Universitäre Kooperation: Der tschechisch-deutsche Bachelor in Leipzig und Prag
Der Bachelor „Interkulturelle Kommunikation und Translation Tschechisch-Deutsch“ in Leipzig und Prag bietet Studenten eine einzigartige Möglichkeit, die Kultur sowie die Sprache des Nachbarlandes kennenzulernen.
Donnerstagmorgen, 9.10 Uhr. An der Karlsuniversität in Prag findet gerade die einführende Lehrveranstaltung Dolmetschen für das Sprachenpaar Deutsch-Tschechisch statt. Die meisten Kursteilnehmer studieren einen speziellen Bachelorstudiengang: „Interkulturelle Kommunikation und Translation Tschechisch-Deutsch“. Dabei handelt es sich um einen Zweifachabschluss, oder auch „Double Degree“, in Kooperation zwischen der Karlsuniversität und der Universität Leipzig. Doch was genau hat es damit auf sich?
„Da ich zweisprachig aufgewachsen bin und meine Eltern, beziehungsweise mein Leben, schon immer doppelt stattgefunden hat, war es mir super wichtig diese beiden Kulturen beizubehalten und vielleicht auch tiefer in die Kulturen hineinzukommen. Deswegen fand ich es sehr spannend, diesen Studiengang zu entdecken.“
Das sagt Bára Pazderová, derzeitige Studentin im fünften Semester. Sprachkurse stehen bei dem Doppelabschluss nicht allein im Fokus. Christof Heinz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Leipzig, erklärt, was die Studierenden erwartet:
„Sprachkurse sind ein Bestandteil des Übersetzungsstudiums. Das ist aber noch nicht alles, denn es kommen noch spezifische Übersetzungs- und Dolmetschkenntnisse hinzu. Und was natürlich in der letzten Zeit auch immer mehr dazugehört, ist das Beherrschen technischer Hilfsmittel.“
Doopelter Vorteil
Solch ein Angebot gibt es in Tschechien und Deutschland nur einmal und es ist somit ein wirkliches Phänomen. Aber warum sollten Studenten den Double Degree anstelle eines normalen Sprachstudiums wählen? Welche Unterschiede gibt es? Danuta Rytel-Schwarz ist emeritierte Professorin am Institut für Slawistik der Universität Leipzig. Ihr zufolge ist der große Vorteil des Studiums nicht nur, dass die Absolventen zwei Diplome bekommen.
„Das Studium an zwei Universitäten lohnt sich aus mehreren Gründen. Die Studierenden lernen zwei akademische Kulturen und Perspektiven kennen. Das Angebot unterscheidet sich auch durch eine größere fachliche Bandbreite. In Prag gibt es andere Kurse als bei uns.“
So gibt es in Leipzig zum Beispiel keine Dolmetscherkurse – in Prag hingegen schon. Und in Leipzig wiederum können Kurse besucht werden, welche nicht an der Karlsuniversität angeboten werden. Auch deshalb begeben sich die Studierenden also für insgesamt ein Jahr ins jeweils andere Land. Die tschechischen Studenten gehen für das dritte und vierte Semester nach Leipzig. Dies ist auch möglich, da sie bereits vor dem Studienbeginn Deutschkenntnisse vorweisen müssen und eine Aufnahmeprüfung ablegen – anders als ihre deutschen Kommilitonen. Die Studierenden, die das Programm in Leipzig beginnen, gehen hingegen im fünften und sechsten Semester nach Tschechien und belegen dort Kurse mit den Prager Studenten. Die beiden Gruppen studieren damit für zwei Jahre zusammen.
Der Studiengang existiert seit 2014 an der Universität Leipzig und seit 2015 an der Karlsuniversität. Doch wie kam es zur Entstehung des Programms?
„In Folge des Bologna-Prozesses mussten wir den Translationsstudiengang Tschechisch-Deutsch in Leipzig aufgrund geänderter Kapazitätsforderungen schließen. Das geschah 2007. 2010 kam vom Dozenten Tomáš Svoboda aus Prag dann eine Anfrage zur Zusammenarbeit. Auf diese konnten wir damals zu unserem Bedauern nicht eingehen.“
Dies war aber nicht das Ende der Idee. Denn zwei Jahre später ergab sich eine andere Möglichkeit, das Fach Translation Tschechisch-Deutsch wiedereinzuführen.
„Im April 2012 habe ich Herrn Svoboda geschrieben, dass es vielleicht doch Hoffnung gäbe, den Studiengang wiederzubeleben. Die Idee kam dank des DAAD, dem deutschen akademischen Austauschdienst, der Doppelstudiengänge unterstützt hat. 2013 haben wir uns für die Vorbereitungsphase beworben, der Antrag wurde bewilligt und wir konnten mit der Arbeit beginnen.“
Persönliche Betreuung
Da es sich um ein recht spezielles Themengebiet handelt, ist die Anzahl der Studierenden jedes Jahr recht klein, meistens sind es um die zehn Teilnehmer. Ein Problem sei dies jedoch nicht, meint Rytel-Schwarz.
„Die Studierenden in diesem Doppelstudiengang werden intensiver betreut, und ihnen werden auch andere Aktivitäten angeboten.“
Die umfangreiche Betreuung betont auch die Mehrheit der Studierenden. So etwa Ilyas Zivana, einer der Absolventen.
„Da es so wenige Studierende gibt, ist es ein sehr persönlicher Umgang. Die Lehrenden haben sehr viel Zeit für einen, sie stehen einem bei Fragen zur Verfügung. Und ich muss sagen, darüber bin ich im Nachhinein sehr dankbar.“
Vor seinem Studium konnte Zivana noch fast kein Tschechisch. Warum also entschloss er sich für den Double Degree?
„Ich wollte damals gern Tschechisch studieren. Das kam so, dass ich bereits an einer anderen Uni eingeschrieben war und dort einen Bachelor gemacht habe, mich aber noch einmal umorientieren wollte. Daraufhin habe ich mich erkundigt, wo ich einen Studiengang, welcher sich mit Tschechisch befasst, studieren könnte. Und so habe ich den Bachelor in Leipzig gefunden. Ich bin hingefahren und habe mich mit der Studiengangsleitung unterhalten. Danach war ich überzeugt, dass ich mich gerne in diesem Bachelor einschreiben möchte.“
Nach seinem Abschluss blieb Zivana in Prag und studierte an der Karlsuniversität den Master „Übersetzen und Dolmetschen Tschechisch-Deutsch“. Anschließend fand er in Prag auch Arbeit. Als Kulturmanager der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik verrichtet er heute unter anderem Übersetzungs- und Dolmetscherarbeit.
Genau wie Zivana hatte auch Lena Pierskalla ein Interesse an slawischen Sprachen. Deswegen kam sie nach Leipzig.
„Ich stamme aus NRW und wollte immer eine slawische Sprache lernen, diese Möglichkeit gab es bei uns an der Schule aber nicht. Dann bin ich 2017 für ein FSJ nach Dresden und war damals das erste Mal in Tschechien. Dort habe ich das erste Mal die tschechische Sprache gehört. Das war alles sehr neu für mich. Danach habe ich mir überlegt, was ich studieren möchte. Ich wollte gerne in Sachsen bleiben, also habe ich mich nach Studiengängen umgeschaut, die mich interessieren, und so den Double Degree in Leipzig gefunden. Das integrierte Auslandsjahr war einer der großen Gründe, mich einzuschreiben. Mir war es sehr wichtig, etwas Internationales zu machen. Und als ich sah, dass man auch ohne Vorkenntnisse studieren kann, war ich sehr glücklich.“
Nicht lange nach ihrem Studium fand auch Pierskalla Arbeit als Übersetzerin und Dolmetscherin. Außerdem absolvierte sie ein Praktikum bei der Zeitschrift „LandesEcho“, der einzigen deutschsprachigen Zeitung in Tschechien.
„Ich habe von 2018 bis 2021 den Studiengang studiert. Derzeit mache ich immer noch deutsch-tschechische Arbeit. Ich leite ein Projekt für politische Bildung in der sächsischen Schweiz. Wir arbeiten unter anderem mit zwei Schulen im Grenzgebiet – in Česká Kamenice und Sebnitz – zusammen.“
Breites Berufsfeld
Berufsfelder abseits von dem, was sich die meisten Leute unter Übersetzungs- und Dolmetscherarbeit vorstellen, gibt es viele. Die Arbeit, welche Zivana und Pierskalla verrichten, zeigt die verschiedenen Möglichkeiten. Der Bandbreite ist sich auch Professorin Rytel-Schwarz bewusst.
„Viele von den Studierenden studieren weiter. Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Wir haben an der Universität in Leipzig keinen Masterstudiengang für Translation Tschechisch-Deutsch. Aber manche machen in Prag weiter. Und einige studieren bei uns Slawistik, oder sie gehen nach Wien. Die berufliche Bandbreite ist natürlich sehr groß. Vor allem können die Studierenden auf dem translatologischen Gebiet arbeiten. Einige von ihnen gehen aber auch in die Bereiche Kultur, Wissenschaft, Management und mehr.“
Auch Christof Heinz berichtet über die große Auswahl an Möglichkeiten.
„Ein Vorteil ist, dass man ein direktes Ziel hat. Man kann in Übersetzungsagenturen arbeiten, als Freiberufler oder sich auf einen bestimmten Bereich spezialisieren. Oft ist es aber so, dass die Absolventen nicht als reine Übersetzer:innen oder Dolmetscher:innen arbeiten, sondern Tätigkeiten in deutsch-tschechischen grenzüberschreitenden Organisationen übernehmen.“
Die Studierenden im fünften Semester arbeiten gerade auf ihren Abschluss hinaus. Laut ihnen hat der Studiengang noch eine große Zukunft vor sich. Aber sprechen die Fortschritte der heutigen Zeit nicht eher dagegen? Zumindest Ilyas Zivana ist sehr optimistisch.
„Ich denke, dass die Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitskräften und Kulturvermittlern im deutsch-tschechischen Kontext immer noch da ist. Und ich denke, dass auch gerade in Tschechien eine große Nachfrage besteht nach Menschen, die Deutsch als Muttersprache haben. Deswegen ist es einerseits aus beruflicher Sicht von Vorteil, und anderseits sehe ich aber auch einfach auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene eine große Nachfrage.“
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