Tschechiens Wissenschaftler erhoffen sich mehr Unterstützung vom Staat

Foto: Ceitec

Wenig Geld für die Forschung – das ist ein Problem, das viele Hochschulen und wissenschaftliche Institute in Tschechien haben. In diesem Jahr enden nämlich die europäischen Subventionsprogramme für die Wissenschaft. Die Gelder, die dafür ab 2016 aus Brüssel fließen werden, sind weitaus geringer als bisher. Der Staatshaushalt in Tschechien wird die entstehenden Lücken nicht zur Gänze ausgleichen. Die Wissenschaftler fühlen sich einmal mehr im Stich gelassen.

Foto: Ceitec
Lucy Vojtová ist Wissenschaftlerin am Brünner Forschungszentrum Ceitec. Mit ihrem Team setzt sie auf die Weiterentwicklung von polymeren Stoffen. Dies seien Materialien, die eine enorm breite praktische Anwendung erfahren – von der Industrie bis zur Medizin. Doch anstatt sich voll und ganz auf ihre Forschung im Labor zu konzentrieren, müsse sie den Großteil ihrer Arbeitszeit dem Aufspüren neuer Geldquellen widmen, verrät Vojtová im Tschechischen Fernsehen (ČT). Der Direktor des Zentrums Ceitec an der Masaryk-Universität in Brünn ist Professor Jaroslav Koča. Er unterstreicht, dass die Kontinuität der Finanzierung ein großes Problem sei:

„Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Fulltime-Job, es ist Mitte November, doch sie wissen nicht, ob sie im Januar noch jemand finanziert. Weder sie selbst noch die Arbeit des gesamten Teams. Das ist ein Zustand, der System hat in diesem Land. Das sollte aber systematisch geändert werden.“

Dazu gehöre nach Möglichkeit auch die Verlängerung des Finanzierungszeitraums, ergänzt Koča:

Jaroslav Koča (Foto: Ceitec)
„Der Zeitraum von drei Jahren durch eine sogenannte Grant-Finanzierung ist wirklich eine absolute Untergrenze. Das lässt sich verkraften, doch weitaus besser wäre eine fünfjährige Periode.“

Dank europäischer Projekte ist es in den zurückliegenden Jahren in Tschechien gelungen, für mehr als eine Milliarde Euro eine Top-Infrastruktur in der Wissenschaft aufzubauen. Dazu gehören auch erstklassige Forscher, die man sowohl aus dem Inland wie auch dem Ausland anheuert. Wahre Spitzenleute ins Land zu holen, wird angesichts des Finanzdrucks aber immer schwerer, gibt Koča zu bedenken:

„Wenn sich jemand dazu entscheidet, sein Umfeld zu verändern, um vielleicht für die nächsten ein paar Jahre in einem anderen Land in einem anderen Labor zu arbeiten, dann informiert er sich zunächst sehr gewissenhaft über das Angebot. Der Interessent will wissen, was ist das für ein Arbeitsplatz, welche Gepflogenheiten herrschen in dem Gastland. Wenn er sich dann informiert und feststellt, in der tschechischen Forschung herrscht Unsicherheit, dann wird er in der Regel nicht zu uns kommen.“

Anfang Oktober hat die Regierung in Prag über Wissenschaft und Forschung verhandelt. Dabei wurde festgestellt, dass aus öffentlichen Quellen vergangenes Jahr 35 Milliarden Kronen (ca. 1,3 Milliarden Euro) in diesen Bereich geflossen sind, davon 26 Milliarden Kronen (ca. 950.000 Euro) aus dem Staatshaushalt. Die übrigen Gelder kamen aus europäischen Fonds. Das System der Finanzierung sei jedoch kompliziert und unübersichtlich, heißt es in der der Analyse zum Stand von Forschung, Entwicklung und Innovation in Tschechien im Jahr 2014, die damals vorgelegt wurde. Neben dieser allgemeinen Einschätzung hat Professor Koča indes noch etwas Konkretes zu bemängeln:

Foto: Archiv Radio Prag
„Mir kommt es so vor, dass sich in der letzten Zeit in diesem Land niemand so richtig um den Bereich Forschung und Entwicklung gekümmert hat. Es hatte den Anschein, als wenn die nationale Zuständigkeit dafür von einer auf die andere Person abgewälzt wurde. Das ist sehr schlecht, denn die daraus herrührenden Spannungen sind sehr hoch.“

Die Wissenschaftler erhoffen sich also endlich einen klaren Ansprechpartner von staatlicher Seite. Ihrerseits haben sie schließlich auch einiges zu bieten. Dem Jahresbericht zufolge wurde nämlich als positiv eingestuft, dass Tschechien über wissenschaftliche Spitzenkräfte wie auch ein qualitativ gutes wissenschaftliches Umfeld verfüge. Zudem haben die Qualität der fachlichen Publikationen und die internationale Zusammenarbeit zugenommen.