Vogel des Jahres in Tschechien: Der Mäusebussard und sein Revier

Mäusebussard (Foto: Derek Keats, CC BY 2.0)

Seit 1992 wird auch in Tschechien ein Vogel des Jahres ausgewählt. Dahinter steht die Ornithologische Gesellschaft. Dieses Jahr ist es der Mäusebussard. Warum ist die Wahl auf diesen weit verbreiteten Greifvogel gefallen, und wie lebt er eigentlich?

Mäusebussard  (Foto: Spencer Wright,  CC BY 2.0)

Die Schreie des Mäusebussards sind gar nicht so selten in der Natur zu hören. Allein in Tschechien leben, so wird geschätzt, 11.000 bis 14.000 dieser Greifvögel. Denn sie sind relativ gut an die Umwelt in Europa angepasst. Der Zoologe Petr Voříšek beschäftigt sich seit vielen Jahren unter anderem mit den Bussarden, denn er leitet hierzulande das europaweite Monitoring gängiger Vogelarten. Im Gespräch für Radio Prag International erläutert er:
 
„Die Natur in Tschechien und auch anderswo in Mitteleuropa wurde stark vom Menschen verändert und geprägt. Das heißt, es wechseln sich offene Flächen wie Felder, Rasen und Wiesen mit kleineren Waldflächen ab. Das gefällt dem Mäusebussard, der kein Freund ausgedehnter Wälder ist. In dieser Art Landschaft findet er genügend Nahrung und auch Nistplätze. Diese beiden Faktoren entscheiden bei den Raubvögeln über die Häufigkeit ihres Vorkommens, neben der Verfolgung durch den Menschen.“

Petr Voříšek  (Foto: ČT24)

Auf dem Speisezettel des Mäusebussards stehen vor allem bodennahe Wirbeltiere wie Feldmäuse und weitere Nager. Zudem erlegt er auch Jungvögel in den Nestern. Doch das ist nicht alles…
 
„Der Bussard gibt sich auch mit Insekten zufrieden oder mit Reptilien. Wenn also das Angebot an bevorzugter Nahrung mal nicht so groß ist, kann sich dieser Raubvogel problemlos umorientieren. Beim Nisten sucht sich der Mäusebussard meist Bäume, wobei auch Horste in Felsen oder am Boden bekannt sind. Am liebsten mag er etwas verwachsene, ältere Bäume, bei der Art ist der Bussard allerdings nicht wählerisch. Heutzutage nistet er auch in kleinen Hainen auf Feldern“, so Voříšek.

Mäusebussard  (Foto: Bernard Stam,  Flickr,  CC BY-SA 2.0)

Beim Nahrungsbedarf hat der Mäusebussard gegenüber anderen einen Entwicklungsvorteil. Denn er ist ein guter Kostverwerter. Sein Magen ist vergleichsweise schmal und lang. Dadurch kann sein Körper beim Verdauungsvorgang mehr Nährstoffe absorbieren. Deswegen muss der Bussard pro Tag auch nur rund 10 bis 15 Prozent seines eigenen Gewichtes an Nahrung zu sich nehmen. Beim Wanderfalken, Sperber oder Habicht sind es 20 bis 25 Prozent des jeweiligen Gewichts.

Mäusebussard  (Foto: Gänser-Hampp,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

Häufigster Greifvogel in Mitteleuropa

Der Vogel des Jahres wird von einem Ausschuss der Tschechischen Ornithologischen Gesellschaft ausgewählt. Zdeněk Vermouzek leitet diesen Umweltverband und erläuterte in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:
 

Zdeněk Vermouzek  (Foto: Jana Rychterová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Wir versuchen uns immer auf solche Arten zu konzentrieren, die irgendwie interessant und attraktiv sind – unter anderem weil man an ihnen auf bestimmte Probleme hinweisen kann. Und idealerweise handelt es sich um einen Vogel, der weit verbreitet ist und den man in der Natur auch wirklich beobachten kann. So verhält es sich etwa mit dem Mäusebussard.“
 
Was ist aber so interessant an diesem Raubvogel? Zoologe Voříšek…
 

Mäusebussard  (Foto: Mark Medcalf,  CC BY 2.0)

„Das ist etwas paradox. Aber der Mäusebussard ist gerade deswegen so spannend, weil es ihn so häufig gibt und sich viele Menschen nicht für ihn begeistern. In Tschechien und Mitteleuropa ist er einer der häufigsten Raubvögel, wenn nicht sogar der häufigste. Das gerade macht ihn aber zu einer Seltenheit. Denn nur wenige Raubvögel kommen auf ähnlich große Bestände.“

Aber auch dieser Vogel ist Gefahren ausgesetzt, und das hat laut Zdeněk Vermouzek dazu beigetragen, dass er nun von den Ornithologen in den Fokus gestellt wurde:

Mäusebussard  (Foto: Lukasz Lukasik,  CC BY-SA 3.0)

„Den Mäusebussard haben wir aus mehreren Gründen ausgewählt. Der wichtigste ist die Gefahr, sich zu vergiften, mit der dieser Raubvogel zu kämpfen hat. Dabei handelt es sich sowohl um Primärvergiftungen, wenn also jemand Gift in der Natur auslegt, um Raubvögel oder Raubtiere zu beseitigen. Aber es geht auch um Sekundärvergiftungen, die zwar niemand direkt beabsichtigt hat, zu denen es aber deswegen kommt, weil wir zu viel Gifte in der Natur einsetzen.“

Und die Diskussion darüber ist hierzulande gerade aktuell. Seit einigen Jahren klagen die Bauern in Tschechien über eine starke Vermehrung von Feldmäusen. Deswegen erlaubte das landwirtschaftliche Forschungs- und Kontrollinstitut im Frühjahr 2019 den Einsatz des Rattengiftes Stutox II gegen die kleinen Nager. Umweltschützer und Ornithologen protestierten aber dagegen – und das auch mit Erfolg. Das heißt, der flächendeckende Einsatz des Giftes wurde verboten. Doch im September vergangenen Jahres wurde die einmalige Anwendung von Stutox II wieder erlaubt, nachdem sich Bauern erneut über die Feldmäuse beschwert hatten. Und so schwelt weiter ein Streit darüber, wie sehr der Gifteinsatz auch weitere Tiere in der Nahrungskette gefährdet.

Mäusebussard  (Foto: Andreas Trepte,  CC BY-SA 2.5)

„Das sind gerade die Fälle der Sekundärvergiftungen, wenn mit Stutox oder anderen Mitteln vorgegangen wird und ein Bussard dann eine vergiftete Maus fängt oder auch eine verendete findet. Denn diese Raubvögel sind keine Kostverächter, sie fressen auch Aas. Wenn der Bussard dann mehrere vergiftete Tiere verschlingt, kann er sich damit selbst schaden“, so Vermouzek.

Gefahr durch vergiftete Feldmäuse

Dies bestätigt Petr Voříšek, der übrigens derzeit selbst bei strengen Minusgraden zur Beobachtung von Vögeln draußen in der Natur unterwegs ist:

Toter Mäusebussard  (Foto: Frank Vincentz,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0)

„Auf solche Fälle sind wir vor allem in den vergangenen zwei Jahren gestoßen, als sich die Feldmäuse so stark vermehrt hatten, dass einige Landwirte zur drastischen Lösung des Gifteinsatzes gegriffen haben. In der Folge wurden die Kadaver von Mäusebussarden und weiteren Tieren gefunden, die gerade an den Mitteln gegen die Feldmäuse zugrunde gegangen sind. Nicht dass es viele Fälle gewesen wären, aber die meisten Vergiftungen dieser Art bleiben ohnehin verborgen, weil sie sich auf großen Feldern abspielen und die Tierkadaver gar nicht gefunden werden.“

Mäusebussard  (Foto: uteo,  CC BY-SA 4.0)

Auch deswegen besteht die Frage, wie Landwirtschaft betrieben und wie viel Chemie dabei eingesetzt werden soll. Dabei könnten gerade Raubvögel die Alternative sein…

„Es ist eine langfristigere und etwas schwierigere Lösung, die aber dauerhaften Erfolg zeitigen kann – und zwar die Landschaft wieder bunter zu gestalten. Je größer die Anbauflächen sind und damit die Landschaft monotoner wird, desto anfälliger ist sie für eine Plage durch Feldmäuse oder andere Schädlinge. Wenn aber die Fruchtarten wechseln und Brachflächen, Büsche sowie Haine zwischen den Feldern bestehen, dann finden auch mehr Raubtiere ihre Nahrung. Diese können dann vielleicht nicht die Populationszyklen der Feldmäuse verhindern, aber ihre übermäßige Ausbreitung. Und besonders der Mäusebussard trägt dazu bei, denn bis zu 90 Prozent seiner Nahrung deckt er gerade mit Feldmäusen. Wenn es diese aber mal nicht gibt, dann überlebt er auch das. Der Bussard ist also eine Hilfe im Kampf gegen die Vermehrung der Mäuse“, erläutert Zoologe Voříšek.

Für die Jagd setzt sich dieser Raubvogel gerne auf einzeln stehende Bäume oder Pfähle und fliegt seine Beute an. Ansonsten sieht man ihn auch hoch in der Luft kreisen:

Mäusebussard-Ei  (Foto: Dominicus Johannes Bergsma,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

„Er ist ein hervorragender Segelflieger und versteht es ausgesprochen gut, aufsteigende Luftmassen zu nutzen. Wenn sich der Boden durch die Sonneneinstrahlung aufwärmt, dann entsteht ein solcher Auftrieb. Der Mäusebussard lässt sich dann wie andere große Vögel, so etwa Störche, von der Luft nach oben tragen und gelangt im Gleitflug dorthin, wo er will. Ebenso nutzt er aufsteigende Winde an den Hindernissen in der Natur. Dazu reicht schon der Waldrand. Solche Strömungen sind zwar nicht so stabil und verändern sich, doch der Mäusebussard kommt auch damit zurecht. So ausgeprägt seine Segelkünste sind, so wenig mag er jedoch das aktive Fliegen. Mit den Flügeln zu schlagen bedeutet für den Mäusebussard einen großen Energieaufwand. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn diese Raubvögel in den Süden ziehen. Einige Mäusebussarde fliegen von hier etwa ans Mittelmeer. Dabei machen sie aber einen Bogen um die Alpen. Da diese in West-Ost-Richtung liegen, können Segelflieger sie nur schlecht überwinden.“

Der Mäusebussard ist unter den bisherigen 30 tschechischen Vögeln des Jahres erst der dritte Greifvogel. Zuvor waren nur der Turmfalke (2002) und der Seeadler (2006) schon einmal dran. Das liegt auch an der Maxime der Ornithologischen Gesellschaft, solche Vögel auszuwählen, denen nicht nur Spezialisten, sondern auch Laien in der Natur begegnen können.

Mäusebussard  (Foto: Martin Mecnarowski,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0)
Autoren: Till Janzer , Petra Ševců
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