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17) Bianca Bellová: „Am See“

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 "Jezero“ beziehungsweise „Am See“ ist der vierte Roman der Prager Schriftstellerin Bianca Bellová. Die eindringliche und packend erzählte Coming-of-Age-Geschichte wurde 2017 nicht nur mit dem Magnesia-Litera-Preis als „Buch des Jahres“ ausgezeichnet, sondern auch mit dem Literaturpreis der Europäischen Union. Mehr über den Roman erfahren Sie in einer neuen Folge der Sendereihe „Tschechische Bücher, die Sie lesen müssen“.

Bianca Bellová (Foto: Adam Kebrt, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Ein Fischerdorf, irgendwo in einem namenlosen Land. Der Junge Nami wächst hier nur mit seiner Großmutter auf, nachdem sein Großvater zusammen mit anderen Fischern in einer stürmischen Nacht im See ertrunken ist. Nami ist die zentrale Figur des Romans „Am See“ von Bianca Bellová:

Quelle: Verlag Kein & Aber

„Es ist die Geschichte eines heranwachsenden Jungen. Wir begegnen ihm im Alter von etwa drei Jahren und begleiten ihn, bis er erwachsen ist. Die Handlung spielt sich in der Umgebung eines Sees ab, der schrittweise austrocknet und toxisch wird. Dadurch verändern sich die Lebensbedingungen für die Anwohner grundsätzlich.“

Der Junge Nami und der See

Mit diesen Worten beschreibt die Autorin Bianca Bellová in Kürze die Handlung ihres Romans Jezero. Ins Deutsche übertragen wurde der Text von Mirko Kraetsch:

Bianca Bellová (links) und Mirko Kraetsch (Mitte). Foto: Archiv des Tschechischen Literaturzentrums

„Ich glaube, es gibt zwei Akteure in dem Buch. Zum einen ist es der kleine Junge Nami, der bei seiner Großmutter aufwächst. Und zwar in einem nicht näher benannten Land. Es liegt an einem großen See, und dieser See ist der zweite Akteur. Dieser See ist eine Person, die das Leben in dem Fischerdorf, in dem der Junge aufwächst, und in dem ganzen Umfeld des Sees stark beeinflusst. Denn dieser See zieht sich zurück, er wird immer kleiner, die Wasserqualität wird massiv schlechter. Wenn man darin badet, wird man krank. Die Fischerei ist zum Erliegen gekommen. Niemand weiß genau, was da passiert. Das sind die Umstände. Und in diesem sehr ungastlichen Ambiente wächst Nami auf.“

Foto: S. Hermann & F. Richter, Pixabay / CC0

In den vier Kapiteln „Ei“, „Larve“, „Puppe“ und „Imago“ entfaltet die Autorin die Geschichte. Nach dem Tod der Großmutter versucht Nami sich durchzuschlagen. Als er alles verliert, begibt er sich auf die Suche nach seiner Mutter, an die er nur noch vage Erinnerungen hat. Er macht sich auf den Weg in die Stadt und will ein eigenes Leben starten. Seine Reise ist voller Widrigkeiten und erinnert an eine bekannte Sage der Antike: die Odyssee. Am Ende seiner Irrfahrt kehrt Nami in seine Heimat am See zurück.

Quelle: Verlag Host

„Es ist auch eine Coming-of-Age-Geschichte, ein Entwicklungsroman fast im klassischen Sinne. Aber es geschieht in einem Umfeld – und das macht ihn zur Dystopie –, in dem alles eigentlich dagegenspricht, dass sich ein Kind frei entwickeln kann und unbeschwert spielen kann. Und das hat natürlich Auswirkungen in seinem späteren Leben.“

Düsterer Entwicklungsroman

Illustrationsfoto: Smerus, Wikimedia Commons, CC0

Die Autorin nennt keinen Ort und keine Zeit für die Geschichte. Dennoch erinnert die geschundene Landschaft an die untergegangene Sowjetunion. Auf dem Marktplatz steht die Statue eines Staatsmanns, in der Stadt sind russische Soldaten stationiert, und in der Bucht rostet eine russische Kriegsflotte vor sich hin. Mirko Kraetsch:

Illustrationsfoto: PublicDomainPictures, Pixabay / CC0

„Man kann da eine ehemalige Sowjetrepublik vermuten. Zumindest das Einzige, das konkret benannt wird, sind die Russen, die es dort gibt. Sie wohnen abseits dieses Dorfes in einer Plattenbausiedlung. Sie scheinen auch die besseren Jobs zu haben, und sie bilden definitiv die Oberschicht. Als Nami dann in die Stadt kommt, trifft er auf eine Art revolutionäre Zellen. Es gibt marodierende Banden, die in den anarchischen Zuständen das Leben kontrollieren. Es gibt Superreiche und es gibt sehr, sehr arme Menschen, die kaum etwas zu essen finden und auf der Straße leben. Das ist sehr krass geschildert.“

Sowjetarmee (Illustrationsfoto: Dennis Jarvis, Flickr, CC BY-SA 2.0)

Warum hat die Autorin aber die Russen so konkret benannt, wenn alle anderen Angaben fehlen? Darauf sagte gegenüber Radio Prag International:

„Aufrichtig muss ich sagen, dass es mir nicht gelungen ist, diese Identität irgendwie zu beseitigen. Ich bin ein Mensch, der in einem Land aufgewachsen ist, das von der Sowjetarmee besetzt war. Ich bin im Ostblock aufgewachsen, wo die Lage sehr ähnlich war, es gab hier die Anwesenheit einer fremden Macht. Die Identität war so unstrittig, dass ich mir keinen andern Rat wusste, als die Russen als solche zu bezeichnen, damit es nicht blöd wirkt.“

Für Bianca Bellová ist laut Kraetsch eine distanzierte Haltung typisch. Sie betrachte die dargestellten Dinge unter der Lupe und lasse die Leser daran teilhaben:

„Der Autorin liegt es absolut fern, irgendetwas zu bewerten.“

„Ihr liegt es absolut fern, irgendetwas zu bewerten. Sie schildert einfach nur, und das macht ihre Romane auch immer so besonders und so eindringlich. Sie legt es einfach einem vor und sagt: Schau dir das an, so etwas kann passieren.“

Quelle: Verlag Host

Das Wasser im See wird vom Seegeist beherrscht – zumindest glauben das die Einheimischen. Der Seegeist kann durchaus freigebig sein, aber auch grausam. Um ihn zu besänftigen, müssen Opfer erbracht werden – manchmal sogar menschliche.

Apokalypse in einem namenlosen Land

Aralsee (Foto: Antonov14, CC BY-SA 3.0)

Inspiration für ihr Bild des Sees fand Bianca Bellová im Schicksal des Aralsees in Zentralasien. Diese Wasserfläche ist um die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert fast von der Landkarte verschwunden:

„Ein belesener Leser findet darin diese Inspiration. Ich wollte aber keinen Dokumentarroman über den Aralsee schreiben. Es war ein Anstoß, ich habe aber die Konturen, die Zeit und die geographische Platzierung absichtlich verwischt, damit die Geschichte universaler wird.“

Die Autorin hat den Roman in den Jahren 2015 und 2016 geschrieben. Er sei Schlag auf Schlag entstanden, sagt Bellová:

Illustrationsfoto: Staecker, Wikimedia Commons, CC0

„Ich habe die eindringlichen Fotografien gesehen: Schiffe, die in der Wüste rosten und in deren Schatten Kamele liegen. Das wirkt sehr dystopisch und surreal. In dem Augenblick nahmen das Unterbewusstsein und die Kreativität ihre Arbeit auf. Unter meinen Händen begann sich die Geschichte eines Jungen zu entwickeln, der dort aufgewachsen ist.“

Sprachliche Ausdruckskraft

Bianca Bellová (Foto: Jan Trnka, Archiv von Bianca Bellová)

Sehr gelobt wird Bellovás Sprache. Einerseits schlicht und schnörkellos, andererseits sehr bildstark. Was hat das für den Übersetzer bedeutet?

„Sie hat einen sehr ausgeprägten Wortschatz, ist sehr bilderreich. Da muss man natürlich schauen, was man mit diesen Bildern im Deutschen macht, wie das funktioniert. Aber ich finde, es ist auch ein sehr dankbarer Text, weil er mir als Übersetzer ein schönes Material in die Hand gibt. Ich kann damit spielen, ich kann in diesem Text sozusagen wohnen, das muss ich ja auch. Ich muss in den Text wirklich eintauchen, um ihn als Autor der Übersetzung zu meinem Text zu machen.“

Quelle: Verlag Host

Das Buch heißt im Original Jezero, also „Der See“ – auf Deutsch jedoch „Am See“…

„Den Titel habe nicht ich gewählt, sondern im deutschsprachigen Raum bestimmt der Verlag den Titel. Das Problem ist, dass es wohl vor kurzem ein Buch mit diesem Namen ‚Der See‘ im deutschsprachigen Raum gab. Der Verlag Kein und Aber in Zürich hat sich schwergetan, er wollte und konnte diesen Titel einfach nicht nehmen, aus einerseits rechtlichen, aber sicher auch werbetechnischen Gründen. Wir haben lange überlegt, ob wir einen ganz anderen Titel nehmen. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Veröffentlichungen aus der tschechischen Literatur unter einem anderen Titel erscheinen. Im Endeffekt waren wir uns einig, dass wir ganz dicht am Original bleiben müssen, und haben dann dieses ‚Am See‘ genommen. Erstens klingt es gut, und es kommt auch der Sache sehr nahe: Der See ist zwar ein handelnder Protagonist, aber es spielt sich auch vieles eben am See beziehungsweise in seiner Nähe ab.“

Magnesia-Litera-Preis (Foto: ČT24)

Der Roman wurde 2017 mit dem Magnesia-Litera-Preis als „Buch des Jahres“ in Tschechien ausgezeichnet. Er erhielt aber auch den Literaturpreis der Europäischen Union

„Es ist wirklich ein starker und sehr eigenwilliger Text. Das Buch ist sehr besonders, weil man es schlecht irgendwo einordnen kann. Sicher gehört es nicht zum Mainstream und ist auch keine erbauliche Lektüre, keine entspannende Urlaubslektüre. Aber schön ist, dass solche Bücher Preise bekommen.“

Quelle: Verlag Host

Bianca Bellová wurde 1970 in Prag geboren und ist Schriftstellerin, Übersetzerin, Dolmetscherin und Bloggerin. Sie ist Autorin mehrerer Romane und Novellen. In deutscher Übersetzung liegt auch ihr Roman „Toter Mann“ vor. Der mit Preien gefeierte Roman „Am See“ ist bisher in 17 Sprachen erschienen, und mindestens drei weitere Übersetzungen sind noch geplant.

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