre absitzen.“

Es war eine achtmonatige Sperre aufgrund der fehlenden Einwilligung von Rapid. In Prag angekommen wurde Pepi aber schnell zum Idol. In seinem zweiten Ligaspiel gegen den SK Náchod schoss er sein erstes Tor für Slavia und wurde in der Saison 1937/38 auch gleich Torschützenkönig. Diesen Titel sollte er in der tschechoslowakischen beziehungsweise später der „Protektorats“-Liga zehnmal erringen. Mit dem Prager Traditionsverein gewann er zudem fünf Meistertitel. Bis 1953 erzielte er 447 Treffer für die Prager. Bis zum Ende seiner Laufbahn schoss er in Erst- und Zweitligabegegnungen insgesamt 643 Tore – eine Leistung, für die er 1997 in München von der Internationalen Organisation der Fußballhistoriker die Trophäe für den weltbesten Torjäger des 20. Jahrhunderts überreicht bekam. Im Laufe seiner Karriere soll Bican sogar über 5000 Tore erzielt haben – eine Zahl, die utopisch klingt. Dazu hat Zwicker zumindest eine Erklärung gefunden. Sie geht auf eine Aussage von Franz „Bimbo“ Binder in den 1970er Jahren zurück. Binder war ein ehemaliger Mitspieler Bicans aus Wiener Zeiten. In seinem Aufsatz über Bican schreibt Zwicker dazu:

Franz Binder
„Im bundesdeutschen Fernsehen wurde Franz Binder, damals Trainer beim 1. FC Nürnberg, der ebenfalls in seiner Karriere über tausend Tore geschossen hatte, gefragt, ob er einen ähnlich erfolgreichen Schützen kenne. Er antwortete, sein ehemaliger Mannschaftskamerad Bican habe 4000 bis 5000 Treffer erzielt. So entstand eine Zahl, die, obwohl häufig unkritisch übernommen, wohl doch etwas übertrieben sein dürfte. Auch wenn es keine 5000 Tore waren, sind Bicans Leistungen dadurch nicht weniger eindrucksvoll.“

Alexej Čepička
Das findet auch Vladimír Zápotocký, der Bican Ende der 1970er Jahre bei Slavia Prag kennen und schätzen gelernt hat. Deshalb weiß er auch zu berichten:

„Bican war ein außerordentliches Naturtalent. Noch mit 65 Jahren spielte er für die Alten Herren von Slavia und konnte dabei mit Spielern mithalten, die bis zu 25 Jahre jünger waren als er.“

Zápotockýs erster Begegnung mit Bican war eine Episode aus dem Jahr 1976 vorausgegangen, die im Grunde genommen eine etwas freimütigere Sichtweise der regierenden Kommunisten auf Bican eingeleitet hatte. Bis dahin war der einstige Top-Torjäger nämlich von ihnen nicht nur totgeschwiegen, sondern auch gedemütigt und schikaniert worden. Vor allem dem kommunistischen Verteidigungsminister Alexej Čepička war Bican ein Dorn im Auge gewesen. Mitte der 50er Jahre hatte Čepička das Idol mit den Worten verunglimpft, sein Name sei ein Ausdruck des „bourgeoisen Sports, der vom reaktionärsten Teil der Zuschauer“ geschätzt werde. Ein solcher Sportler sei „als Vorbild und Erzieher der heutigen jungen Spieler vollkommen ungeeignet und schade dem gesamten Sport“. Zwei Jahrzehnte später aber geschah dies, so Zápotocký:

„Nachdem 1976 die Tschechoslowakei im EM-Finale von Belgrad die Bundesrepublik Deutschland besiegt hatte, lud Präsident Husák die Europameister und weitere ehemalige verdiente Fußballer zu einem Empfang auf die Prager Burg. Dort erschien auch Premier Štrougal und sagte in Richtung Husák: ‚Sie haben jegliche Spieler eingeladen, aber den berühmtesten von allen, Josef Bican, haben Sie vergessen.’“

Der langjährige Regierungschef Lubomír Štrougal war einer der mächtigsten Landespolitiker jener Zeit, und in seiner Kindheit hatte er Bican bewundert. Štrougals Meinung und andere gemäßigte Sichtweisen von Kommunisten auf Pepi Bican bewirkten, dass dem großartigen Kicker und späteren Trainer allmählich auch Ehrungen zuteil wurden, die ihm schon längst zustanden. Zur 85-Jahrfeier von Slavia Prag war auch Zápotocký daran beteiligt:

Josef Bican (links). Foto: Archiv Slavia Prag
„1978 hat mein Großvater das erste Porträt von Bican herausgegeben, auch wenn dieses tendenziös noch von den Kommunisten zensiert wurde. Und weil ich zu dieser Zeit Stadionsprecher bei Slavia war, habe ich dazu einen Kommentar verfasst, den ich für einen feierlichen Augenblick vorbereitet hatte. Und zwar für den Moment, als die historische Topelf von Slavia vom Stadiontunnel auf den Rasen lief und ich jeden Einzelnen von ihnen vorgestellt habe.“

Seit jenem Tag habe er sich mit Pepi Bican angefreundet und ihn als einen wunderbaren Menschen kennengelernt, so Zápotocký. Einen Menschen, der aufrecht durchs Leben ging und sich von niemandem verbiegen ließ. Daher habe sich Bican auch in der Gesellschaft von anderen abgehoben:

„Bei ihm konnte man deutlich die Wiener Schule erkennen. Er hatte Charme, er stand auf intelligenten Humor, er hat sich gern amüsiert.“

Und so werde er Josef „Pepi“ Bican auch stets in Erinnerung behalten, sagt Zápotocký.


Dieser Beitrag wurde am 16. Oktober 2013 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.

Autor: Lothar Martin
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