Tschechische und österreichische Historiker gehen zwei neue Projekte an

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Zu Monatsbeginn, am 1. und 2. Oktober, fanden im niederösterreichischen Waidhofen an der Thaya die Österreichisch-Tschechischen Historikertage statt, die von der einen beiderseitig tiefgründigen Dialog fördernden Waldviertel Akademie veranstaltet wurden. Hören Sie dazu einen Bericht von Lothar Martin.

"Gerade jetzt ist es notwendig, an eine seriöse Aufarbeitung der Geschichte heranzugehen", gab der österreichische Landtagsabgeordnete Johann Hofbauer den Auftrag an die Tagung vor, zu der sich führende Wissenschaftler aus Tschechien und Österreich eingefunden hatten. Darunter Universitätsprofessor Hans Haas von der Uni Salzburg, der in seinem Eröffnungsvortrag das Eindringen des Nationalismus in den österreichisch-tschechischen Grenzraum darstellte. Anhand ausgewählter Dörfer zeigte er, wie es den von den Zentren kommenden nationalen Bewegungen gelang, das über Jahrhunderte gewachsene Zusammenleben an der Grenze allmählich zu zerstören. Im Blickpunkt der Tagung stand jedoch die Vorbereitung zweier bilateraler Projekte. Beim ersten davon geht es darum, die Periode nach 1945, als es zwischen Südböhmen und dem angrenzenden Waldviertel zum totalen Bruch und zu einer Auseinanderentwicklung kam, in ihren konkreten Auswirkungen auf die lebensweltlichen Realitäten der Menschen systematisch zu erforschen. Was man sich dabei von diesem Projekt verspricht, dazu sagte der Geschäftsführer der Waldviertel Akademie, Niklas Perzi, gegenüber Radio Prag:

"Wie wollen jetzt bilateral vor allem einmal schauen, inwieweit sich dieser Bruch nach 1945 durch die Vertreibung der deutschsprachigen Bewohner, durch die in der Tschechoslowakei erfolgte Machtübernahme der Kommunisten und durch den Eisernen Vorhang auf die lebensweltlichen Realitäten ausgewirkt hat, d.h.. ganz konkret, inwieweit es da wirklich zu einer Auseinanderentwicklung innerhalb der Dörfer und Städte diesseits und jenseits der Grenze gekommen ist. Oder aber, inwieweit dieser Modernisierungsprozess, der ja auch im Waldviertel in Österreich stattgefunden hat, nicht doch auch wieder vergleichbar ist mit der Zwangsmodernisierung, die in Südböhmen bzw. Südmähren stattgefunden hat."

Das zweite Projekt setzt sich zum Ziel, ein gemeinsames österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch zu entwickeln. Welche Grundidee diesem Projekt zugrunde lag, das erfahren wir erneut von Niklas Perzi:

"Die Idee dahinter ist eigentlich, dass es zwischen Österreich und der Tschechischen Republik aufgrund der k. u. k. Monarchie eine lange gemeinsame Geschichte gibt, dass aber die Sicht auf diese gemeinsame Geschichte zwischen den Geschichtsbildern der beiden Völker diametral verschieden ist. Es geht jetzt darum, nicht noch einmal die Fakten zu referieren, denn die sind ja eh allgemein bekannt, sondern darauf einzugehen, warum diese unterschiedlichen Geschichtsbilder innerhalb einer gemeinsamen Geschichte überhaupt entstehen konnten. Nehmen wir das Beispiel Weißer Berg - ein sehr umstrittenes Thema bis heute noch. Wir wollen hinterfragen, wie solch ein Thema von beiden Seiten gesehen wird und warum es so gesehen wird."

Nach Auskunft von Niklas Perzi ist geplant, das in tschechischer und deutscher Sprache verfasste Geschichtsbuch im Jahr 2006 herauszugeben.