Vielfältig und bewundernswert: Kreuzwege im Schluckenauer Zipfel

Kreuzweg in Jiřetín pod Jedlovou (Foto: Pavel Vlach, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Am Karfreitag gedenken die Christen dem Martyrium Jesu Christi am Kreuz. In der christlichen Welt wurde sein Leidensweg wiederholt nachgebildet – durch Kreuzwege, an denen die einzelnen Stationen bebildert wurden. Im Schluckenauer Zipfel, eingebettet von der Grenze zu Sachsen, gibt es nicht weniger als 14 solcher Kreuzwege.

Kreuzweg in Jiřetín pod Jedlovou

Kreuzweg in Jiřetín pod Jedlovou  (Foto: Lutz Maertens,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0)

Der Schluckenauer Zipfel (Šluknovský výběžek), im historischen Volksmund auch als Böhmisches Niederland bekannt, ist eine etwas vergessene Region im äußersten Norden Tschechiens. Eine der kleineren Gemeinden in diesem Gebiet ist Jiřetín pod Jedlovou, in frühen Zeiten Sankt Georgenthal, mit knapp 700 Einwohnern. Der größte Teil des Dorfes wurde wegen seiner gut erhaltenen Umgebindehäuser 1992 zur städtischen Denkmalzone erklärt. Oberhalb des Ortes befinden sich die Kreuzwegstationen, die 1764 eingeweiht wurden. Pfarrer Jozef Kujan:

Kreuzweg in Jiřetín pod Jedlovou  (Foto: Mirek256,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0)

„Dieser Kreuzweg hat eine interessante Geschichte. In Jiřetín lebte einst die Familie Dount, und als der alte Dount starb, hinterließ er sieben Söhne. Ihnen war indes bewusst, dass sie in diesem katholisch geprägten Landstrich lediglich ein kleines Grüppchen der ohnehin wenigen Protestanten waren. Deshalb beschlossen sie, von hier wegzugehen ins benachbarte Sachsen, das nur ein paar Kilometer entfernt ist. Doch in der Nacht, in der sie fortgingen, hatten sie alle den gleichen Traum. Sie sahen, wie ihnen Jesus vom Kreuz zuwinkte und sie bat zurückzukehren. Das wollten sie aber nicht, also losten sie einen aus ihrer Mitte aus. Das Los fiel auf den Jüngsten, der noch dazu sehr krank war und an Krücken ging. Folglich kehrte er zurück zu seines Vaters Haus. Gleich nach seiner Heimkehr ließ er auf der kahlen Ebene über dem Dorf ein großes Kreuz errichten. Dort ging er hin, um zu beten. Und einmal hörte er eine Stimme, die zu ihm sagte: ‚Steh auf, wirf deine Krücken weg und geh nach Hause‘. Er hat dies wirklich getan und wurde wieder gesund. Das sorgte im Dorf natürlich für Aufsehen. Fortan gingen alle Bewohner regelmäßig zum Kreuzhügel, und der Pfarrer von Jiřetín ließ später weitere 13 Kreuze errichten. Das war das Fundament für die 14 kleinen Kapellen, die später hier gebaut wurden.“

Kapelle des Heiligen Grabes  (Foto: Itsd-foto,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

Zwei Kreuzwegstationen befinden sich in der Kirche, die ganz oben auf dem Hügel steht. Hinter dem Gebäude befindet sich die Kapelle des Heiligen Grabes, mit der der Kreuzweg abgeschlossen wird. Am unteren Ende beginnt der Kreuzweg mit einer Darstellung des Gartens Gethsemane, in dem drei schlafende Apostel sowie ein betender Jesus zusammen mit einem Engel abgebildet sind. Zur Entstehung des kleinen Parks merkt Pfarrer Kujan an:

Darstellung des Gartens Gethsemane  (Foto: Mirek256,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0)

„Für alle Interessenten will ich hinzufügen: Der Garten wurde in der Zeit von 1759 bis 1764 angelegt.“

Kreuzweg in Lobendava

Wallfahrtskapelle auf dem Annaberg  (Foto: SchiDD,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

Die Gemeinde Lobendava / Lobendau liegt im nordwestlichsten Ausläufer des Schluckenauer Zipfels. Auch sie besticht durch die typische Bauweise der Lausitzer Umgebindehäuser aus Holz. Der auffälligste Bau aber ist die Wallfahrtskapelle auf dem Annaberg (418 Meter ü. d. M.), der sich östlich der Gemeinde erhebt. Über die Entstehung der Kapelle erzählt Jozef Kujan:

Joachimsberg  (Foto: Gumideck,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

„Hier oben befindet sich die St.-Anna-Kirche, deren Bau ursprünglich gar nicht geplant war. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sah ein Kaufmann aus Lobendau, als er durch Sachsen streifte, dort Kinder mit einer Holzstatue spielen. Er bemerkte, dass es sich um eine Statue der heiligen Anna handelte. Sie gefiel ihm, also kaufte er sie. Er brachte sie mit nach Lobendau, und die Dorfbewohner überlegten, wo sie die Statue platzieren sollten. Letztlich beschlossen sie, sie in die Kapelle auf den Joachimsberg (Jáchym, 472 Meter ü. d. M.) zu bringen. Am nächsten Morgen war die Statue jedoch verschwunden, also begann man herauszufinden, wer sie gestohlen hatte. Ein Holzfäller fand sie auf dem gegenüberliegenden Hügel, also brachten die Einwohner die Figur zurück auf den Joachimsberg. In der darauffolgenden Nacht verschwand sie wieder, obwohl dort bereits eine Wache eingesetzt war. Die Statue wurde erneut auf dem Hügel gegenüber entdeckt. Die Leute erkannten, dass die heilige Anna an anderer Stelle sein wollte. Folglich bauten sie an dem Ort, zu dem es sie nachts hinzog, eine Kapelle, und dort blieb dann auch die St.-Anna-Statue.“

Kreuzwegstation bei der Kapelle der Hl. Anna auf dem Annenberg  (Foto: SchiDD,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

Und Pfarrer Kujan ergänzt:

„Später kam hier noch ein Kreuzweg hinzu. Er wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt, genauer gesagt zwischen 1829 und 1834. Während des Krieges nahm er erheblichen Schaden. Mittlerweile aber sind die Kapellen des Kreuzweges, die alle aus Sandstein sind, wieder wunderschön restauriert worden.“

Der Kreuzweg am Annaberg unterscheidet sich völlig von dem in Jiřetín pod Jedlovou. Er befindet sich nämlich inmitten eines Wäldchens und hat den Garten Gethsemane zum Zentrum. Die weiteren Stationen verlaufen etwas untypisch um ihn herum. Und in etwa der Mitte des Halbkreises befindet sich eine kleine Anhöhe, die für jeden Pilger noch eine Belohnung bereithält:

Kreuzweg am Annaberg  (Foto: Gumideck,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

„Auf dem höchsten Punkt des Bogens mit den einzelnen Kapellen hat man einen tollen Ausblick auf die Gegend. Alle Leute, die den Weg hinauf zum Annaberg zurücklegen, können sich hier entspannen und die Aussicht genießen.“

Kreuzweg in Rumburk

Loretokapelle in Rumburk  (Foto: SchiDD,  Wikimedia Commons,  CC BY 3.0)

Die Kreuzwege wurden von den Franziskanern erfunden. Sinn und Zweck ihrer Errichtung war es, den Glauben unter den Menschen zu festigen. In der Gegend um die Stadt Šluknov / Schluckenau herrschte seinerzeit ein aktives religiöses Leben, und die malerische barockgeprägte Landschaft der Region war wie geschaffen dafür, die Kreuzwege mit in ihr Bild aufzunehmen. Insgesamt sind hier vierzehn solcher Wallfahrtswege entstanden. Um alle vorzustellen, reicht die Sendezeit leider nicht aus. Der abschließende Besuch eines Kreuzweges führt uns aber noch in die zweitgrößte Stadt der Region, in das über 11.000 Einwohner zählende Rumburk / Rumburg. Innerhalb der Mauern dieser Stadt gibt es eine Besonderheit – nämlich die nördlichste Loretokapelle in ganz Europa. Und genau dort sind wir auch am Ziel unserer heutigen österlichen Kreuzwegwanderung. Dazu erläutert Pfarrer Kujan:

Kreuzgang  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

„In den Kreuzgängen rund um die Loretokapelle befindet sich auch ein Kreuzweg, der sich aus bemalten Lünetten zusammensetzt. Die Lünetten sind nicht zu übersehen mit ihrer Höhe von 2,30 Meter und der Breite von 1,18 Meter. Damit bilden sie den größten inneren Kreuzweg in der Region Schluckenau. Der Autor dieses Gesamtkunstwerks ist Josef Maške, er fertigte die Gemälde in den Jahren 1892 und 1893 an. Was wir heute sehen, ist bereits der dritte Kreuzweg, der sich hier im Kreuzgang der Loretokapelle befindet. Vom zweiten Kreuzweg aus dem Jahr 1764 ist nur ein Torso erhalten geblieben. Er war das Werk des deutschen Malers Elias Dollhopf.“

Berühmte Jungfrau in der Loretokapelle  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Die ursprüngliche Loretokapelle war aus Marmor, ihre heutige Gestalt ist aus Sandstein. Der imposante Bau wurde im Jahr 1707 errichtet. Zu seinem Interieur gehört auch eine einzigartige Skulptur, schildert Jozef Kujan:

„Diese Statue stand zuerst im italienischen Wallfahrtsort Loreto direkt neben der berühmten Jungfrau. Später wurde sie nach Rumburk gebracht, noch bevor die hiesige Loretokapelle erbaut war. Deshalb brachte man sie zunächst in der Pfarrkirche St. Bartholomäus und danach in der Klosterkirche St. Lorenz unter. Nach der Fertigstellung des Kirchenbaus im Jahr 1707 wurde die Statue dann feierlich in das Heilige Haus überführt.“

Jozef Kujan  (Foto: Martin Davídek,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

Jozef Kujan ist der Dekan des römisch-katholischen Pfarrsprengels in Rumburk. Er ist verantwortlich für die gesamte pastorale Tätigkeit im Dekanat. Und die 14 Kreuzwege seiner Region kennt Kujan bestens. Er lobt ihre unterschiedlichen Ausführungen, doch einer dieser Bilderzyklen zum Leidensweg Jesu Christi zählt zu seinen ganz persönlichen Favoriten:

„Ich selbst besuche am häufigsten den Kreuzweg in Jiřetín pod Jedlovou, denn diesen kenne ich auch am längsten. Schon als Student des Leitmeritzer Seminars (Seminar in Litomeřice / Leitmeritz, Anm. d. Red.) habe ich diesen Kreuzweg immer wieder aufgesucht.“

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Autoren: Lothar Martin , Markéta Ševčíková
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