Treffen mit Tomas Dvorak

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Von Lothar Martin

Die Medaillenchancen der Tschechischen Republik bei der Olympiade in Sydney kann man an den Fingern beider Hände abzählen. Auf der vermutlich heißesten Spur nach Edelmetall landen wir im Prager Stadtteil Dejvice, wo sich das Stadion des ehemaligen tschechischen Spitzenklubs Dukla Prag befindet. Hier haben wir ein "date" mit einem der weltbesten Leichtathleten der Gegenwart. Doch welch ein Anblick! Dort, wo wir Toma Dvorak, den Doppel-Weltmeister und Weltrekordler im Zehnkampf treffen werden, empfangen uns verrostete Zäune, löchrige Tribünenplätze und mit Unkraut überzogene Gehwege. Die einstige Traditionsstätte ist nach dem Umzug der Fußballer nach Pribram ziemlich herunter gekommen. Für die Leichtathleten aber, wie uns Tomas Dvorak später bestätigt, ist sie eine Oase der Ruhe. Und, auf einer Anhöhe weitab von der versmogten Innenstadt gelegen, beherbergt sie auch alle modernen Einrichtungen, die Dvorak & Co. zum effektiven Training und gezielten Formaufbau benötigen.

Vor dem wichtigsten Wettkampf seiner Sportlerkarriere ist jedoch alles anders. Trainer Zdenek Vana hat sich mit seinen beiden Zehnkampfassen Tomas Dvorak und Roman Sebrle ins ungarische Tata zurück gezogen, um mit ihnen der Großstadthektik der Moldaumetropole vollends zu entgehen. Und Schwiegersohn Tomas, verheiratet mit dessen Tochter Gabriela und Vater der Zwillingstöchter Barbora und Katerina, lässt bei der abschließenden Olympiavorbereitung insbesondere die Verletzungsgefahr nicht außer acht. Ein leicht überdehntes Knie hatte ihn bei seinem letzten Zehnkampf Ende Juli mit "angezogener Handbremse" operieren lassen. Trotzdem blieb er auch da, in seinem sechsten großen Freiluft-Zehnkampf seit Saisonbeginn 1999 ungeschlagen, womit er seine Favoritenrolle für Sydney erneut untermauerte.

Der Wettkampf in der australischen Metropole soll für den 28-jährigen Athleten von Dukla Prag jedoch nicht nur den Olympiasieg und damit die Krönung seiner bisherigen Laufbahn bringen, sondern - wenn möglich - mit einem Sahnehäubchen obendrauf abgeschlossen werden. Mit einer Siegerleistung jenseits der 9000-Punkte-Grenze nämlich würde Dvorak Geschichte schreiben. Ganze sechs Pünktchen fehlen dem aktuellen Weltrekordinhaber derzeit noch, um als erster Athlet diese magische Grenze zu überwinden...

Heute ist der in Zlin gebürtige Blondschopf schon ein wenig verschnupft darüber, dass ihm dieses Kunststück nicht schon bei seinem Weltrekord am 3./4. Juli 1999 in Prag gelungen ist. Ein verbummeltes 1500-m-Rennen ließ ihn vorerst bei 8994 Punkten ankommen. Die Addition seiner Bestleistungen brächte ihn auf 9114 Punkte, doch "die Besonderheit unserer Disziplin besteht darin, diese Leistungen in einen einzigen Wettkampf zu stopfen," äußerte Dvorak.

Der "Gefahr", dass die 9000-Punkte-Traumgrenze von einem anderen Zehnkämpfer geknackt werden könnte, ist sich der Prager Modellathlet durchaus bewusst.

"Es würde mich schon ärgern, wenn ein anderer diese Punktzahl zuerst erreichen würde, denn ich bin ständig am nächsten dran."

Doch gerade deshalb hält die Konkurrenz diesen Fall für nicht wahrscheinlich und macht sich eher nur Platzierungshoffnungen.

"Gegen ihn könnte ich wöchentlich antreten. Zurzeit spielt er ohnehin in einer anderen Liga. Dahinter befinden sich aber sechs bis acht Athleten auf einem Niveau, die sich auch bei Olympia um die Medaillen streiten werden,"

ließ zum Beispiel Frank Busemann verlauten. Der deutsche Silbermedaillengewinner von Atlanta war 1996 noch einen Rang vor dem heutigen Weltrekordler gelandet.

Seit Tomas Dvorak sein von Verletzungspech geprägtes Jahr 1998, als ihn Knöchel- und Ellbogenbeschwerden plagten, hinter sich gelassen hat, ist der drahtige Sportoffizier der Tschechischen Armee nicht mehr zu stoppen. Ein Fakt, den Ex-Weltrekordmann Dan O´Brien aus den USA nicht wahrhaben wollte. Kurz nach der Rekordleistung des Pragers im Vorjahr hatte er getönt, dass dem Weltrekord der Glanz fehle, da er nicht im direkten Wettkampf mit den Besten zustande gekommen sei. Auf ein Duell mit dem Amerikaner wartet Dvorak jedoch seither vergebens, da sich O´Brien - wenn auch zum Teil verletzungsbedingt - weder für die WM in Sevilla noch für die Olympiade in Sydney qualifizieren konnte.

Ein Grund mehr für Tomas Dvorak, es allen in Sydney zu zeigen. Und einer würde sich besonders freuen, wenn Dvorak siegreich bleibt: der Zehnkampf-Olympiasieger von 1992, Robert Zmelik. Aufgrund dauerhafter Verletzungen musste der heute 31-jährige in seiner Laufbahn kürzer treten und Landsmann Dvorak quasi an sich vorbeiziehen lassen.

"Ich beneide ihn ein wenig, dass er sich so nahe an der 9000-er-Punktegrenze bewegt, an die ich seinerzeit auch gedacht habe,"

gab der Hallen-Weltmeister von 1997 zu, dessen Bestleistung bei 8627 Punkten liegt. Doch anerkennend gibt er auch zu verstehen:

"Tomas durchlebt momentan eine wunderbare sportliche Zeit. Er hält sich schon fünf bis sechs Jahre in der Weltspitze auf. Das ist eine Leistung, die vorher noch keiner zuwege gebracht hat."

Nicht zuletzt will Dvorak sein Potenzial nun auch mit dem Olympiasieg in Sydney krönen und die Nachfolge von Robert Zmelik antreten.