Tschechien unterstützt EU-Beitritt der Türkei – und Atompläne am Bosporus

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Tschechien hat auf den ersten Blick nicht so viele Berührungspunkte mit der Türkei wie Deutschland. Doch der Besuch des türkischen Premiers Erdogan am Montag in Prag war ein hochrangiges politisches Ereignis.

Recep Tayyip Erdogan und Petr Nečas (Foto: ČTK)
Etwa 1600 Türken leben in der Tschechischen Republik – in Deutschland sind es rund 1000 Mal mehr, nicht eingerechnet die türkischstämmigen Bundesbürger. Das macht es für Prag auch einfacher, in politischen Fragen forscher aufzutreten als der große Nachbar. Vor allem der scheidende tschechische Staatspräsident Václav Klaus ist der Ansicht, dass die Türkei möglichst schnell der EU beitreten sollte. Beim jetzigen Besuch von Recep Tayyip Erdogan in Prag äußerte sich Premier Petr Nečas zwar im selben Sinn, aber deutlich unbestimmter:

Geteiltes Zypern (Quelle: QuartierLatin1968, Wikimedia Creative Commons 3.0)
„Wir sind Nato-Verbündete, und die Türkei ist nicht nur für uns, sondern für die gesamte Europäische Union der Schlüsselpartner im östlichen Mittelmeer. Ich bin daher sehr froh, dass die Tschechische Republik schon seit längerem die Integrationsbemühungen der Türkei in die EU unterstützt. Wir verfechten weiter die Position, dass die Türkei nach Erfüllung aller Beitrittskriterien die Möglichkeit erhalten sollte, vollberechtigtes Mitglied der Union zu werden.“

Das Problem: Die Beitrittsverhandlungen stocken mittlerweile, sie waren 2005 aufgenommen worden. Ungelöste Fragen wie die des Rechtssystems, der Stellung der Kurden und des geteilten Zyperns haben eine gewisse Distanz geschaffen – zwischen Brüssel und Ankara. Diese Probleme klammerte Nečas bei der Pressekonferenz mit Erdogan aus, trotz Nachfrage von Journalisten.

Vielmehr schwärmte der tschechische Premier zusammen mit seinem türkischen Amtskollegen von den Möglichkeiten des gemeinsamen Handels:

„Ich möchte betonen, dass sich unser gemeinsamer Handel in den vergangenen zehn Jahren mehr als versiebenfacht hat. Dennoch haben Premier Erdogan und ich heute klar festgestellt, dass wir uns damit nicht zufriedengeben können und auch nicht sollten. Es besteht ein riesiges Potenzial für einen weiteren Ausbau.“

Kohlekraftwerk Afşin Elbistan B (Foto: ismail38_1903, Panoramio.com)
Umgerechnet zwei Milliarden Euro betrug zuletzt das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern. Mindestens das Doppelte sei aber möglich, glaubt Erdogan. Hintergrund ist auch der Boom der türkischen Wirtschaft, 8,5 Prozent Wachstum standen dort im Jahr 2011 zu Buche. Vor allem soll Tschechien bei der Modernisierung des Energiesektors helfen – angefangen bei Kohle-, über Gas- und Dampfturbinenkraftwerke, bis hin zur Gewinnung von Ökostrom. Aber auch die Hilfe beim Atomprogramm der Türkei ist angedacht. Dabei ist der Bau von Reaktoren umstritten, wegen der Erdbebengefahr im Land am Bosporus.

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Neben den wirtschaftlichen Kontakten wollen beide Seiten zudem den kulturellen Austausch intensivieren. Recep Tayyip Erdogan:

„Ein wichtiger Schritt ist der Plan zum Bau eines türkischen Kulturzentrums in Prag, der unsere beiden Völker und ihre Menschen näher miteinander verbinden wird. Uns würde sehr freuen, wenn die Tschechische Republik auch ein Kulturzentrum bauen würde, das kann nach eigenen Erwägungen in Istanbul oder in Ankara sein.“

Während am kulturellen Austausch noch gebastelt wird, besteht schon gleich am Mittwochabend die Möglichkeit der sportlichen Annäherung. Dann bestreiten die Fußballnationalteams beider Länder ein Testspiel. Bezeichnenderweise findet das Spiel in Mersin statt - nahe der westtürkischen Stadt wird der erste Atomreaktor des Landes gebaut.