Villen, Schlösser, Bahnhofsgebäude: Neue Publikation zu leerstehenden Gebäuden in Prag

Bahnhof Vyšehrad (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Der Verein „Prázdné domy“ macht seit mehreren Jahren auf vernachlässigte Gebäude in ganz Tschechien aufmerksam. Oftmals gelingt es, ihre Instandsetzung anzuregen oder einen neuen Nutzer zu finden. Ein neues Buch erzählt die mal erfolgreichen und mal weniger hoffnungsvollen Geschichten einiger Objekte in Prag.

Villa Schönberger in der Baba-Siedlung 2017  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

Um die Eigentumsrechte einer der vielen Villen in der Baba-Siedlung wird schon seit sieben Jahren vor Gericht gestritten. Währenddessen verfällt das Haus in der Matějská-Straße, das aus der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik stammt. Bei einem seiner kommentierten Stadtspaziergänge wurde der Verein „Prázdné domy“ (Leere Häuser) eher zufällig auf das Objekt aufmerksam, sagt Mitbegründer Radomír Kočí:

Radomír Kočí in einer der vielen Villen in der Baba-Siedlung  (Foto: ČT24)

„Wir haben diese heruntergekommene Villa bemerkt, die offensichtlich geplündert wurde. Draußen im Garten lag die Einrichtung herum. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, in welches Vakuum eine Immobilie gelangen kann, wenn die Besitzverhältnisse nicht geklärt sind.“

Villa Schönberger heute  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

In diesem Falle streiten sich die potentiellen Erben des einst enteigneten Besitzers mit der staatlichen Verwaltung. Für den Schutz des Gebäudes fühlt sich offenbar keine der Seiten zuständig. Also sind die Mitglieder von „Prázdné domy“ aktiv geworden, wie Kočí in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks weiter ausführte:

Villa Schönberger heute  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

„Wir haben das Haus gesichert, die beiden Streitparteien kontaktiert und die Erlaubnis erhalten, uns bis auf weiteres darum zu kümmern. Inzwischen ist vor Ort ein Gemeinschaftsgarten entstanden. Damit herrscht dort wieder etwas Leben, und die Villa ist nicht mehr dem Vandalismus ausgesetzt.“

Prazdnedomy.cz

Der Verein sammelt seit 2015 Informationen zu solchen und ähnlichen Fällen. Etwa 6000 Objekte sind auf seiner interaktiven Online-Karte Tschechiens bereits verzeichnet. Dabei liegt der Fokus auf historisch und architektonisch bedeutsamen Gebäuden. Zumeist handelt es sich um Wohnhäuser und Industrieobjekte, die nicht immer leer stehen, aber in einem bedenklichen Zustand sind.

Im Gebäude des Assekuranzvereins der Zuckerindustrie in Prag  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

Leerstand und Verfall gibt es überall

Bahnhof Vyšehrad  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

Viele von ihnen befinden sich in Prag. Die 20 interessantesten Beispiele führt nun ein Buch auf, das Radomír Kočí gerade veröffentlicht hat. Es heißt ganz einfach auch „Prázdné domy“. Darunter sind notorisch bekannte Fälle wie der Jugendstil-Bahnhof Vyšehrad, das ehemalige Lazarett Invalidovna aus der Zeit des Barocks oder die funktionalistische Passage Alfa. Aber auch unbekanntere Objekte wie eben die Villa in der Matějská-Straße stellt der Autor vor. Gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen erläuterte er:

Quelle: Verlag Grada

„Im Buch ist jedem Objekt eine Zeitleiste beigefügt, auf der seine Geschichte und Gegenwart festgehalten sind. Es war mir wichtig, die Informationen auf den neuesten Stand zu bringen. Zudem gibt es interessante Details zu jedem Haus. Das Buch ist vollgepackt mit Fakten.“

Diese Fakten zusammenzutragen und damit auf unnötigen Leerstand und Verfall aufmerksam zu machen, das haben sich Kočí und sein Verein zu Aufgabe gemacht. Fündig werden sie praktisch überall, so der Autor weiter im Rundfunkinterview:

Leere Fabrik in Ústí nad Labem  (Foto: Hynek Glos,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Allgemein lässt sich sagen, dass sich die meisten leeren Häuser in Prag befinden, denn hier gibt es an sich die größte Zahl an Gebäuden. Wenn man es mit der Größe der Städte in Vergleich setzt, tun sich aber auch Duchcov (Dux, Anm. d. Red.) oder Teplice (Teplitz, Anm. d. Red.) hervor. Und der Kreis Ústí nad Labem (Aussig, Anm. d. Red.) insgesamt. Denn dort kam es nach dem Krieg zu den Aussiedlungen, deren Folgen der Kreis bis heute spürt.“

Grand Hotel Evropa in Prag  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

Beitrag zur Lokalgeschichtsschreibung

Villa Jarmila in Prag-Vinoř  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

Eine ganze Reihe dieser Gebäude steht schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs leer und bröckelt vor sich hin. Oftmals ist es auch für geschulte Augen schwer, sie ausfindig zu machen. Eine weitere seiner Zufallsentdeckungen ist die Villa Jarmila am nordöstlichen Rand von Prag, die ebenfalls aus der Zeit der Ersten Republik stammt und die Kočí in seinem Buch beschreibt:

Villa Jarmila in Prag-Vinoř  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

„Es heißt ja: Aus den Augen, aus dem Sinn. Das gilt auch für die Villa Jarmila. Sie verschwand aus dem Bewusstsein, verfiel und überwucherte langsam. Ich bin zufällig im Herbst dort vorbeigekommen, als die Blätter schon gefallen waren und das Gebäude herauslugte. Also haben wir es begutachtet, fotografiert und versucht, Informationen darüber zu finden. Darum geht es uns eben mit unserer Datenbank. Wir wollen zeigen, dass es sich nicht um bedeutungslose Ruinen handelt, sondern um Gebäude mit Geschichte und einem Namen. Oftmals ist das eine echte Detektivarbeit. Im Falle der Villa Jarmila war sie erfolgreich, und wir konnten die Nachkommen der ehemaligen Besitzer ausfindig machen.“

Villa Jarmila in Prag-Vinoř  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

Der Verein weist die Besitzer nicht nur auf möglicherweise unbekanntes Eigentum hin und ruft sie zur Verantwortung. Er trägt ebenso zur Aufarbeitung der Lokalgeschichte bei:

„Die Villa Jarmila ist auch deswegen interessant, weil ihre Geschichte beispielhaft erzählt, was nach dem Jahr 1948 vor sich ging, als viele Immobilienbesitzer enteignet wurden. In diesem Falle war es ein erfolgreiches Bauunternehmen. Die Familie hat diese Villa errichten lassen, die nach 1948 dann beschlagnahmt wurde. Nach 1989 wurde sie ihnen zurückerstattet, allerdings in einem desolaten Zustand.“

Fabrik Eliáška  (Elias Palme,  Lusterfabrik) in Kamenický Šenov  (Foto: Mojmír Churavý,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

Kann der Besitzer sich nicht um das Objekt kümmern, hilft der Verein auch bei dessen Verkauf. Radomír Kočí ist von Beruf Immobilienmakler und dürfte in der Branche einer der wenigen sein, die nicht nur ökonomische Interessen verfolgen. Aktuell wird auf der Facebook-Seite von „Prázdné domy“ die Fabrik Eliáška im nordböhmischen Kamenický Šenov / Steinschönau angeboten. Einen neuen Besitzer für sie zu finden, sei eine „Chance, sie wieder zur Perle der Gegend zu machen“, heißt es in der Beschreibung.

Borůvka-Sanatorium  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

Finanzstarke Käufer gesucht

Schloss Petrovice  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

Dazu ist eine umfassende Restaurierung und entsprechendes Kapital nötig. Nicht immer gelingt es, finanzstarke Käufer zu finden. Es passiert aber auch, dass strittige Eigentumsfragen die notwendigen Aktivitäten verhindern. Kočí führt in seinem Buch das Beispiel des Barock-Schlosses Petrovice im zehnten Prager Stadtbezirk an. Per Restitution kehrte es in den Besitz eines Erben zurück, der die Bauarbeiten sogleich in die Wege leitete:

Schloss Petrovice  (Foto: ŠJů,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0)

„Das Gericht hat das Gebäude dann allerdings einem zweiten Erben zugesprochen, der sich darum leider überhaupt nicht kümmert. Am Schloss fällt nun schon das Dach ein, und es stehen eigentlich nur noch die Grundmauern. Das ist sehr schade, denn es ist schließlich auch eine Art Denkmal. Der zuständige Erbe wurde schon mit mehreren Strafzahlungen belegt. Diese scheinen ihn aber nicht weiter zu kümmern, und das Schloss verfällt zusehends.“

Burg Hauenštejn  (Foto: Rafael Brix,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0)

Erfreulicher ist es natürlich, wenn der Verein Erfolgsmeldungen verbreiten kann. Die Obere Burg Hauenštejn / Hauenstein nördlich von Karlovy Vary / Karlsbad etwa ist von einer Gruppe Freiwilliger instandgesetzt worden. Und die leerstehenden Kasernen im Prager Stadtteil Karlín wurden zumindest vorübergehend durch Kulturveranstaltungen und Barbetriebe wiederbelebt.

Bahnhof Prag-Bubny  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

Laut Kočí finden sich oft neue Nutzer oder Eigentümer für die leerstehenden Objekte, die sein Verein erkundet:

„Das gelingt tatsächlich recht häufig. Es muss aber den Willen dazu geben. Und man muss überhaupt von diesen Objekten wissen. Es gibt zum Beispiel Schlösser, die als solche nicht mehr genutzt werden. Sie werden immer beliebter als repräsentative Firmensitze. Oft werden sie auch zu Luxushotels, Wellnesseinrichtungen oder Seniorenresidenzen umfunktioniert.“

Villa Milada  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)

An dem Projekt „Prázdné domy“ und der Aktualisierung der Datenbank kann sich im Prinzip jeder beteiligen. Informationen und Fotos zu vernachlässigten Objekten tragen schon jetzt Hunderte von Unterstützern zusammen. Dazu reicht es, sich als Autor auf prazdnedomy.cz zu registrieren.

Palais Alfa  (Foto: Radomír Kočí / Prázdné domy)