Schneekanonen im Oktober: Tschechische Skiareale und der Klimawandel

Am 10. Oktober wurde der erste Schnee der Saison auf dem Ještěd / Jeschken vermeldet. Allerdings war der nicht aus den Wolken gefallen. Die Betreiber des dortigen Skiareals hatten vielmehr die Schneekanonen angeschmissen – und das bei Außentemperaturen von 15 Grad Celsius. Weder der Kunstschnee noch die frühe Terminierung sind neu, und mit dem Klimawandel hat dies außer einigen Umweltorganisationen hierzulande noch kaum jemand in Verbindung gebracht. Nun sorgt aber die Energiekrise für zunehmende Kritik an der Beschneiung der Skipisten.

Das Geräusch ist in den tschechischen Gebirgen schon seit mehr als zwei Wochen zu hören. Die Schneekanonen sind im Einsatz, obwohl der Oktober anhaltend mild ist und die Menschen im Land eher einen verspäteten Altweibersommer genießen. Die Betreiber des Skiareals Ještěd schreiben auf Facebook stolz, dass sie mit ihrer technischen Ausstattung Kunstschnee ohne Rücksicht auf die Außentemperaturen produzieren können. Štěpán Sedláček, Redakteur für Wissenschaftsthemen, erläuterte dies in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„Diese Technik einer italienischen Firma ist ziemlich verbreitet. Sie kann ohne chemische Zusätze aus Wasser Kunstschnee herstellen, und das bei Außentemperaturen von bis zu 15 Grad Celsius. Auch im vergangenen Jahr wurde auf dem Ještěd schon im Oktober mit der Beschneiung begonnen. Die Skigebiete verlassen sich immer mehr darauf, weil es immer weniger natürlichen Schnee gibt.“

Seilbahn von Rokytnice nad Jizerou nach Lysá hora | Foto: YouTube

Dies gilt auch für das Riesengebirge. Wo nicht künstlich beschneit würde, dort würde auch nicht Ski gefahren – so drückte es der Chef des Wintersportgebietes Rokytnice nad Jizerou / Rochlitz an der Iser, Vít Pražák, gegenüber der Presseagentur ČTK aus. Und er kündigte zugleich eine Preiserhöhung für die beginnende Saison an. Denn die hohen Energiepreise schlagen sich nicht nur auf den Liftbetrieb oder die Beleuchtungsanlagen nieder. Auch die Schneekanonen benötigen Unmengen von Strom. Sedláček kann dies genauer beziffern:

„Der italienische Hersteller gibt an, dass eine Schneekanone bei einem ganztägigen Betrieb mehrere Megawattstunden pro Tag beansprucht. Das entspricht dem Verbrauch eines durchschnittlichen Privathaushaltes in Tschechien in einem ganzen Jahr. Dieser Aufwand dürfte sich auf die Besucherpreise in den Skigebieten niederschlagen.“

Illustrationsfoto: Markéta Vejvodová,  Tschechischer Rundfunk

In Rokytnice nad Jizerou habe man die Preise um etwa 15 Prozent erhöht, berichtet Vít Pražák. Ein Tagesticket kostet in dem größten Areal des Riesengebirges nun 950 Kronen (knapp 39 Euro). Im Skigebiet Ještěd wurde die Preisliste für die Wintersaison bisher noch nicht veröffentlicht. Die Teuerungen sind aber nicht allein der Anlass zu der immer lauter werdenden Kritik an der Beschneiungspraxis. In den sozialen Netzwerken muss sich Jakub Hanuš, Direktor des Skiareals Ještěd, vielmehr dem Vorwurf der Vergeudung von Energie und Wasser stellen. Gegenüber dem Tschechischen Rundfunk äußerte er sich so:

„Wir nutzen die unterschiedlichen Preisebenen für Strom, die sich während eines Tages sehr stark unterscheiden. Zum größten Teil setzen wir die Technik Snowfactory in der Nacht ein, wenn der Preis oft unter 100 Euro je Megawattstunde liegt. Zudem verbrauchen wir Strom, wenn die meisten Leute und Unternehmen ihn gerade nicht beanspruchen. Damit ist dies für uns völlig in Ordnung.“

Eine Million Liter Wasser auf einen Hektar Skipiste

Foto: Calyponte,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0

Es mag an der Bedeutung der Wintersportindustrie für die Gesamtwirtschaft Tschechiens liegen, dass die zunehmende künstliche Beschneiung von Pisten in der hiesigen Politik noch kein Thema ist. Und das gilt auch für die Debatten zum Klimawandel und zu der nötigen Umstellung auf eine nachhaltigere Ökonomie. Immerhin mischten sich die Grünen – die hierzulande allerdings ein Nischendasein fristen – in die Diskussion auf Facebook ein. Während die Leute weniger heizen sollen, werde auf der Piste in aller Ruhe Schnee hergestellt, obwohl dies im Moment nicht von größter Notwendigkeit sei, ließ Jaromír Baxa verlauten, Grünen-Vertreter im Stadtparlament von Liberec / Reichenberg.

Schon länger machen aber NGOs und Wissenschaftler auf die Problematik von Schneekanonen aufmerksam. In der Dokumentarfilmreihe „Nedej se“ (Gib nicht auf) des öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehens (ČT) konstatierte Jiří Flousek, Naturschützer im Nationalpark Riesengebirge, schon 2015:

„Für einen Hektar Skipiste wird etwa eine Million Liter Wasser verbraucht. Das ergibt eine Gesamtmenge von 500 Millionen Liter pro Jahr nur für den Kunstschnee auf den Pisten im Riesengebirge. Dies entspricht dem Jahresverbrauch einer Stadt in der Größe von Vrchlabí.“

Vrchlabí | Foto: RenKolac,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0 DEED

Vrchlabí / Hohenelbe hat rund 12.500 Einwohner. Und einen weiteren eindrucksvollen Vergleich liefert Rundfunkredakteur Sedláček mit Bezug auf Studien der Vereinten Nationen, nach denen die weltweite Sportindustrie jährlich eine ähnliche Emissionsmenge produziert wie ein mittelgroßer Nationalstaat. Damit werde erheblich zum Klimawandel beigetragen, so Sedláčk weiter, was aber bisher noch nicht tief genug in das Bewusstsein der Sporttreibenden vorgedrungen sei.

Schon die kommenden Generationen werden die Folgen in Tschechien aber selbst erleben. Denn hierzulande werden die klimatischen Voraussetzungen für den Wintersport immer schlechter. Mehrere tschechische Forschungsinstitute erarbeiten in einem Projekt namens Perun die möglichen Szenarien der Zukunft. Einer der Beteiligten ist der Hydrologe Michal Jeníček von der Prager Karlsuniversität:

„Der Temperaturanstieg hat eine Zunahme der Niederschläge im Winter zur Folge. Dabei wird es sich künftig aber eher um Regen als um Schnee handeln, und dies auch in dem Falle, dass sich die gesamte Niederschlagsmenge pro Jahr nicht ändert. Zum Ende dieses Jahrhunderts müssen wir in Tschechien mit einem Rückgang der Schneemenge um 60 bis 80 Prozent rechnen.“

Foto: Kristýna Maková,  Radio Prague International

Auf die Frage, ob Sparsamkeit und Klimaschutz schon ein Thema für die Betreiber von Wintersportgebieten oder auch für Sportverbände in Tschechien sei, antwortet Štěpán Sedláček:

„Viele von ihnen stehen damit erst am Anfang. Das Thema Nachhaltigkeit und die Bemühungen, sich an den Klimawandel anzupassen und ihn so wenig wie möglich zu fördern, nehmen zu. Derzeit entstehen verschiedene Aktionspläne. Es ist natürlich nicht leicht auseinanderzuhalten, was von den Ankündigungen nur leere Versprechen sind, also sogenanntes Green Washing. Die Frage ist, was dann in der Realität auch umgesetzt wird.“

Tschechisches Olympiakomitee hat Nachhaltigkeitsplan ausgearbeitet

Dabei spiele eine wichtige Rolle, dass im Winter oft mehr Energie für die Sportanlagen verbraucht werde als zu anderen Jahreszeiten, fügt Sedláček an und verweist etwa auf die Kühlleistung von Eisstadien. Das Mega-Ereignis Olympische Spiele biete aber auch schon Beispiele dafür, wie sehr Sportler von hohen Temperaturen im Sommer beeinträchtigt werden. Und ein weiteres wichtiges Thema sei gerade im internationalen Kontext der Verkehr, konkret die Beförderung von Leistungssportlern zu Wettkämpfen. Dies beginne inzwischen auch das Tschechische Olympiakomitee (ČOV) zu beschäftigen, berichtet der Journalist:

„Ich war gerade auf seiner Konferenz zum Thema Nachhaltigkeit. Dort hat das Komitee eine Strategie vorgestellt, die mehrere Jahre lang ausgearbeitet wurde. Inspirationen dafür lieferten Komitees in anderen Ländern, unter anderem in Finnland. Ich muss sagen, dass ich doch positiv überrascht war. Das Tschechische Olympiakomitee nimmt das Thema ernst und stellt die richtigen Fragen. Es will als führende Institution etwas tun und das eigene Know-how auch an andere Verbände und Organisationen weitergeben.“

Eva Adamčíková  (früher Samková) | Foto:  Tschechisches Fernsehen

Auf besagter Konferenz trat etwa die Snowboarderin Eva Adamčíková (früher Samková) mit einer Videobotschaft auf. Es sei wichtig, die Berge nicht nur zum Vergnügen zu nutzen, sondern sie auch zu schützen, hieß es darin. Und Bobfahrer Jan Šindelář, der gerade seine Profikarriere beendet hat, sagte im Interview für den Tschechischen Rundfunk:

„Ich sehe ein Problem darin, wie neue Sportanlagen gebaut werden. Die Frage ist, ob nachhaltigere Methoden zum Einsatz kommen. Und vor allem müssen die Örtlichkeiten für Bobbahnen besser ausgewählt werden.“

Rundfunkredakteur Sedláček stellt zusammenfassend fest, dass sich in Tschechien bei Sportlern, Funktionären und Betreibern von Wintersportgebieten in Sachen Klimaschutz etwas zu regen beginne. Es gebe positive Impulse. Trotzdem bleibe abzuwarten, wie schnell und ernsthaft Änderungen durchgesetzt würden, gibt sich Sedláček vorsichtig. Auf der Konferenz des ČOV habe es jedenfalls noch keine konkreten Vorschläge gegeben:

„Dort ging es vor allem um das Tschechische Olympiakomitee als eine Institution, die nun eine Road Map hat – also einen Plan, der nicht nur die ökologische Nachhaltigkeit betrifft, sondern auch die soziale. Dieser geht von den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN aus. Bei der Konferenz gab es auch Workshops mit Praxisbeispielen aus dem Ausland – etwa aus den Niederlanden und Dänemark, wo die Überlegungen schon sehr weit gediehen sind. Dort geht es vor allem um rationellere Beförderungsarten.“

Foto: Kateřina Kohoutová,  Tschechischer Rundfunk

Da Sport von so vielen Menschen betrieben und mit einer positiven Gefühlslage verbunden werde, könne er den Menschen womöglich auch vermitteln, dass sich jeder Einzelne am Klimaschutz beteiligen müsse, so Sedláčeks Hoffnung. In Tschechien sei da allerdings noch ein längerer Weg zu gehen:

„Hierzulande fehlt immer noch das Bewusstsein, dass der Mensch mit Sport und anderen Freizeitbeschäftigungen einfach unseren Planeten an seine Grenzen bringt. Wenn Sport von Hunderten Millionen Menschen betrieben wird und sie alle Anspruch auf eine bestimmte Ausstattung erheben, stellt dies einfach eine Belastung für die Umwelt dar. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, sich diese Fragen zu stellen – sowohl auf persönlicher, als auch auf gesellschaftlicher Ebene.“

Autoren: Daniela Honigmann , Matěj Skalický
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