Tschechische Präsenz auf der Leipziger Buchmesse

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Vom 17.-20.3.2005 fand die Leipziger Buchmesse statt. Auch diesmal wieder waren zahlreiche tschechische Verlage und Schriftsteller vertreten. Martina Zschocke hat sich dort für sie umgesehen und vermittelt Ihnen einen Eindruck vom abwechslungsreichen Messetreiben.

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Über 2000 Aussteller aus mehr als 30 Ländern präsentierten sich in diesem Jahr in den gläsernen Messehallen Leipzigs. Das Literaturfestival im Rahmenprogramm war mit über 1500 Veranstaltungen größer denn je. Auch Tschechien war dabei wieder reichhaltig vertreten. 15 tschechische Verlage stellten sich dem interessierten Publikum vor, darunter so renommierte wie Atlantis und Host. Neben den Verlagen konnte man am tschechischen Gemeinschaftsstand auch einen Überblick über Tschechische Literatur in deutscher Übersetzung erhalten. Auch das literarische Rahmenprogramm organisiert von Svet Knihy war vielfältig. Schon am ersten Abend der Buchmesse gab es eine Lesung im Rahmen der Veranstaltung PRAG LIEST IN LEIPZIG. "Mein Freund Bohumil Hrabal" hieß es da. Tomas Mazal, ein persönlicher Freund des Schriftstellers erzählte im Ratskeller des Leipziger Neuen Rathauses von gemeinsam erlebten Momenten. Der Freitag stand dann ganz im Zeichen der Poesie mit einer Lesung von Viola Fischerová, Petr Borkovec und Milos Dolezal. Am Samstag und Sonntag folgte dann tschechische Prosa mit Emil Hakl, Stanislav Komarek, Karel Kuna, Anna Zonová, Jan Balaban und Irena Dousková. Einige Autoren sind schon alte Bekannte auf der Leipziger Buchmesse, wie Emil Hakl und Petr Borkovec, die beide auch schon in den letzten Jahren lasen. Borkovec ist zur Zeit Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Aber es gab auch neue Autoren zu entdecken, wie Karel Kuna, Anna Zonova und Jan Balaban, die noch nicht übersetzt sind und deren Kurzgeschichten eigens für die Leipziger Buchmesse ins Deutsche übertragen wurden.

Karel Kuna hat bisher ein Buch veröffentlicht, "Cesta do Malsic" (Die Reise nach Malsice), woraus er einige Geschichten las. Lassen Sie uns kurz hineinhören, wie der Moderator und Übersetzer Mirko Kraetzsch, den Autoren Karel Kuna und dessen Buch vorstellt:

Auch typisch tschechischer Humor kam am Rande der Lesungen nicht zu kurz, wobei es zu interessanten Wechselwirkungen von Leipziger Gebäuden und den Gedanken der Autoren kam. So erzählt Karel Kuna am Ende seiner Lesung zur allseitigen Erheiterung:

"Das ist mir gestern auf dem Leipziger Hauptbahnhof eingefallen. Ich habe drei tschechische Institutionen sehr gern, die seit ihrer Entstehung praktisch im Verfall begriffen sind und das sind: die katholische Kirche, die Sozialdemokratische Partei und die Tschechische Bahn."

Vielen der anwesenden tschechischen Autoren gefiel es auf der Leipziger Buchmesse gut. So erzählt der Schriftsteller Jan Balaban:

"Das ist eine grosse Aktion. Ich denke, dass ich noch nicht auf so einer Messe war. Es ist schön, das Interesse der Leute für Bücher zu sehen und ihre Fähigkeit 1 ½ Stunden zu sitzen und Lesungen zu hören und solche Sachen. Das ist in Tschechien nicht völlig normal. Das gefällt mir hier natürlich. Aber es kommen auch solche Fragen auf, wenn ich so viele Bücher sehe und so viele Verlage, so einen babylonischen Turm aus Papier, ob es noch Sinn hat etwas herauszugeben. Aber das vermittelt vielleicht auch nicht das richtige Bild. Ein Buch ist eine intime Sache und jeder beginnt in einer kleinen Buchhandlung an der Ecke. Diese Messe zeigt einen großen Überblick, einen gewaltigen Einblick in die Buchproduktion und das ist schon was. Mir gefällt das. Und gerade wenn ich der Mehrheit der Leute, die ich hier sehe, ins Gesicht sehe und sehe, was sie hier tun, dann ist das für mich eine ganz angenehme Angelegenheit."

Was ist nun in seinen Augen der Unterschied zu Tschechien?

"Ich denke, dass Kultur in Tschechien manchmal etwas intimer ist. Tschechen sind irgendwie nicht in der Lage Kultur gemeinsam ernst zu nehmen, speziell Literatur. In Deutschland gibt es eine große Kultur von Autorenlesungen, ebenso wie in den USA und in England. In Tschechien würde ich sagen, beginnt das gerade. Junge Leute haben das ziemlich gern. In Brünn gibt es z.B. einen Monat mit Autorenlesungen und 30 Tage nacheinander kommen Leute, die lesen und kommen Leute, die hören und ich denke, das ist neu. Die jüngeren Leute sind quasi flexibler und in der Lage, sich so was anzuhören, wohingegen ältere Leute und Leute in meinem Alter oft sagen: Ich muss ein Buch durchlesen. Mit einem Buch muss ich allein sein. Das macht mir hier schon Freude zu sehen, dass so eine große Aktion rund ums Buch funktionieren kann."

Auch Anna Zonová äußerte sich positiv über die Buchmesse und vor allem über die Betreuung der Autoren. Dabei gefällt ihr insbesondere:

"...dass sich viele Leute für Bücher interessieren in Deutschland. Ich weiß, dass es hier Tradition ist und bin auch überrascht über die Zusammenarbeit mit Mirko Kraetzsch. Er ist wirklich professionell und sorgt für uns wirklich sehr. Er ist professionell und sehr nett und die Leute hier sind auch sehr nett."

Bei einer der Lesungen steht Mirko Kraetzsch, der Moderator und Übersetzer vieler der hier gelesenen Kurzgeschichten plötzlich unversehens und ungewollt selbst im Mittelpunkt. Aus dem Publikum wurde er gefragt, wie er Übersetzer geworden ist.

"Wie ich Übersetzer geworden bin? Das ist eine sehr, sehr lange Geschichte. Ich versuche es gerade zu kondensieren. Ich habe schon relativ früh angefangen Tschechisch zu lernen. Eine Verstrickung von komischen Umständen, die mich dazu gebracht hat. Ich bin in Dresden aufgewachsen und dort an eine Sprachschule gegangen und habe als dritte Fremdsprache Tschechisch gelernt. Ich hab das dann auch studiert und während des Studiums habe ich ein Jahr in Prag verbracht und habe dort schöne Bücher und vor allem Kurzgeschichten gelesen und habe mich immer geärgert, dass ich mit niemandem in Deutschland diese Freude teilen kann und habe mich dann hingesetzt und diese Geschichten übersetzt. Ich wollte einfach, dass die Leute diese Geschichten lesen und daraus wurde dann eine kleine Textsammlung, die ich zu Weihnachten allen meinen Freunden geschenkt habe. Da war auch das Problem mit dem Weihnachtsgeschenk auf einen Schlag erledigt und ich fand mich selber sehr originell dabei. Dieses Büchlein oder Heftchen ist dann in die Hände einer meiner Dozentinnen gekommen, Ute Rosloff, damals war sie Slowakistin an der Berliner Humboldt-Uni und die hat das gelesen und hat gesagt: Das gefällt mir. Hier hast du deinen ersten Auftrag. Und so kam´s und dann habe ich gedacht: das macht mir Spass, da mache ich weiter und dann war das einfach Netzwerke stricken, Leute kennenlernen, sich auf Messen rumtreiben und so."

Außer dem aktuellen Programm tschechischer Verlage gab es am tschechischen Gemeinschaftsstand auch eine Ausstellung der schönsten Bücher 2003 zu sehen.

Insgesamt war die Leipziger Buchmesse ein großer Erfolg. Läßt sich nur hoffen, dass wieder einige tschechische Autoren von deutschen Verlagen entdeckt wurden, wie es ja bereits in den letzten Jahren unter anderem mit Jaroslav Rudis der Fall war. Sollten Sie Interesse an der Leipziger Buchmesse gewonnen haben: die nächste wird im März 2006 wieder in Leipzig sein.

Vorher jedoch können Sie die Prager Buchmesse Svet Knihy (Buchwelt) besuchen, die vom 5.-8. Mai in Prag stattfindet und in diesem Jahr unter dem schönen Thema "Bücher für und über das Reisen" steht. Am Mikrofon verabschiedet sich für heute Martina Zschocke und wünscht Ihnen noch schöne Ostertage.