Tschechen Holeček und Petreček wollen Südwestwand zum Gasherbrum I erklimmen

Gasherbrum I (Foto: OLderman, Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Der Juli ist ein Monat der Extreme. Immer dann, wenn es in Europa die größte Hitze gibt oder aber – auf den Sport bezogen – mit der Tour de France das härteste Etappen-Radrennen der Welt ausgetragen wird, dann herrscht auch im spektakulärsten Gebirge der Erde Hochbetrieb. Der Juli bietet nämlich gute bis sehr gute Chancen, einen der höchsten Gipfel unseres Planeten zu besteigen. Die Rede ist von den 14 Achttausendern im Himalaya, die allesamt seit einem Jahr auch ein Extrembergsteiger aus Tschechien, der 51-jährige Radek Jaroš, bezwungen hat. In diesen Tagen schicken sich nun zwei Tschechen an, als Erste auf der Welt den Gasherbrum I über die Südwestwand zu erklimmen. Es sind der 40-jährige Marek Holeček und sein fünf Jahre jüngerer Partner Tomáš Petreček.

Marek Holeček  (Foto: Petr Jandík,  CC BY 3.0)
Die Tschechische Republik hat rund zehn Millionen Einwohner und ist damit ein relativ kleines Volk. Doch hoch hinaus, auf die höchsten Gipfel unserer Erde, zieht es immer wieder einige sehr gute ausgebildete und durchtrainierte Extrembergsteiger des Landes. Neben Radek Jaroš wären stellvertretend „Altmeister“ Josef Rakoncaj oder der bereits erwähnte Marek Holeček zu nennen. Holeček hat dafür auch eine Erklärung:

„Ich denke, dass die Risikobereitschaft mehrerer Tschechen, auf hohe Berge zu klettern, aus den geologischen Gegebenheiten unseres Landes erwachsen ist. Unsere Berge sind zwar nicht sehr hoch, doch wir haben sie quasi direkt vor der Nase, und es gibt bei uns relativ viele tolle Felsgebiete. Diese zerklüfteten Gesteinsformationen bieten die Möglichkeit, das Klettern am steilen Fels von der Pike auf zu lernen. Das Felsklettern wird für die meisten zu einer Leidenschaft, so mancher will dann noch höher hinaus. Und dafür reicht es, über München in zirka fünf Stunden bis in die Alpen zu fahren.“

Holeček: „Schon als kleiner Junge war ich sehr aufgeweckt und wollte alles Mögliche ausprobieren“.

Dass er den Weg vom talentierten Felskletterer bis hin zum Extrembergsteiger vollzogen hat, dies habe er vor allem seinem Vater zu verdanken, so Holeček:

„Schon als kleiner Junge war ich sehr aufgeweckt und wollte alles Mögliche ausprobieren. Als Vierjähriger bin ich auf einen Baum geklettert, der Ast brach ab und ich bin auf dem Dach unseres Autos gelandet. Den Vorfall nahm mein Vater zum Anlass, meine Impulsivität in die richtigen Bahnen zu lenken. Damit ich weder mich selbst noch meine Umgebung gefährde.“

Südwestseite des Gasherbrum I  (Foto: OLderman,  Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Deshalb habe ihm sein Vater schon sehr früh das Klettern beigebracht, doch aus der anfänglichen „Lenkungsmaßnahme“ seines Papas sei mehr geworden: Anstatt durch sie in erster Linie sportlich aktiv zu sein und einen gewissen Respekt vor den Bergen zu erlangen, sei das Felsklettern für ihn zu einer echten Liebe geworden, versichert Holeček.

Eine solche Liebe hat Holeček mittlerweile auch für die höchsten Berge der Erde entwickelt. Aber einer 14 Achttausender hat es ihm ganz besonders angetan – der 8068 Meter hohe Gasherbrum I, auch Hidden Peak genannt.

„Dieser Berg ist für mich magisch und faszinierend. Zum einen wegen seiner besonderen Gestalt, und zum anderen wegen der Möglichkeit, ihn auf einer noch nicht begangenen Route zu besteigen. Das ist der Weg über die steile Südwestwand. Diese Route zu meistern, das würde ich, für uns betrachtet, mit einem Marsch zum Südpol vergleichen. Denn vor uns liegen Fragen über Fragen, doch die Antworten wollen wir vor Ort finden.“

Tomáš Petreček  (Foto: Offizielle Facebook-Seite von Tomáš Petreček)
Das Team besteht aus Holeček und seinem neuen Partner Tomáš Petreček. Beide haben den Gasherbrum I bereits bestiegen – Holeček im Jahr 2009 und Petreček im Jahr 2013, doch eben nicht über die gefürchtete Südwestwand. Das hatte Holeček vor sechs Jahren zwar mit seinem damaligen Partner Zdeněk Hrubý versucht. Die Mission scheiterte jedoch, weil Hrubý gesundheitliche Beschwerden hatte. Vier Jahre später endete der zweite Versuch sogar tragisch: Beide mussten sich unverrichteter Dinge wieder abseilen, dabei stürzte Hrubý ab.

„Wir sind damals unter Druck stehend quasi aus dieser Wand geflüchtet, doch beim Abseilen ins Tal hinunter ist ein folgenschwerer Fehler passiert. In einem Moment, in dem der Karabinerhaken schließen sollte, blieb er geöffnet, weil Zdeněk ihn leider schlecht verriegelt hatte. Das war ein winziger Fehler, der ihm leider das Leben gekostet hat.“

Zdeněk Hrubý  (Foto: ČT24)
Der Tod seines Kameraden hat Holeček einerseits tief getroffen, andererseits aber bis heute nicht davon abgehalten, weiter an extremen Felswänden emporzusteigen. Im Gegenteil, der 40-Jährige will das seiner Meinung nach ohnehin kurze Dasein dazu nutzen, um möglichst intensiv zu leben. Und dazu gehöre für ihn nun einmal auch das Extremklettern:

„Dass ich aufgrund dieses Unglücks nun um ein Vielfaches vorsichtiger werde, das ganz bestimmt nicht. Ich glaube nämlich, dass ich für mich gesehen vorsichtig genug an die Sache herangehe, nur wird das von der Öffentlichkeit vielleicht nicht so wahrgenommen.“

Marek Holeček mit seiner Tochter  (Foto: Offizielle Facebook-Seite von Marek Holeček)
Und wie aus heiterem Himmel bringt Holeček auch noch seine kleine Tochter ins Spiel bei dem Versuch zu erläutern, dass er das Risiko kenne und daher nicht mehr so am Leben hänge:

„Wenn ich das einmal ganz pragmatisch betrachte, dann sage ich: Ich lebe eigentlich schon weiter in der Kindheit meiner Tochter, von daher bin im Grunde genommen fast unsterblich.“

Wieder etwas ernsthafter gestimmt, gibt Holeček aber zu, dass ihn in weiter Ferne neben dem Höhenrausch auch eine andere Sache ziemlich häufig beschäftigen werde: die Sehnsucht nach Frau und Kind. Daher will er seinen dritten Versuch, den Gasherbrum I über die Südwestwand zu besteigen, auch mit aller Ernsthaftigkeit wahrnehmen. Die Schwierigkeit des Aufstiegs beschreibt der Alpinist wie folgt:

Holeček: „Die durchschnittliche Steigung, die wir dabei an der Wand überwinden müssen, liegt bei 70 Prozent“.

„Der weitaus größte Teil des Aufstiegs ist das Klettern im Fels. Ich würde sagen, dass wir zu 95 Prozent klettern. Die durchschnittliche Steigung, die wir dabei an der Wand überwinden müssen, liegt bei 70 Prozent. Sie können sich also sicher vorstellen, was dies bedeutet.“

Um diesen rund zwei Kilometer in die Höhe ragenden Felsen zu erklimmen, muss die vorher ausgeklügelte Logistik stimmen. Das heißt, die Tage, die Holeček und Petreček für ihren extremen Aufstieg bei hoffentlich gutem Wetter zur Verfügung stehen, müssen möglichst effektiv genutzt werden:

„An den Stellen, wo wir uns ausruhen wollen, kann man im Voraus nicht genau sagen, wie lange wir dort bleiben können. An diesen Orten müssen wir stets neu überdenken, wie viel Zeit uns dann für den nächsten Tagesabschnitt zur Verfügung steht. Mal kann die Erholung auch ein paar Stunden sein, doch meistens bleibt einem kaum so viel Zeit.“

Tomáš Petreček  (Foto: ČT24)
Um diese absolut schwierige Prüfung zu meistern, hat sich Marek Holeček mit Tomáš Petreček einen der derzeit besten Extremsportler in Tschechien als Partner ausgesucht. Und der 35-jährige Feuerwehrmann aus dem schlesischen Opava / Troppau, der merklich wortkarger ist, hofft ebenso auf eine erfolgreiche Durchführung des kühnen Vorhabens:

„Ich war mit Marek erstmals vor zwei Jahren auf einer gemeinsamen Expedition. Seit dieser Zeit treffen wir uns öfter und gehen gelegentlich auch gemeinsam im Fels klettern. Man kann sagen: Bei der Expedition vor zwei Jahren haben wir uns gesucht und gefunden. Doch jetzt stehen wir vor einer weitaus schwierigeren Aufgabe, und es muss sich zeigen, ob wir uns so gut ergänzen, wie es das Vorhaben erfordert.“

Gasherbrum I  (Foto: Olaf Rieck,  Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Zu ihrer kühnen Expedition, dem Aufstieg zum Gasherbrum I über die Südwestwand, sind die beiden Tschechen am vergangenen Mittwoch von Prag aus aufgebrochen. Die Zeit, die sie sich dafür gegeben haben, reicht bis zum 31. August. In Tschechien aber ist man bereits gespannt, das erste Mal etwas von ihnen direkt vor Ort zu hören. Alle Freunde und Bekannten wie auch die interessierte Öffentlichkeit in der Heimat drücken für das Gelingen ihrer Expedition fest die Daumen.

Autor: Lothar Martin
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