Verfolgung reicher Bauern und Zwangskollektivierung in der Tschechoslowakei

Selbst im heutigen Tschechien sind die Folgen der kommunistischen Zwangskollektivierung noch zu spüren. Sie hat das soziale Gefüge auf dem Land komplett umgewälzt und die Art der Bodenbestellung verändert. Die Kollektivierung war begleitet von der organisierten Verfolgung wohlhabender Bauern, die in der Tschechoslowakei vor 70 Jahren begann.

Bohuslav Procházka | Foto: Post Bellum

Der Vater von Bohuslav Procházka war Großbauer. Sein Hof lag in der Nähe von Kutná Hora / Kuttenberg in Mittelböhmen. Er wurde Opfer der kommunistischen Kollektivierung. Für das Zeitzeugenprojekt Paměť národa (Gedächtnis der Nation) hat Bohuslav Procházka vor einiger Zeit das Schicksal seiner Familie geschildert:

„1950 oder 1951 nahmen sie uns den Hof und haben uns anderswo angesiedelt. Mein Vater musste danach in den Erzgruben in Příbram arbeiten und durfte nicht mehr in den Bezirk Kutná Hora fahren. Meine Mutter kümmerte sich um uns vier Kinder, bekam aber keine Lebensmittelmarken. Ohne diese hatte man aber nichts. Mehrere Jahre lang hat mein Vater in den Schächten gearbeitet. Erst als sich die Lage etwas lockerte, wechselte er ins Bergwerk von Kutná Hora. Aber die Arbeit hinterließ schwere Spuren an seiner Lunge. Er starb an Silikose.“

Es ist eines von vielen Schicksalen der Kollektivierung in der Tschechoslowakei. Andere reiche Bauern wurden in Schauprozessen verurteilt, manche sogar zu Todesstrafen.

Zwangskollektivierung | Foto:  ČT24

Druck aus Moskau

Dabei plante die kommunistische Führung des Landes zunächst nur eine Bodenreform. Marie Jílková ist Historikerin an der Universität von Pardubice / Pardubitz:

Marie Jílková | Foto:  Archiv von Marie Jílková

„Das Leben auf dem Land nach dem Zweiten Weltkrieg war hierzulande schwierig. Der größte Teil der Ackerfläche gehörte einem kleinen Teil der Bauern, viele andere hatten nicht ausreichend Boden. Zu der Zeit plante selbst die kommunistische Partei nicht, nach sowjetischem Beispiel vorzugehen. Noch im Mai 1948, also schon nach der Machtübernahme, erschien in der Zeitschrift ‚Ústava‘ ein Beitrag, in dem es hieß, dass Privateigentum an Boden bis zu einem Umfang von 50 Hektar behalten werden könne.“

Laut Jílková stellt sich jedoch die Frage, ob die kommunistische Führung im Land sich damals wirklich zugetraut hat, einen eigenen Weg zu gehen. Denn es brauchte nur ein wenig Druck aus Moskau, und schon änderte sich die Einstellung. Zunächst wurde die Tschechoslowakei neben Jugoslawien bei einer Sitzung des Kominform im Juni 1948 in Bukarest scharf gerügt für ihre Landwirtschaftspolitik. Dann traf sich Kreml-Chef Stalin mit Klement Gottwald auf der Krim. Danach verkündete der tschechoslowakische Staatspräsident, man werde nicht nur über Kolchosen sowjetischen Typs sprechen, sondern diese auch selbst aufbauen.

Familie Bezděk 1947 | Foto:  Post Bellum

Der erste Schritt erfolgte im Februar 1949. Da trat das Gesetz über die „Einheitlichen landwirtschaftlichen Genossenschaften“ in Kraft. Diese JZD (Jednotné zemědělské družstvo), wie sie im Tschechischen heißen, nutzten zunächst vor allem gemeinsam die technischen Geräte, später wurden zusammen auch Ackerbau und Viehzucht betrieben. Ein Beitritt zu den Genossenschaften war jedoch nur für diejenigen attraktiv, die selbst kaum etwas besaßen. Zbyněk Bezděk war eigentlich vorbestimmt, den Hof seiner Eltern zu übernehmen, und hatte deswegen Landwirtschaft studiert. Er war bereits über 30, als die Kollektivierung begann. Der elterliche Hof lag in Rovensko pod Troskami im sogenannten Böhmischen Paradies. Gegenüber Paměť naroda hat Bezděk seine Erinnerungen geschildert:

Foto:  Nationales Landwirtschaftsmuseum Prag

„Einige wenige Bauern waren bereits mehr oder weniger instruiert worden. Ihnen war gesagt worden, was zu tun ist und welche Bedeutung die Genossenschaften haben. Dazu wurden ihnen die wildesten Versprechungen gemacht. Interessanterweise wollten als Erste diejenigen eine JZD gründen, die gar keine Bauern waren, sondern nur einen kleinen Garten hatten. Eine Hälfte der Bauern sagte aus Apathie ja, die andere sagte nein.“

Foto:  Nationales Landwirtschaftsmuseum Prag

Wie die Historikerin Jílková ausführt, glaubte die kommunistische Führung damals, die Bauern würden mit Begeisterung den Genossenschaften beitreten. Doch nichts dergleichen geschah, und man griff zu Gewalt. Das heißt, dass nach sowjetischem Vorbild der Klassenkampf auf dem Lande geschürt wurde. Dieser richtete sich gegen die sogenannten „Reichen des Dorfes“.

„Wer als reich galt, war nicht wirklich definiert. Meist waren dies schon jene Bauern, die 15 bis 20 Hektar Anbaufläche besaßen. Sie wurden dann bald wie im Russischen ‚Kulaken‘ genannt und galten als Feinde, als Ausbeuter auf dem Land, die die Arbeit der kleinen und mittleren Bauern missbrauchten. Gegen sie wurde in allen Medien eine harte Kampagne geführt. In Karikaturen wurden sie lächerlich gemacht oder dämonisiert. Diese Reichen des Dorfes sollten als Klasse vernichtet werden“, so Jílková.

‚Kulaken‘ wurden in Karikaturen lächerlich gemacht oder dämonisiert | Foto:  Institut für das Studium totalitärer Regime

Vernichtende Abgabenpflicht

Wer nicht den Genossenschaften beitrat, der wurde zunächst ökonomisch unter Druck gesetzt. Und zwar über Abgaben, die zu leisten waren. Der Vater von Miroslav Frantík besaß nach dem Krieg den größten Hof in der Gemeinde Kurovice / Kurowitz in Ostmähren. Er bewirtschaftete 20 Hektar. Frantík beschreibt, wie der ökonomische Druck langsam den Betrieb seines Vaters zerstörte:

Frantíks Hof in der Gemeinde Kurovice in den 1950er Jahren | Foto:  Post Bellum

„Die Abgaben wurden in einer Höhe angesetzt, die zu den damaligen Zeiten nicht zu erfüllen war. Sie entsprach den heutigen Hektarerträgen. Weil mein Vater den Forderungen nicht nachkommen konnte, wurde er 1950 zu einer Geldstrafe verurteilt. Irgendwie konnte er die noch abstottern. 1951 sollte er aber erneut eine Strafe zahlen und bekam dazu noch zwei Monate Gefängnis auf Bewährung. Er saß dann im Herbst des Jahres in Uherské Hradiště ein. Am 21. August 1952 fuhr in der Früh ein Kommando aus Sicherheitskräften, Staatssicherheit und Milizen vor und durchsuchte unser Haus. Sie stellten alles auf den Kopf – die Wohnung, die Wirtschaftsgebäude, Ställe und Lager. Ich weiß nicht, was sie suchten, weil sie nichts fanden. Dann nahmen sie meinen Vater mit und sagten, sie müssten etwas klären, er käme dann wieder. Er kehrte aber erst zwei Jahre später zurück – aus Jáchymov.“

Kollektivierung | Foto: Institut für das Studium totalitärer Regime

Jáchymov / Sankt Joachimsthal – das war ein berüchtigtes Lager für politische Gefangene.

JZD | Foto:  Nationales Landwirtschaftsmuseum Prag

Tatsächlich litten unter dem Abgabenzwang aber nicht nur die reichen Landwirte, sondern auch viele kleinere Bauern, die sich nicht vergenossenschaften lassen wollten. Wer trotz des Drucks nicht in die JZD eintrat, dem blühte meist auch ohne weitere Handhabe ein Strafprozess. Zwischen August 1950 und März 1951 wurden rund 50.000 private Landwirte zu unterschiedlichen Strafen verurteilt.

Selbst das trieb die Menschen auf dem Land aber immer noch nicht in die Genossenschaften. Im Herbst 1951 startete daher die tschechoslowakische Führung die „Aktion Kulak“.

Foto:  Nationales Landwirtschaftsmuseum Prag

„Hauptziel war, unter staatlicher Lenkung die reicheren Bauern und ihre Familien umzusiedeln – am besten in einen anderen Kreis oder idealerweise irgendwo in die Grenzgebiete. Das betraf insgesamt 3000 bis 4000 Familien“, erläutert die Geschichtswissenschaftlerin Jílková.

Diese Familien wurden entwurzelt und traumatisiert. Häufig folgten weitere Strafen, die Kinder wurden beispielsweise vom höheren Bildungsweg ausgeschlossen. Die Stigmatisierung blieb noch Jahrzehnte bestehen.

Gedeckt wurde die Aktion durch ein entsprechendes Gesetz, das am 1. November 1951 in Kraft trat. Die Besitztümer der reicheren Landwirte fielen nun den ärmeren zu, doch der Erfolg blieb weiter aus…

Foto:  Nationales Landwirtschaftsmuseum Prag

„In den Dörfern blieben meist nichtbestellte Felder zurück und leere Gebäude. Die örtlichen Bauern wurden dann gezwungen, diese Flächen zu bewirtschaften. Das war aber schwer für sie, da die kommunistischen Organe teils die landwirtschaftlichen Geräte konfisziert hatten. Und die Genossenschaften waren ebenso nicht dazu ausgestattet, die Felder zu bestellen. Die Aktion mündete also in einem Misserfolg“, sagt die Historikerin.

Zerstörte Dorfgemeinschaften

Foto:  Nationales Landwirtschaftsmuseum Prag

Die JZD wurden auch meist nicht von erfahrenen Landwirten geleitet, sondern von Parteifunktionären. Ministerpräsident Antonín Zápotocký kritisierte im Februar 1953 die Genossenschaften für ihre Ineffektivität. Als diese deswegen noch mehr den sowjetischen Kolchosen angeglichen wurden, kam es zu einer Austrittswelle. Laut der Historikerin dauerte es etwa zehn Jahre, bis die Kollektivierung vollbracht werden konnte. Dazu kam es erst, als der Druck reduziert wurde und stattdessen der Staat gewisse Formen der Unterstützung beschloss. Marie Jílková:

„Ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre schickte die Regierung zweistellige Millionenbeträge in Kronen an die Genossenschaften. Erst dann begannen sie zu funktionieren. In den Jahren 1958 und 1959 waren bereits 87 Prozent der landwirtschaftlichen Anbaufläche kollektiviert.“

Zwangskollektivierung | Foto:  Nationales Landwirtschaftsmuseum Prag

Die Folgen der Zwangskollektivierung waren allerdings verheerend. Erst Ende der 1960er Jahre erreichte die Agrarproduktion in der Tschechoslowakei wieder Vorkriegsniveau. Vor allem aber ist der ländliche Raum bis heute davon gezeichnet.

„Ohne das Leben auf dem Land idealisieren zu wollen, denke ich, dass die Kollektivierung das Verhältnis der Menschen zur Bestellung des Bodens nachhaltig zerstört hat. Früher wurde dies von Generation zu Generation weitergegeben. Nach dem Ende des Kommunismus zeigte sich in den 1990er Jahren, dass kaum jemand hierzulande wieder einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb aufbauen wollte. Und das hat auch zu den ökologischen Problemen geführt, über die wir uns heute beklagen“, so Jílková.

Bodenerosion | Foto: Petr Vilgus,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0

Damit spielt die Historikerin an auf die fortgeschrittene Bodenerosion und auf den massiven Einsatz von Chemikalien. Anstatt naturnaher kleinräumiger Strukturen dominieren in weiten Teilen Tschechiens die Riesenfelder landwirtschaftlicher Großbetriebe und eine industrialisierte Tierhaltung.

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