Tscheche Čermák ist schnellster Skifahrer auf Langlaufbrettern

Radek Čermák (Foto: Tschechisches Fernsehen)

In vielen Gegenden Europas ist der Winter bereits jetzt vorbei. Dennoch gibt es besonders in Europa einige Besessene, die gerade Ende März / Anfang April auf Skiern die Hänge der südlichen Alpen hinunterbrettern. Zu ihnen gehört der Tscheche Radek Čermák.

Radek Čermák (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Er heißt Radek Čermák, kommt aus Harrachov / Harrachsdorf im westlichen Riesengebirge, und er ist ein leidenschaftlicher Skifahrer. Dabei mag er es eher schnell, denn seine Passion ist das Geschwindigkeitsskifahren. Seit zwei Jahren ist er der schnellste Tscheche auf Ski: Auf der Piste der französischen Alpengemeinde Vars schraubte er den Landesrekord auf 243,5 Stundenkilometer. Doch davon wurde kaum Notiz genommen. Čermák hat sich deshalb etwas Besonderes einfallen lassen: Im Zwergstaat Andorra donnerte er im Winter 2016 auf Langlaufbrettern eine steile Piste hinunter. Im Tschechischen Fernsehen sagte er dazu vor wenigen Tagen:

Radek Čermák (Foto: Archiv von Radek Čermák)
„Das Projekt lag zwei Jahre lang auf Eis, ich habe nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Mit diesem Abstecher auf die Langlaufski wollte ich unseren Sport mehr in die Öffentlichkeit rücken und so auch ins Gespräch bringen.“

Bei seiner Schussfahrt in Andorra wurde der Höchstwert von 156,2 Kilometern pro Stunde gemessen – das ist Weltrekord für eine Abfahrt auf Langlauflatten. Das sei jedoch nicht verwunderlich, wie Čermák zugibt:

„Ich bin der Allererste, der auf diesen Zug aufgesprungen ist. Ich wollte eine hohe Geschwindigkeit erreichen auf Material, das dafür eigentlich überhaupt nicht bestimmt ist. Und da bin ich bisher auch der Einzige.“

Weil Radek Čermák aber diese Erfahrung gemacht hat, kann er auch den Unterschied gut erklären:

Foto: YouTube
„Das ist etwas völlig anderes. Ich benutze für die rasende Talfahrt auf Langlauflatten ansonsten zwar dieselbe Ausrüstung wie mit den Abfahrtsski, doch die äußeren Bedingungen machen sich stärker bemerkbar. Mit den schmalen Brettern sind Seitenwind oder Bodenwellen weit schwerer zu meistern. Und die Skischuhe sind an den Fersen nicht fest verankert wie beim Abfahrtsski. Ich wollte jedoch wissen, ob es geht – und es ist gut ausgegangen.“

Doch wie kommt man überhaupt auf die verrückte Idee, nicht nur schwungvoll auf Ski unterwegs zu sein, sondern vor allem extrem schnell? Radek Čermák:

„Von Kindesbeinen an bin ich wettkampfmäßig Ski gefahren. Ich habe mich im Skicross ausprobiert und mit dem Skeleton kokettiert. Also all die schnellen Sachen, denn so etwas muss man machen, wenn man aus Harrachov kommt. Und dann habe ich erfahren, dass der tschechische Geschwindigkeitsrekord in der Skiabfahrt schon 18 Jahre alt ist. Dem hat mein Ego nicht widerstanden.“

Radek Čermák: „Von Kindesbeinen an bin ich wettkampfmäßig Ski gefahren. Ich habe mich im Skicross ausprobiert und mit dem Skeleton kokettiert. Also all die schnellen Sachen, denn so etwas muss man machen, wenn man aus Harrachov kommt.“

Das war 2009, als Čermák den Sprung vom alpinen Pisten- und Skicross-Fahrer zum Hochgeschwindigkeitspiloten auf Ski vollzog. Vier Jahre später knackte er den bis dahin gültigen tschechischen Rekord: In Vars verbesserte er die alte Bestzeit von Petr Kakeš, aufgestellt bei den Olympischen Spielen 1992 in Albertville, um über sieben Stundenkilometer auf 230,7 km/h. Und mittlerweile ist Čermák bei 243,5 Stundenkilometern angelangt.

Sein Vorname Radek wurde mittlerweile zum Spitznamen „Rakete“ umgedeutet. Doch wie gelingt es ihm, auf auserwählten Pisten beständig so schnell zu sein?

„Ich trainiere zu Hause in Harrachov, im Sport Areal Klíny oder anderswo in den böhmischen Bergen. Ich bin stets schon sehr früh am Morgen auf der Piste, so ein, zwei Stunden bevor die ersten anderen Skifahrer dort hinkommen. Für mein Training brauche ich schließlich freie Bahn.“

Radek Čermák (Foto: Archiv von Radek Čermák)
Das aber allein reicht nicht aus, um mit der internationalen Elite im Weltcup Speed Ski oder bei einer Weltmeisterschaft im Geschwindigkeitsskifahren mithalten zu können. Zumal die Winter in den böhmischen Mittelgebirgen nicht so lang sind wie beispielsweise in den Alpen, dem Dach Europas. Deshalb trifft man „die Rakete“ im Sommer nicht selten auch auf einem anderen Gelände an:

„Für das Üben der optimalen Abfahrtshocke ist es ganz nützlich, wenn ich festgeschraubt auf dem Dach eines Autos mit Karacho über die Rollbahn eines Flugplatzes fahre. Damit kann ich am besten den Luftwiderstand simulieren. Und im Falle, dass ich bei Unebenheiten aus der Position komme, klopfe ich auf den hinteren Teil der Karosserie. Das ist mein ganz persönliches Training, doch es funktioniert sehr gut.“

Radek Čermák (Foto: Khalil Baalbaki, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Wer seine sommerlichen Trainingseinheiten auf Video via Facebook oder Youtube nachverfolgen kann, glaubt es kaum: Da steht ein Mensch in der Hocke auf dem Dach eines Van und lässt sich mit 200 Sachen über ein Rollfeld fahren. Und noch dazu in der vollen Ausrüstung für seinen Sport. Mit seinem windschnittigen Helm hält man Čermák dabei eher für einen Marsmenschen:

„Der Helm für das Geschwindigkeitsskifahren sieht aus wie ein breiter Kübel. Er ist so konzipiert, dass auch meine Schultern geschützt sind. Durch ihn kann ich aber fast gar nichts sehen. Ich schaue nur unter dem oberen Rand ein wenig an der Spitze vorbei, kann aber weder bis ins Ziel noch auf die Strecke sehen. Wenn ich stürzen sollte, was bisher noch nicht passiert ist, dann bricht der Helm in zwei Teile. Das obere muss abfallen, damit daran kein Schnee hängenbleibt, an dem ich ersticken könnte.“

Čermák: „Für das Üben der optimalen Abfahrtshocke ist es ganz nützlich, wenn ich festgeschraubt auf dem Dach eines Autos mit Karacho über die Rollbahn eines Flugplatzes fahre. Damit kann ich am besten den Luftwiderstand simulieren.“

Auch die Schuhe, die auf sie gestülpten sogenannten Spoiler und der Ski-Anzug aus Latex-Material sind so konzipiert, dass sie für möglichst wenig Luftwiderstand sorgen, um Höchstgeschwindigkeiten zuzulassen. Eine Sonderanfertigung sind zudem die Bretter, mit denen Čermák zu Tale rauscht:

„Die Ski sind fast zweieinhalb Meter lang und wiegen nahezu 20 Kilogramm. Sie haben einen Radius von 96 Metern und sind ausschließlich für diesen Sport bestimmt. Als Skifahrer müssen wir auch Stöcke haben, obwohl wir sie eigentlich nur zum Stehen brauchen. Sie sind sehr kurz, damit wir nur etwas in den Händen haben.“

Das Benutzen der Stöcke habe er ohnehin nicht viel trainiert, da er schon immer ein guter „Geradeausfahrer“ war. Das Schwingen in den Kurven einschließlich der Slalomdisziplinen im alpinen Skisport sei dagegen „nicht so sein Ding“, verrät Čermák. Im Geschwindigkeitsskifahren ist die Konkurrenz zudem überschaubar. Doch es gibt sie, und sie hat zudem ganz andere Möglichkeiten als der Einzelkämpfer aus Tschechien:

Foto: Tschechisches Fernsehen
„Im Geschwindigkeitsskifahren kommen meine größten Kontrahenten aus Frankreich, Schweden, der Schweiz und Österreich. Sie alle werden von großen Teams unterstützt, dagegen sind meine Crew und ich nur ein kleines Licht. Trotzdem treten wir an und schlagen uns tapfer.“

Čermáks Resultate bestätigen dies. Im Weltcup, bei den Masters-Wettbewerben oder bei Weltmeisterschaften hat er bisher noch nie das Podest bestiegen. Doch schon neun Mal hat er eine Top-Five-Platzierung erreicht. Und unter den Top 10 ist er mit großer Regelmäßigkeit zu finden. Wie bei der diesjährigen Weltmeisterschaft, bei der er Achter wurde unter 100 Skipiloten, die am Start waren. Doch Čermák wäre nicht „die Rakete“ aus Tschechien, wenn er sich nicht weitere, neue Ziele setzen würde:

Čermák: „In der Abfahrt mit den Langlaufski lässt sich der Rekord noch deutlich verbessern. Meiner Meinung nach sind 180 Stundenkilometer realistisch. Und bei der Fahrt mit den Abfahrtski sind natürlich 250 Stundenkilometer ein Traum von mir.“

„In der Abfahrt mit den Langlaufski lässt sich der Rekord noch deutlich verbessern. Meiner Meinung nach ist es realistisch, mit 180 Stundenkilometern den Hang herunter zu brettern. Und wenn wir uns richtig reinknien und mit unserer Firma noch weitere Spezialeffekte beim Material ergründen, dann sind wohl auch 200 Stundenkilometer möglich. Und bei der Fahrt mit den Abfahrtski sind natürlich 250 Stundenkilometer ein Traum von mir. Das ist eine Marke, die auch ich knacken möchte.“

Dies dürfte durchaus keine Utopie sein. Denn Čermáks Ehrgeiz scheinen keine Grenzen gesetzt. Schließlich lautet das Motto, das ihn antreibt, auch: „Nebrzděte!“, also „Bremst nicht!“

Autor: Lothar Martin
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