Tschechische Wurzeln in Wien

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Wer einen Blick ins Wiener Telefonbuch wirft und dort die zahlreichen tschechischen Namen sieht, der wird verstehen, warum die österreichische Hauptstadt einst als eine der größten „tschechischen“ Städte galt. Vor allem im 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts lebten in der Metropole der Habsburgermonarchie mehr Tschechen als in den meisten Städten Böhmens und Mährens. Während der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei haben sich zahlreiche Flüchtlinge in Wien angesiedelt, heute kommen junge Tschechen, um hier zu studieren oder zu arbeiten. Ihnen allen ist nun ein Film gewidmet, der am Montag in Wien gezeigt wird.

Anna Vaďurová (Foto: Archiv Radio Prag)
Anna Vaďurová ist 1968 nach Wien emigriert, kurz nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Pakts. Zwanzig Jahre alt war sie damals. Ihre Eltern waren gegen die Flucht, doch aufhalten wollten diese sie nicht, erzählt sie gegenüber Radio Prag:

„Ich bin mit einer Freundin gekommen. Wir waren aber in keinem Flüchtlingslager, denn zum Glück hatte sie in Österreich entfernte Verwandte. Dort hatten wir gemeinsam ein Zimmer, und wir haben sofort Arbeit gefunden. Eigentlich ist es uns von Anfang an sehr gut gegangen.“

Anna Vaďurová ist eine der Wiener Tschechinnen und Tschechen, die in dem Film „České kořeny ve Vídni“ (Tschechische Wurzeln in Wien) ihre Geschichte erzählen.

„Seit ich in Österreich bin, habe ich nie das Gefühl gehabt, dass ich eine Ausländerin oder etwas Minderwertiges bin – was man ja doch immer wieder hört. Ich habe mich in Österreich immer frei gefühlt, und ich habe es nie bereut, dass ich weggegangen bin.“

Theaterverein Vlastenecká omladina (Foto: Archiv des Vereins)
Seit 2001 ist Anna Vaďurová die Leiterin des Theatervereins Vlastenecká omladina, der bereits 1885 von Wiener Tschechen gegründet wurde. Früher, sagt sie, seien die Leute gekommen, um auf der Bühne Freunde und Verwandte zu sehen, die Tschechen hätten den Theaterverein als „etwas Eigenes“ wahrgenommen. Mit den Jahren seien aber viele gestorben. Die Jugend habe kein besonderes Interesse gezeigt, und auch unter den Schauspielern sei der Nachwuchs ausgeblieben. Vaďurová hat das Repertoire geändert, seit einigen Jahren gibt es wieder einen Aufschwung:

„Wir haben auch eine Tanzschule für Tschechisch- und Slowakischsprachige. Es gibt heute viele Tschechen und Slowaken, die in Wien studieren oder arbeiten. Die suchen häufig einen Ort, an dem sie sich heimisch fühlen können, und diesen Ort finden sie hier in der Tanzschule.“

Nebeneffekt: Aus der Tanzschule werden gleich auch neue Mitglieder des Theaterensembles rekrutiert, das wiederum bringt neues Publikum, so Vaďurová:

„Mich erinnert das an die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als viele Tschechen nach Wien kamen und hier Vereine gründeten. Auch sie hatten das Bedürfnis, in der Fremde ein Stück Heimat zu haben.“

„České kořeny ve Vídni“ (Tschechische Wurzeln in Wien) ist nach Filmen über Auslandstschechen in der Schweiz und in Schweden bereits der dritte seiner Art. Gezeigt wird er am Montag, dem 4. November, um 19:30 in der tschechischen Botschaft in Wien. Tschechischkenntnisse sind Voraussetzung.