Wahrheit, zeitversetzt: Dokumentarfilmfestival Jihlava wird 20

In Jihlava / Iglau startet bald das 20. Internationale Dokumentarfilmfestival. Es zeigt von Dienstag bis Sonntag mehr als 300 Dokumentarfilme aus dem In- und Ausland. Daneben werden Gäste erwartet wie Mike Bonann vom Duo The Yes Men.

Marek Hovorka (Foto: Markéta Kachlíková)
Ji.hlava ist das größte Festival für Dokumentarfilme in Ostmitteleuropa. In diesem Jahr feiert es sein zwanzigjähriges Bestehen. Marek Hovorka ist Festivalleiter:

„Wir wollen ein bisschen zurückblicken. Für die Besucher der Stadt haben wir eine Sonderausstellung vorbereitet. Sie zeigt die zurückliegenden zwanzig Jahre und wie wir das Festival und die Dokumentarfilme auffassen.“

Die Ausstellung ist auf dem Hauptplatz von Jihlava zu sehen. Das Jubiläum kommt aber auch im Festivalprogramm zum Ausdruck:

„Wir haben eine Sektion mit dem Namen Jihlavský manifest (Das Iglauer Manifest) konzipiert. Darin ist jeder Jahrgang durch einen Film vertreten. Diese Auswahl bietet einen Überblick über die Dokumentarfilme in Tschechien und in der Welt.“

Dabei stehen die sogenannten Essayfilme im Mittelpunkt:

„Der Essayfilm ist unserer Meinung nach eine der schwierigsten Kategorien des Dokumentarfilms. Oft sind nur wahre Filmmeister imstande, ihn mit Erfolg zu meistern.“

Der Essayfilm ist eine experimentelle Ausdrucksform zwischen Spiel- und Dokumentarfilm. Die subjektive Betrachtungsweise des Regisseurs spielt dabei die entscheidende Rolle.

Unterwelt ist überall um uns herum

Petra Nesvačilová (Foto: Markéta Kachlíková)
Das Festival bietet insgesamt über 300 Filme. Eröffnet wird es mit einer Dokumentation der tschechischen Regisseurin und Schauspielerin Petra Nesvačilová.

„Mein Film ‚Das Gesetz Helena‘ erzählt über die Unterwelt. Über Menschen, die aus der Unterwelt kommen. Es geht um die Gangster der sogenannten Berdych-Gang. Der ganze Film erzählt über Gut und Bös, wie die Unterwelt funktioniert und darüber, dass sie sich überall um uns herum befindet. Der Film wird durch die Figur von Helena Kahnová umrahmt. Sie ist die Polizistin, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Tomáš Gregor die Gang aufgedeckt hat. Die Dokumentation schildert ihre Geschichte.“

Film ‚Das Gesetz Helena‘ (Foto: Archiv des Dokumentarfilmfestivals Ji.hlava)
Der frühere Türsteher einer Disko, David Berdych, führte über fast zehn Jahre lang eine Gang von rund 80 Personen an. Sie war um die Jahrtausendwende für viele Diebstähle, Angriffe, Erpressungen, Entführungen und Morde verantwortlich. Die Kriminellen waren dabei mit einigen hohen Polizisten in enger Verbindung. Im Jahr 2004 wurden rund 40 Mitglieder der Gang festgenommen und zu hohen Haftstrafen verurteilt. Petra Nesvačilová hat vier Jahre lang unter den früheren Gangstern gedreht.

‚Das Gesetz Helena‘ (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Ich wollte zunächst einen ganz anderen Film machen, nämlich ein Porträt der Polizistin Helena Kahnová. Es sollte mehr ein Film über die Polizei und ihre Arbeit werden. Über die Beziehungen zwischen den Menschen und darüber, wie eine Frau einen so männlichen Job macht. In dieser Arbeit begegnet man täglich dem ‚Bösen‘, den Schattenseiten der Menschen.“

Um zu begreifen, worüber die Polizistin spricht, kam die Regisseurin in Kontakt mit einigen Gangstern:

‚Das Gesetz Helena‘ (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Es war faszinierend. Letztlich kam ich zu dem Schluss, dass die Gangster genauso interessant sind. Ich konnte zeigen, was für eine Subkultur und was für Menschen sie sind. Denn sie sind wirklich überall, auch in der Politik. Der Film zeigt das, was wir alle wissen und vermuten, was wir uns aber nicht wünschen und wovor wir Angst haben. Ja, es ist einfach so.“

Auch sie selbst habe Angst gehabt, gibt die Regisseurin zu:

„Eine große Angst. Manchmal war ich sehr schlecht dran. Immer, wenn ich einen Film mache, rede ich nur wenig darüber. Ich begann über diesen Film zu sprechen, erst nachdem er fertig war. Die Arbeit dauerte lange, und die Angst war manchmal groß. Gleichzeitig wusste ich, dass solche Sachen unveränderlich sind, dass sie seit Jahrhunderten existieren. Man kann sie nur ändern, indem man sie begreift.“

Foto: Offizielle Facebook-Seite des Festivals
„Das Gesetz Helena“ wird in der Sektion „Tschechische Freude“ aufgeführt. Darin konkurrieren 13 Filme um den Hauptpreis, die im vergangenen Jahr in Tschechien entstanden sind. Der Festivalleiter Marek Hovorka:

„Sie zeigen aus verschiedenen Perspektiven die Welt, in der wir heute leben. Beziehungsweise zeigen sie, wie der Regisseur seine eigenartige Poetik in den Film einbringen kann.“

Die Türkei als Gastland

Zum zweiten Mal präsentiert das Filmfestival in diesem Jahr gesondert die Produktion aus einem Gastland. Die Türkei wurde noch vor dem dortigen Putsch-Versuch gewählt, sagt Hovorka:

Foto: Thomas Maltby, CC BY-SA 2.0
„Wir schauen uns mit großem Interesse an, wie die Dokumentarfilme die innere Veränderung des Landes reflektieren. Die Türkei steht zurzeit unter Strom: soll sie sich ost- oder westwärts orientieren? Soll sie sich mehr mit dem Islam identifizieren oder ein säkulares Land sein? Die Türkei liegt in einer explosiven Region. Sie grenzt an den Irak, hat den sogenannten Islamischen Staat in Sicht, gleichzeitig ist sie aber Nato-Mitglied. Uns interessierte, wie diese Aspekte in Dokumentarfilmen erfasst werden können. Denn es ist in der Türkei nicht einfach, offen über die Dinge zu sprechen, die dort passieren.“

Istanbul (Foto: Julian Nitzsche, CC-BY-SA 3.0)
Eine in Tschechien lebende türkische Regisseurin und ihr tschechischer Mann haben 17 Filme für die Sektion ausgewählt. Marek Hovorka charakterisiert die Themen:

„Istanbul ist nicht nur eine Stadt an der Grenze zweier Kontinente, sondern auch verschiedener Mentalitäten und Lebensansichten. Eine Metropole, in der zwei Welten nicht nur getrennt, sondern auch verbunden werden. Weiter geht es um politische Themen, wie etwa um die kurdischen Frauen im Kampf für die Unabhängigkeit Kurdistans. Und dann gibt es eine provinzielle Ebene: Filme, die das Leben in den ärmsten Gebieten des Landes zeigen. Dort ist das Leben eng mit der Landwirtschaft verknüpft. Eine Welt, die die euro-amerikanische Zivilisation allmählich verlässt.“

‚Zero Days‘ (Foto: YouTube Kanal von Magnolia Pictures and Magnet Releasing)
In weiteren Sektionen bietet das Festival Filme aus ganz Ostmitteleuropa und der Welt. Unter anderem die neuesten Dokumentarfilme von Werner Herzog oder Jim Jarmush.

„In der Sondersektion Svědectví (Zeugnis) zeigen wir verschiedene Phänomene des Dokumentarfilms, sowie die Phänomene der Gegenwartswelt, die darin reflektiert werden. Ich kann den Film des Oscar-prämierten Regisseurs Alex Gibney ‚Zero Days‘ nennen. Er berichtet über die US-amerikanischen und israelischen Hackerangriffe auf einen iranischen Reaktor und stellt die Frage, was diese bedeuten und wie verletzlich unser heutiges System ist.“

Dokumentaristen brauchen Zeit und Distanz

Soweit Marek Hovorka. Am Beispiel der Flüchtlingskrise erklärt er zudem ein interessantes Merkmal der Dokumentarfilme: Sie entstehen nicht unmittelbar in der Zeit, wenn etwas passiert, sondern erst mit Abstand:

„Wir leben in einer schnellen Welt. Ein starkes Thema bleibt da nicht einmal ein Jahr interessant. In einem Jahr rasen meistens zwei bis drei Themen wie ein Hurrikan vor allem durch die Medien. Als sich die Flüchtlingskrise abspielte, in Live-Übertragung durch Medien, hat man erwartet, dass gleichzeitig auch viele Dokumentarfilme gemacht werden. Die Dokumentaristen brauchen aber eine gewisse Zeit und Distanz. Wir sind daher erst in diesem Jahr, als wir das Programm gestaltet haben, auf viele Filme mit dem Thema Flüchtlingskrise gestoßen. Einer davon wurde in die Wettbewerbssektion ‚Opus bonum‘ aufgenommen. Es ist eine Beobachtung des Lebens in einem Flüchtlingslager. In einer Zeit, in der die Flüchtlingslager als beste Lösung in der derzeitigen Lage betrachtet werden, ist es empfehlenswert, zu schauen, wie der Alltag dort aussieht.“

Das 20. Internationale Dokumentarfilmfestival läuft in Jihlava von 25. bis 30. Oktober. Mehr zum Programm finden Sie auf der Website www.dokument-festival.cz.

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