Tschechische Kommentatoren sehen Joachim Gauck als Symbol für Kampf gegen Kommunismus

Joachim Gauck (Foto: ČTK)

Führende tschechische Politiker haben die Wahl von Joachim Gauck zum deutschen Bundespräsidenten begrüßt. Und auch die tschechischen Tageszeitungen widmen dem neuen Staatsoberhaupt einige Aufmerksamkeit.

Joachim Gauck (Foto: ČTK)
Der tschechische Premier Petr Nečas äußerte sich am Sonntag zufrieden über die Wahl Joachim Gaucks zum Bundespräsidenten. In freue besonders, so der Premier, dass gerade ein Kämpfer gegen den Kommunismus in der ehemaligen DDR Bundespräsident geworden sei. Auch Lubomír Zaorálek, der außenpolitische Experte der oppositionellen Sozialdemokraten, lobte die schnelle Präsidentenwahl in Deutschland. Der Sozialdemokrat hob hervor, dass Joachim Gauck nicht nur die Unterstützung der Politiker, sondern auch die einer breiten Öffentlichkeit genieße.

In ihren Kommentaren erinnern die tschechischen Tageszeitungen unter anderem an die Bedeutung von Joachim Gauck als Symbol. So schrieb Šárka Daňková in ihrem Kommentar für die Tageszeitung „Mladá fronta Dnes“:

Šárka Daňková
„Nach 1989 konnten die Ostdeutschen mit ein wenig Neid beobachten, wie die Tschechoslowaken über Václav Havels Wahl zum Staatsoberhaupt jubelten und wie sich die Polen darüber freuten, dass Lech Walesa zum Staatspräsidenten wurde. In Deutschland hat eine andere Situation geherrscht. Die Dissidenten aus der DDR haben zwar Verdienste um den Zusammenbruch des Kommunismus gehabt, aber die Macht übernahmen Helmut Kohl und das westdeutsche politische Establishment. Paradoxerweise ist aber auch Angela Merkel zu dessen Bestandteil geworden. Mit Joachim Gauck steht nun auch in Deutschland mit mehr als 20 Jahren Verspätung ein Vertreter des friedlichen Umbruchs von 1989 an der Spitze des Staates.“

Petr Pešek
Kommentator Petr Pešek erinnert in einem Leitartikel für die Tageszeitung „Lidové noviny“ daran, dass Gaucks Unabhängigkeit von den Parteien ein Vorteil für dessen eigene Standpunkte sein könne:

„Joachim Gauck wird mitunter mit Václav Havel verglichen. Daneben gibt es aber auch noch eine weitere Parallele: In Gauck werden so viele Hoffnungen gesetzt, die er nicht alle wird erfüllen können. Das kann nur in Frustration enden – und dasselbe könnte auch den nächsten Tschechischen Präsidenten erwarten.“

Joachim Gauck nahm 2008 an einer internationalen Konferenz in Prag teil (Foto: Martina Schneibergová)
Joachim Gauck nahm 2008 gemeinsam mit Václav Havel und vielen weiteren ehemaligen politischen Gefangenen, Dissidenten und Historikern aus der ganzen Welt an einer internationalen Konferenz in Prag teil. Unter dem Titel „Das Gewissen Europas und der Kommunismus“ wurde damals im Senat des Tschechischen Parlaments über die Aufarbeitung des Kommunismus auf gesamteuropäischer Ebene diskutiert. Nach der Diskussion äußerte sich Joachim Gauck damals zum Thema eines Schlussstriches unter die kommunistische Vergangenheit, der vor allem vom linken politischen Spektrum in Tschechien gefordert wurde:

„Ich bin natürlich ein entschlossener Gegner des Schlussstriches. Ich akzeptiere ihn nur dann, wenn ohne Schlussstrich ein Bürgerkrieg drohen würde. Aber das ist bei uns in Mitteleuropa nicht der Fall. In unserer Situation bin ich strikt gegen eine Schlussstrichregelung, weil Schlussstrich immer schlecht ist für diejenigen, die früher unten waren, für die Unterdrückten. Er begünstigt immer die ehemaligen Eliten der Diktatur. Aus politischen wie auch aus moralischen Gründen ist der Schlussstrich die schlechtere Variante.“

Wie erklären Sie sich, dass der politische Kommunismus auch so viele Jahre nach der Wende immer noch so stark ist?

„Die Linke in Deutschland ist etwas anderes als die Kommunisten hier in Tschechien, das muss man schon sagen. Aber ein Teil unserer Bevölkerung in ganz Mittelosteuropa ist ideologisch kommunistisch. Der größere Teil der Wähler der Kommunisten ist jedoch einfach nur heimatlos. Er ist noch nicht in den Strukturen der Freiheit angekommen und fühlt sich fremd. Das heißt, ein Teil der Unterstützer dieser kommunistischen und postkommunistischen Gruppierungen ist ideologisch kommunistisch, aber es ist der geringere Teil. Der größere Teil der Wähler hat Fremdheitsgefühle in der offenen Gesellschaft und ist nostalgisch: Diese Partei, die kennen sie und ihr geben sie die Stimme. Das andere ist ihnen zu konfliktreich. Aus diesen beiden Teilen, den wirklichen Kommunisten und denen, die sich in der Freiheit fremd fühlen, setzen sich die Wähler der kommunistischen und postkommunistischen Gruppierungen zusammen.“