Ursprünglich zum Tod verurteilt: Am längsten inhaftierter Tscheche könnte nach 38 Jahren freikommen
Mindestens zweimal hatte er erfolglos um die Freilassung gebeten, nun könnte der am längsten inhaftierte Tscheche das Gefängnis verlassen. Das Bezirksgericht in Most entschied am Freitag, dass der Doppelmörder Zdeněk Navrátil keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstelle.
Seit 38 Jahren sitzt Zdeněk Navrátil in Haft. Im Gefängnis hat er seinen Nachnamen geändert, er hieß früher Vocásek. Der verurteilte Doppelmörder schrieb Rechtsgeschichte. Denn 1988 war er der letzte tschechoslowakische Staatsbürger, der zum Tod verurteilt wurde. Das Urteil wurde aber wegen der Samtenen Revolution und dem Systemwechsel nicht mehr vollstreckt. Stattdessen wurde Navrátil zum ersten Tschechen, der lebenslänglich erhielt. Nun soll er laut einem Urteil des Bezirksgerichts in Most vom Freitag freikommen. Zuvor hatte er schon mindestens zweimal erfolglos um Entlassung gebeten. Richter Benno Eichler folgte bei seiner Entscheidung entsprechenden Gutachten, die bei der Hauptverhandlung am Mittwoch vorgelegt worden waren. Gerichtsgutachter Jiří Klose sagte dabei über Zdeněk Navrátil:
„Er war wirklich in der Lage, sich zu ändern, sowohl von seiner Persönlichkeit als auch von seinen Werten her, also moralisch. Daher ist es gerechtfertigt, ihn aus dem Gefängnis zu entlassen.“
Die beiden Morde, für die Navrátil verurteilt wurde, hatte er äußerst brutal begangen. An Neujahr 1987 erschlug der damals junge Mann mit einem Hammer einen körperbehinderten 48-Jährigen. Und vier Monate später tötete er einen 69-jährigen Bekannten mit zwölf Messerstichen. Schon 1984 hatte er laut gerichtlichen Erkenntnissen einen weiteren Mann mit einem Hammer angefallen, der diesen Angriff aber überlebte. Angeblich ging es in allen drei Fällen um private Rache.
Heute ist Zdeněk Navrátil 64 Jahre alt. Sollte er freikommen, gilt eine siebenjährige Bewährungszeit. In dieser muss Navrátil gewisse Auflagen erfüllen. Dazu gehört zunächst ein halbjähriger Aufenthalt in einem Übergangswohnheim. Danach muss sich der Entlassene bis zum Ende der Bewährungszeit an seinem ständigen Wohnort in Tschechien aufhalten. Er hat sich für eine Gemeinde in Südböhmen entschieden.
Dass noch nicht klar ist, ob Navrátil wirklich freikommt, liegt an der zuständigen Staatsanwältin Dagmar Bušovská. Sie hat noch am Freitag eine Beschwerde gegen den Richterspruch eingelegt und sagte anschließend:
„Für die Freilassung sind meiner Meinung nach zwei der drei geforderten Bedingungen nicht erfüllt. Das eine ist der Nachweis, dass er sich gebessert habe. Und das andere sind die Prognosen über das Führen eines normalen Lebens. Die Unterlagen gehen jetzt ans Kreisgericht in Ústi nad Labem. Dieses wird in einem nichtöffentlichen Verfahren entscheiden.“
In zwei bis drei Wochen soll demnach die endgültige Entscheidung über das Schicksal von Zdeněk Navrátil fallen. Vor allem zweifelt die Staatsanwältin die positive Beurteilung durch das Gefängnis in Bělušice bei Most an. Bei ihrem Plädoyer am Mittwoch argumentierte sie, es bestünden Befürchtungen, dass Navrátil weiterhin gefährlich sein könnte.
Die Hilfsorganisation Oikia hat sich für die Freilassung des mittlerweile am längsten inhaftierten Tschechen eingesetzt. Der Psychotherapeut und Theologe Václav Mitáš leitet die NGO und wies indes auf ein Problem hin. Denn Zdeněk Navrátil hat seine Taten damals unter Alkoholeinfluss begangen...
„Es lässt sich nicht sagen, dass er vom Trinken geheilt ist, denn im Gefängnis ist der Zugang zu Alkohol prinzipiell eingeschränkt. Deshalb begrüßen wir die Auflage, dass er sich auf Antrag einem Screening unterziehen soll“, so Mitáš.
Er lernte Navrátil 2007 als Gefängniskaplan kennen. Und er vertraut auf das – seinen Worten nach – sehr professionelle Resozialisierungsprogramm, in das dieser eingebunden werden soll:
„Dazu gehören natürlich auch Sicherheitsmaßnahmen. Das heißt, er wird nicht gleich von Anfang an rausgehen. Am wichtigsten ist aber, dass wir dazu bereit sind, dem Gericht sofort mitzuteilen, wenn der Verurteilte nur irgendwie gegen die Auflagen oder die Zusammenarbeit mit uns verstoßen sollte.“
Derzeit sitzen in tschechischen Gefängnissen insgesamt noch 48 Täter, die zu lebenslänglich verurteilt wurden. Darunter sind auch drei Frauen. Nach solch einem Urteil wurden hierzulande bisher nur drei Menschen wieder freigelassen. Der medial bekannteste Fall war der des Doppelmörders Jiří Kajínek. Er wurde im Mai 2017 vom damaligen Staatspräsidenten Miloš Zeman begnadigt.









