Von Löwen, Frauen und Präsidenten – Herr Proche erzählt

Фото: Архив Чешского радио - Радио Прага

Manchmal muss man gar nicht in die Ferne schweifen, denn das Gute ist so nah. Christian Rühmkorf hat eine Lebensgeschichte gefunden. Sie gehört Herrn Proche. Er sitzt Tag aus, Tag ein in einer Pförtnerloge im Tschechischen Rundfunk. In dieser Geschichte spielen Löwen eine Rolle, eine Menge Berufe und natürlich – Frauen. Folgen Sie Christian Rühmkorf im Forum Gesellschaft in eine Pförtnerloge.

Wir sind in einer kleinen Pförtnerloge. Hier fahren ab und zu Autos rein und raus. Und die registriert Jaroslav Stanislav Leopold Proche. Und der sitzt jetzt vor mir. Herr Proche ist Tscheche und Herr Proche ist Deutscher. Er war Zirkusdirektor, Zahntechniker, Buchhalter, Verwalter eines königlichen Gartens und er war bei der Kripo – und jetzt ist er Pförtner. Was und wie sich das alles abspielen konnte, diese Geschichte wollen wir jetzt erzählen. Herr Proche, wie fing das alles an? Ich glaube, am Anfang stand der Zirkus, oder?

„Ja, so hat das angefangen. Nach dem Abitur konnte ich nicht studieren und deshalb bin ich erst einmal zum Zirkus gegangen, um etwas Praktisches zu machen. Und da hatte ich gleich einen Unfall - mit den Löwen. Die Löwen hatten mich angefallen und dabei habe ich ein Bein verloren. Und dann bin ich einfach beim Zirkus geblieben; bis 1977. Ich habe also die Hälfte meines Lebens bis dahin in der Tschechoslowakei verbracht. Und meine Frau war eine Dompteuse, damals in der DDR. Ich habe sie in der Tschechoslowakei kennen gelernt, dann in Taucha bei Leipzig geheiratet. Aber in der Zeit, als wir dann schon in der Tschechoslowakei lebten, da war sie zwar noch nicht alt, aber doch schon älter. Und dann wurde sie meine Chauffeuse. Ich wurde dann der Direktor des Zirkus und sie hat mich im Auto durch die Welt gefahren. Also wir waren beide immer beim Zirkus. Und dann sind wir zusammen 1977 nach Westdeutschland geflüchtet, nach Baden Baden.“

Solch ein Wechsel von der Tschechoslowakei nach Westdeutschland, der ist ja nicht leicht. Und es ist auch sicherlich nicht leicht, dann sein Brot und seine Brötchen zu verdienen. Wie haben Sie das gemacht?

„Richtig, ich hatte durch meine Behinderung – mein Bein war ja amputiert worden - viele Bekannte unter den Behinderten, weil ich auch Behindertensport gemacht habe. Und da hatte ich Freunde in Deutschland, zu denen ich dann gegangen bin. Und die haben mir geholfen eine Wohnung und eine Arbeit zu bekommen. In dem Ort im Schwarzwald, in den Nähe von Freudenstadt, war eine slowakische Familie ansässig und die beiden Eltern waren Zahnärzte. Und ich habe da angefangen als Zahntechniker.“


Von der Tschechoslowakei nach Deutschland – vom Zirkus zur Zahntechnik. Beides keine leichten Schritte. Aber mit ein bisschen Übung klappte dann auch das Modellieren von Gebissen. Was dann nicht mehr klappte, war die Ehe. Und die nächste Frau wartete auf Herrn Proche schon in Düsseldorf, eine Laborantin für Gynäkologie. Sie besorgte ihm einen Job in der Buchhaltung einer amerikanischen Firma, wo er elf Jahre lang blieb. So weit, so gut. Wir haben also bisher den Zirkus-Direktor, den Zahltechniker, den Buchhalter. Fehlen noch – wie angekündigt – der Verwalter eines Königlichen Gartens und der Mitarbeiter bei der Kriminalpolizei, oder?

„Ja, richtig. Dann irgendwann kam das Jahr 1989, als sich alles in Europa änderte. Und ich habe durch Zufall ein Angebot bekommen. Ich wurde über einen Bekannten gefragt, ob ich nicht auf der Prager Burg als Verwalter des königlichen Gartens arbeiten wolle. Und ich habe gesagt: ´Ja, das macht mir Spaß. Das wird vielleicht wieder wie beim Zirkus sein. Ich gehe dahin!´“

Auf der Burg war ja gerade ganz frisch Václav Havel Präsident geworden…

„Ja, er war der erste Präsident. Und dort hat es mir wirklich Spaß gemacht, es war sehr schön. Es waren drei Gebäude im Königlichen Garten, die noch heute da sind. Das Belvedere, die Villa des Präsident – darin wohnte er – und die so genannte ´Mýčovna´ und das habe ich dann alles verwaltet.“

Haben Sie Václav Havel persönlich kennen gelernt?

„Ja. Ich erinnere mich vor allem an ein Erlebnis. Havel wurde immer von der Burgwache begleitet. Die hatten ihn permanent im Auge. Er wurde dann immer – sagen wir – dirigiert und kontrolliert. Ich hatte in der Nähe ein Gartenhaus beim Belvedere zur Verfügung, da habe ich gewohnt. Und da habe ich ihn einmal zu ihm gefragt, ob er sich nicht vor der Burgwache verstecken will. Und er meine: ´Wie soll ich das machen?´ Ich habe ihm dann von einem Unterschlupf, einem kleinen unterirdischen Korridor erzählt, den es da gab. Der ging von den Frauentoiletten in dem Gebäude ab. Da sollte er hin gehen. Da gab es nämlich Türchen, die ich von der anderen Seite aufmachen konnte. Dann hab ich ihm vorgeschlagen zu mir zu kommen, um Kaffee zu trinken und zu beobachten, wie die Burgwache ihn sucht. Das klappte und er hat das mitgemacht.“

Das hat er wirklich gemacht?

„Ja, ja! Und wir saßen im Fenster und haben gesehen, wie die überall gesucht haben, wie sie telefoniert haben. Die habe sich gefragt, wo der Havel geblieben ist. Denn er ist ja nicht herausgekommen aus dem Gebäude. Er ist schnell durch die Toilette gegangen und dann durch den Korridor zu mir. Das waren nur hundert Meter. Vielleicht noch nicht mal.“


Das ging so bis 1993. Das Leben in der Tschechoslowakei in den Anfangsjahren nach der Wende, war Jaroslav Proche aber zu „instabil“, wie er sagte. Auch im Umfeld von Präsident Havel habe es noch viele ehemalige Kommunisten gegeben. Außerdem gab es wieder einmal Probleme in der Ehe. Seine Frau war ja in Düsseldorf geblieben. Also ging der Grenzgänger Proche wieder zurück nach Deutschland. Dort besorgte ihm seine Frau abermals einen neuen Job. Die Kriminalpolizei in Mettmann suchte einen Mitarbeiter.

85 Jahre Tschechischer Rundfunk
„Und die haben mich dann also engagiert. Und dann habe ich angefangen und dort 13 Jahre gearbeitet.“

Was haben Sie da genau gemacht?

„Ich war als Sachbearbeiter in der Datenverarbeitung. Ich hatte ja keine Polizeischule besucht und das brauchte man ja damals in Westdeutschland.“

Sie sind dann 2005 in Rente gegangen und haben sich entschlossen, wieder nach Tschechien zurück zu kommen. Jetzt sind Sie wieder hier. Sie hatten aber keine Lust auf der faulen Haut zu liegen und haben sich gesagt: ´Dann mache ich noch einen Pförtnerjob´. Sie waren also Zirkusdirektor, haben sich von einem Löwen das Bein abbeißen lassen, Sie waren bei der Kriminalpolizei, Sie waren Zahltechniker, Verwalter des Königlichen Gartens auf der Prager Burg. Wie gefällt ihnen bei all dem das Leben hier in Ihrer kleinen Pförtnerbude?

„Ja, die Pförtnerbude. Wissen Sie, im Prinzip ist alles, was ich gemacht habe, eine Art Zirkus gewesen. Da gab es immer viele, viele Sachen zum Lachen. Und weil das für mich in der Rente dann langweilig war, habe ich mir gesagt: ´Etwas musst Du machen!´ Aber ohne viel Bewegung. Ich konnte auch nicht mehr so gut laufen und bin ja auch nicht mehr der Jüngste. Und meine damalige Partnerin, also die letzte, die hat mir diesen Job besorgt. Jetzt bin ich hier und ich bin zufrieden, weil ich unter Menschen bin. Ich kann mich unterhalten und lasse die Leute staunen über mein Leben. – So einfach ist das! (lacht).“