Tschechen studieren gerne im Ausland

Foto: Autorin

Immer mehr tschechische Hochschulstudenten reisen ins Ausland, um dort im Rahmen eines internationalen Programms zu studieren - ein oder zwei Semester oder aber mehrere Jahre. Jitka Mladkova ist vor kurzem auf eine Gruppe junger Tschechen und Tschechinnen im weit entfernten Nordnorwegen gestoßen. Eine Studentin stellt sie Ihnen in der nun folgenden Sendereihe Heute am Mikrophon vor:

Foto: Autorin
Mit dem Wendejahr 1989 ist der Eiserne Vorhang gefallen. Für viele Tschechen war es der Startschuss dafür, um auf Reisen zu gehen. Neue Reisebüros schossen wie Pilze aus dem Boden, um die reiselustigen Massen an verschiedene bis dahin unzugängliche touristische Ziele zu befördern. Man reiste in alten Bussen zu relativ billigen Preisen und mit entsprechendem Komfort.

Erst ein paar Jahre später, Schritt für Schritt, wurde eine andere Art von Auslandsaufenthalten organisiert - nämlich Studienreisen für Hochschulstudenten. Die Möglichkeiten, die sich nun erschlossen, wurden aber anfangs keineswegs spontan genutzt. Als das größte Hindernis erwies sich der Mangel an guten Sprachkenntnissen, der viele davon abhielt, ein Studium im Ausland aufzunehmen. Obendrein fehlte es vielen allgemein am Mut, für längere Zeit ins Ausland zu gehen.

Nun, die Zeiten ändern sich und die Menschen mit ihnen. Das Interesse am Auslandsstudium ist von Jahr zu Jahr gestiegen, und dies Hand in Hand mit neuen Möglichkeiten. Mittlerweile nehmen immer mehr tschechische Stundenten sowie Hochschulabsolventen an den europäischen Projekten wie zum Beispiel Erasmus oder Leonardo teil. Vor kurzem habe ich bei meiner Norwegenvisite mehrere junge Tschechinnen und Tschechen in der etwa 300 Kilometer oberhalb des Polarkreises gelegenen Universitätsstadt Tromsö kennen gelernt. In den dortigen Breitengraden sind sie keine Neulinge. Schon mindestens drei Jahre und mehr sind sie dort sozusagen zu Hause und ihre Motivation, nach Tromsö zu kommen, war recht unterschiedlich.

Das Studium selbst war eigentlich nicht der Hauptmagnet, viel mehr die für alle faszinierende norwegische Natur. Und dann gab es natürlich noch sehr persönliche Motivationen. Zum Beispiel: Jan war nach seinem Abschluss in Tschechien zunächst zwei Jahre Fischer, jetzt studiert er in Tromsö Biologie an der Fakultät für Fischerei. Martina arbeitet bereits als "Consulting Ingenineer" an der Pharmazeutischen Fakultät. Karla hat in den ersten zwei Jahren in Norwegen auch nicht gleich zu studieren begonnen. Mehr über sie erfahren Sie jetzt im folgenden Gespräch. Übrigens, wir waren insgesamt drei am Mikrophon, denn Karla hatte ihr kleines Söhnchen Ben in den Armen:

V.l.n.r.: Martina, Karla und Jan (Foto: Autorin)
Nach Norwegen sind Sie bereits vor mehreren Jahren gekommen. Warum?

"Ich ging zunächst als Au Pair nach Norwegen und habe eineinhalb Jahre in einer norwegischen Familie gearbeitet. Danach habe ich angefangen, in Norwegen auch zu studieren."

Welche Erfahrungen haben Sie als Au Pair gemacht? Man hört ja sowohl Positives als auch Negatives über diese Arbeitstätigkeit.

"Ich persönlich habe nur Positives erlebt, habe aber auch viel Ungutes sagen gehört. Man kann also nicht sagen, dass norwegische Familien nur perfekt sind. In meinem Fall war es jedenfalls gut. Ich habe zwei Zwillingsmädchen betreut. Sie waren sechs Jahre alt, als ich zu der Familie kam. Die Kinder sowie ihre Eltern waren sehr nett. Wir sind viel gemeinsam ausgegangen, spazieren oder Blaubeeren sammeln gegangen usw."

Und dabei haben Sie auch Norwegisch gelernt?

"Genau."

Nach anderthalb Jahren haben Sie die Entscheidung gefasst, an der Uni zu studieren. Welche Studienfächer haben Sie gewählt und wie gefällt Ihnen das Studium?

"Ich studiere Englisch und Deutsch. Englisch gefällt mir sehr. Ich wollte gerne meinen Master in beiden Fächern machen, leider ging es nicht. Daher habe ich nur Englisch gewählt."

Ihre Deutsch-Lehrer und Lehrerinnen sind Muttersprachler oder sind es NorwegerInnen?

"Beides. Wir haben zwei deutsche Professoren und zwei Norweger."

Zu Hause in Tschechien wollten Sie nicht studieren?

"Ich habe es nie geschafft, an eine tschechische Hochschule zu kommen."

Foto: Autorin
Sie sind auch Mutter eines kleinen Kindes. Ist es finanziell schwer für Sie, in Norwegen zu studieren?

"Es wäre wahrscheinlich schwer für eine allein erziehende Mutter. Ich habe aber einen Freund, der arbeitet. Daher ist es nicht schwer."

Wie schwer oder leicht ist es, ein kleines Kind zu haben und parallel dazu zu studieren - zu lernen, Prüfungen zu machen und ähnliches?

"Ich glaube, vieles hängt von dem Kind selbst ab. Wir haben ganz bestimmt Glück, weil unser Kind sehr ruhig ist. Es läuft bisher reibungslos."

Wie lange werden Sie noch studieren und was beabsichtigen Sie nach Ihrem Abschluss zu machen? Bleiben Sie hier in Norwegen oder wollen Sie nach Tschechien zurückkehren?

"Das ist eine ein bisschen schwierige Frage. Am liebsten möchte ich wieder nach Tschechien zurück, weil ich mich dort wirklich zu Hause fühle. Ich habe allerdings mindestens noch drei Jahre vor mir hier in Norwegen, bis ich mein Masterstudium beendet haben werde. Und danach? Vielleicht werde ich noch weiter ins PHD-Studium einsteigen. In dem Fall würde es noch länger dauern."

Jetzt möchte ich Sie bitten, wenn Sie mir etwas ausführlicher sagen, warum Sie im Unterschied zu einigen ihren tschechischen Landsleuten, mit denen ich hier in Norwegen gesprochen habe, nach Tschechien zurückkehren wollen?

Foto: Autorin
"Also, ich habe Tschechien mit der Absicht verlassen, wieder zurückzukommen. Ich wollte mich ein bisschen in der Welt umsehen, ein bisschen gucken, wie das und jenes läuft, wie die Menschen woanders leben, und habe dabei nie daran gedacht, für immer weg zu bleiben. Simpel gesagt, ich fühle mich in Tschechien zu Hause, ich gehöre dorthin."

Was verbindet Sie mit Ihrem Heimatland?

"Alles. Meine Muttersprache, meine Interessen, und das Land selbst. Ich finde die Landschaft sehr schön, ebenso den langen Sommer, aber auch den Winter. Außerdem habe ich in Tschechien meine Familie und meine Freunde."

Was nehmen Sie aus Norwegen mit nach Hause, wenn Sie mal zurückgehen werden? Ich meine jetzt nicht im Reisegepäck, sondern im Kopf.

"Tja, hm (überlegt eine Weile), vielleicht die Erfahrung, wie es ist, in einem Land als Ausländer zu leben."

Und wie ist es, irgendwo ein Ausländer zu sein?

"Das ist an sich selbst einfach, aber dann, wenn man als Ausländer andere Ausländer treffen will, ist es schon schwieriger. So nehme ich es hier wahr. Anhand meiner bisherigen Erfahrungen habe ich mir vorgenommen, dass ich nach meiner Rückkehr nach Tschechien versuchen will, häufiger mit Ausländern zusammenzukommen. Hier habe ich mir nämlich des Öfteren gesagt, wie schwer es ist, mit Norwegern in Kontakt zu kommen."

Gilt es nicht auch für die Tschechen, dass sie eher unter sich verschlossen leben?

"Ja, schon! Es gilt mehr oder weniger für alle. Mein Freund und ich, wir haben so eine Theorie: In Tschechien fühlen sich die Tschechen zu Hause, sie haben ihren Freundeskreis und ihre Familie da, sie sprechen ihre Sprache und haben soweit kein Problem. Sie sind sich oft nicht dessen bewusst, dass irgendwo Menschen in ihrem eigenen Land anders leben. Wenn jemand nach Tschechien als Ausländer kommt, dann bleibt er als Ausländer und lebt anders als die Tschechen. Und es ist für ihn schwierig, in Tschechien mit Tschechen in Kontakt zu kommen. Dasselbe trifft auch für Norwegen zu."

Foto: Autorin
Gibt es etwas, was Sie in der norwegischen Mentalität vermissen und umgekehrt, was finden Sie an ihr sympathisch und woran es wiederum den Tschechen mangelt? Man spricht zum Beispiel vom spezifischen tschechischen Humor.

"Ja, das könnte ein Unterschied sein. Es ist teilweise auch schwierig, Witze zu verstehen, oder aber Sätze zu verstehen, die als Witz gemeint waren. In diesem Sinne ist es nicht immer leicht, wenn man ein Ausländer ist. Und was ich hier vermisse? Ich möchte viel mehr tschechisch sprechen. Ich finde, es ist ziemlich anstrengend, wenn man als Ausländer den ganzen Tag nur Fremdsprachen benutzt. Ich bin manchmal ganz müde davon und bleibe dann ganz still und sage nichts."

Sie haben mir erzählt, dass Sie ihren Sohn in die Kinderkrippe geben werden, wenn er ein Jahr alt wird. Dann fängt er wahrscheinlich an, Norwegisch zu sprechen. Sehen Sie es als einen Vorteil für ihn sein?

"Auf jeden Fall. Es besteht nur die Frage, ob er es später nicht vergessen wird. Wenn wir mal nach Tschechien zurückkehren, wird er vielleicht nicht alt genug sein, um sich die norwegische Sprache zu merken."

In Tschechien wird er höchstwahrscheinlich nicht viele Gelegenheiten haben, Norwegisch zu sprechen. Dann wird es auch an Ihnen liegen, ob seine Sprachkenntnisse nicht verloren gehen.