Wegwerfgesellschaft: Warum wir zu wenig recyceln und was das für das Klima bedeutet

In der Europäischen Union entstehen pro Jahr etwa zweieinhalb Milliarden Tonnen Abfall. Das sind ungefähr fünf Tonnen pro Person. Aber was passiert mit dem Müll, nachdem wir ihn getrennt haben? Und wie hängt die Produktion und Verarbeitung von Abfall mit dem Klimawandel zusammen? Dazu antworten Soňa Jonášová vom Prager Institut für Kreislaufwirtschaft, Ivo Kropáček von der Umweltorganisation Hnutí Duha und Henning Wilts vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Zuerst aber ein Besuch in einer kleinen Werkstatt im Herzen Prags…

Ein Treffen mit Soňa Jonášová vom Institut für Kreislaufwirtschaft und Martin Gális vom Kampus Hybernská in der Hybernská-Straße in Prag – und zwar in einer Kreislaufwerkstatt, die Martin Gális schon seit mehreren Jahren mit seinen Kollegen betreibt. Es ist ein schöner Ort mit mehreren kleineren Räumen. Viel Werkzeug ist hier zu sehen, eine große Arbeitsplatte und auch einige kompliziertere Gerätschaften. Dazu Martin Gális:

Kreislaufwerkstatt in der Hybernská-Straße | Foto:  Kampus Hybernská

„Unsere Werkstatt steht sowohl der Öffentlichkeit als auch Institutionen offen. Unser Motto lautet: Recyceln und upcyceln, anstatt unnötig neue Dinge zu kaufen. Die Leute können zu uns kommen und hier alles Mögliche reparieren. Wir bringen ihnen einige Techniken bei, wie man zum Beispiel richtig schleift oder feilt. So zeigen wir ihnen die grundlegenden Tätigkeiten in einer Werkstatt. Es gibt bei uns eine Bandsäge, eine Gehrungssäge, verschiedene Bohrmaschinen und Schleifmaschinen. Und wir veranstalten auch Workshops für die Öffentlichkeit. Dabei arbeiten wir mit Metall und Stein, vor allem aber mit Holz.“

Kreislaufwirtschaft in klein

Was bringen die Menschen typischerweise vorbei – Möbelstücke oder eher andere Gegenstände?

Illustrationsfoto: Björn Schrempp,  Pixabay,  CC0

„Üblicherweise kommt jemand vorbei – oder schickt eine E-Mail – und erklärt uns, wobei er Hilfe benötigt. Zum Beispiel hat er zu Hause einen kaputten Tisch oder Stuhl. Manchmal zeigen uns die Leute auch Fotos. Wir schlagen dann eine Lösung vor, die Leute kommen vorbei und wir erklären ihnen, wie man die Reparatur am besten angeht. Im Idealfall reparieren sie die Gegenstände selbst), denn dabei lernen sie gleich etwas Neues. Hinterher freuen sie sich umso mehr, dass etwas wieder funktioniert und zu neuem Leben erweckt wurde. Wir versuchen aber auch, klassische Techniken und Kunst zu verbinden, was dem Ganzen noch zusätzlich Sinn verleiht.“

Viele Menschen haben zu Hause vielleicht nur einen Hammer oder den einen oder anderen Schraubenzieher. Daher ist es ein Vorteil, dass man kein eigenes Werkzeug braucht und alles in der Werkstatt zur Verfügung steht…

Illustraitonsfoto: Blaž Erzetič,  Pixabay,  CC0

„Wir haben hier manuelle und elektrische Werkzeuge. Mit dieser Bandsäge kann man beispielsweise auch feine Nuancen aussägen. Mit der Gehrungssäge kann man wiederum einen eigenen Bilderrahmen herstellen. Zudem sind eine Standbohrmaschine und auch Schleifmaschinen für Metall und Holz vorhanden. Das erleichtert auf jeden Fall die Arbeit. Außerdem können Sie hier viel Lärm machen, ohne die Nachbarn zu stören. Das ist ein weiterer Vorteil“, erläutert Gális

Ein Grundprinzip der Kreislaufwerkstatt ist, Materialien wiederzuverwenden, die sonst im Müll landen würden. Dazu Soňa Jonášová:

Soňa Jonášová | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

„Wir versuchen, einige erste Schritte zu gehen, noch bevor wir uns darüber unterhalten, wie wir den Abfall loswerden und verschwinden lassen können. Die erste Frage ist dabei: Wieviel muss eigentlich wirklich produziert werden? Gibt es nicht um uns herum schon genügend Produkte, Kleidung oder Elektronik, die bereits im Umlauf sind, aber nur nicht mehr funktionieren? Auch deshalb gibt es in der Kreislaufwerkstatt oft Reparaturworkshops. Dabei stellt man auf einmal fest, dass man gar nicht immer alles neu kaufen muss. Immer mehr Leute fangen an, so nachzudenken – nicht nur die jüngere Generation. Auch beim Design gibt es neue Herangehensweisen. Produkte sollten so hergestellt werden, dass sie repariert und aufgewertet werden können. Dadurch wird ihnen ihr Wert zurückgegeben. Auch so kann Abfall vermieden werden.“

Es geht also um systemimmanente Probleme der Abfallwirtschaft. Die Kreislaufwerkstatt ist bisher ein Pilotprojekt. Die Öffentlichkeit bekommt hier aber einen Einblick in die Funktionsweisen der Kreislaufwirtschaft. Besteht gerade darin die zentrale Bedeutung der Werkstatt? Kann ein Ort wie dieser zu einer neuen Sicht auf den Umgang mit Abfall führen?

Kreislaufwerkstatt in der Hybernská-Straße | Foto:  HYB4

„Vor allem ist es wichtig, sich von diesen Orten inspirieren zu lassen und möglichst viele davon zu schaffen. Diese Werkstatt befindet sich im Zentrum Prags, was eine einmalige Möglichkeit für einen Showroom ist – einen Ort also, an dem man gern vorbeischaut. Unser Ziel ist aber, dass solche Werkstätten auch an verschiedenen Schulen und Berufsschulen eingerichtet werden. Die Schüler könnten dort ihre Erkenntnisse in die Praxis umsetzen und so auch den Menschen vor Ort helfen. Kreislaufwerkstätten sollten sich zudem in den einzelnen Stadtteilen befinden, denn vermutlich wird niemand vom Stadtrand Prags hierher ins Zentrum fahren, um etwas zu reparieren. Es geht also darum, dass es genügend dieser Anlaufpunkte gibt. Und damit meine ich nicht nur Kreislaufwerkstätten, in denen Dinge repariert oder hergestellt werden, wie hier in der Hybernská. Dies sind auch Möbelbanken und Lager, in denen ungenutzte Möbelstücke gesammelt und anschließend Bedürftigen angeboten werden. Solche Orte entstehen in Prag nach und nach“, sagt Soňa Jonášová.

Weiter steigende Abfallmengen

Dieser Kerngedanke der Kreislaufwirtschaft – das heißt die Wiederverwendung von Materialien – wird immer häufiger diskutiert. Trotzdem nimmt die Gesamtzahl von Abfällen weiterhin zu. Und dies auch in Ländern wie Deutschland oder Tschechien, merkt Hennings Wilts vom Wuppertal Institut für Klima. Umwelt und Energie an:

Henning Wilts | Foto:  Wuppertal Institut für Klima,  Umwelt und Energie

„Wir beobachten in Europa einen einheitlichen Trend. Es findet eine relative Entkopplung statt, die Abfallmengen steigen also weiter langsam an. Dies passiert aber nicht mehr so schnell, wie die Wirtschaft wächst. Dies ist zwar das erklärte Ziel im Bereich Abfallvermeidung, aber im Endeffekt haben wir immer weiter ansteigende Abfallmengen. In Europa sind dies etwa 2,4 Milliarden Tonnen. Das heißt, die Aufgabe der Abfallvermeidung ist so dringend wie noch nie.“

Der Großteil der Abfälle entsteht dabei in den Haushalten, aber auch bei der Förderung von Rohstoffen, im Bauwesen und in der Industrie.

Illustrationsfoto: ds_30,  Pixabay,  CC0

„Die Anteile sind überall etwa gleich hoch. Aus Haushalten und Gewerbe kommen diese wilden Gemische, die irgendwo in den Abfalltonnen landen – sie machen circa 20 Prozent aus. Viel wird über Verpackungsabfall diskutiert, und dieser steuert ein bis zwei Prozent bei. All das bringen wir selbst täglich zur Mülltonne, deswegen liegt uns das nah. Wir müssen aber sehen, dass die großen Probleme durch andere Abfallströme entstehen. Zumindest, was die Masse angeht“, so Wilts.

Hausmüll stellt zwar nur einen kleinen Teil der Gesamtabfälle dar, dennoch ist er in vielerlei Hinsicht problematisch. Anders als beispielsweise Bauabfälle oder Abfall aus der Rohstoffförderung lande nämlich immer noch zu viel des Abfalls auf der Halde, sagt Ivo Kropáček von der Umweltorganisation Hnutí Duha (Bewegung Regenbogen):

Ivo Kropáček | Foto:  Umweltorganisation Hnutí Duha

„Beim Hausmüll besteht ein großes Problem mit der Nutzung der Abfälle. Wir können nur ungefähr ein Drittel davon weiterverarbeiten. Das ist zwar mehr als noch vor 20 Jahren, als wir bei sieben Prozent waren. Aber es ist immer noch zu wenig. Fast die Hälfte des Hausmülls landet auf Deponien, ein Drittel wird recycelt und ungefähr zwölf Prozent werden zur Energiegewinnung genutzt.“

Energiegewinnung bedeutet, dass der Hausmüll verbrannt wird. Tschechen und Deutsche trennen ihren Hausmüll vergleichsweise zuverlässig. Ein großer Unterschied liegt aber darin, wieviel davon am Ende wirklich recycelt wird. Während es in Deutschland ungefähr zwei Drittel sind, kommt man in Tschechien lediglich auf 40 Prozent. Ivo Kropáček meint, dass das vor allem am schlechten System der Müllsortierung liege.

„In Tschechien wird meist von Hand sortiert. Das heißt, der Inhalt eines Containers wird auf ein Fließband geschüttet, und ein Mitarbeiter sortiert dann manuell aus, was recycelt werden soll und was nicht. So werden ungefähr 40 Prozent des enthaltenen Plastikabfalls herausgelesen. 60 Prozent werden aber nicht recycelt. Daraus entstehen zumeist Festbrennstoffe als Ersatz für Kohle und Ähnliches“, so der Umweltfachmann.

Illustrationsfoto: Daniel Bagel,  Flickr,  CC BY-NC 2.0

Nur sehr wenig getrennt und weiterverwertet werden in Tschechien zudem Bioabfälle. Mehr als eine Million Tonnen biologischen Abfalls lande jährlich auf den Müllkippen, sagt Ivo Kropáček:

„Das ist vor allem deswegen ein Problem, weil sich der Bioabfall zersetzt. Auf Müllhalden ohne Luftzufuhr entsteht daraus dann Deponiegas, dessen Hauptbestandteil Methan ist. Und das ist ein noch schlimmeres Treibhausgas als CO2. Das Methan wird zwar auf den Deponien gebunden, denn dazu sind die Deponien verpflichtet. Die Entgasung funktioniert aber nicht zu 100 Prozent. Die Wirkung liegt eher bei 50 bis 80 Prozent. Der Rest entweicht in die Atmosphäre. Die Lagerung nichtkompostierbarer Bioabfälle könnte dabei leicht gesetzlich verboten werden.“

Genau diesen Schritt sei in der Vergangenheit Deutschland gegangen, merkt Henning Wilts an:

Bioabfall | Illustrationsfoto:  ČT24

„Zum einen haben wir in Deutschland schon 2006 unbehandelte Abfälle auf Deponien verboten. Das hat dazu geführt, CO2-Emissionen ganz massiv zu verringern. Denn es verrottet eben nichts mehr und geht auch nicht in die Atmosphäre. Dies war lange ein wichtiger Beitrag Deutschlands zu der nationalen Klimaemissionsminderung.“

Von der Abfall- zur Kreislaufwirtschaft

Die Abfallwirtschaft ist in Tschechien für ungefähr vier Prozent der Treibhausgase verantwortlich. Aus Sicht des Klimaschutzes ist aber noch ein anderer Aspekt relevant: die Wertstoffe, wie Ivo Kropáček betont:

Illustrationsfoto: Julia M Cameron,  Pexels,  CC0

„Wenn etwas recycelt oder kompostiert werden kann – was im Grunde auch eine Art Recycling ist –, sollte das getan werden. Wenn wir das nicht machen und die Abfälle in den Restmüll werfen, ist das im Prinzip Verschwendung. Wir leben auf einem Planeten, was man mit dem Leben auf einer Insel vergleichen kann. Wir haben eine bestimmte Menge an Rohstoffen, und wenn wir die wegwerfen, dann bleiben am Ende keine mehr übrig – entweder für uns oder für unsere Kinder. Wenn wir Abfälle wegwerfen, in der Erde vergraben oder mit gefährlichen oder problematischen Abfällen mischen, können wir die Wertstoffe kaum noch nutzen. Deshalb müssen wir über diese Dinge nachdenken und versuchen, die Materialien aus den Abfällen wiederzuverwerten. Das ist eine Politik, die die EU seit langem vertritt. Man sagt dazu Kreislaufwirtschaft.“

Gerade die Kreislaufwirtschaft kann laut Soňa Jonášová zu einer erheblichen Senkung unserer globalen Emissionen beitragen.

Illustrationsfoto: ČT24

„Wenn wir Materialien wieder in den Umlauf bringen, sparen wir 70 bis 90 Prozent Emissionen im Vergleich zur Förderung von Primärrohstoffen. Wenn wir also über eine Klimaagenda sprechen, ist es wichtig, auch die Materialien miteinzubeziehen. Energie wird durch die Nutzung bestimmter Rohstoffe erzeugt, wenn sie abgebaut und verarbeitet werden. Das hängt alles miteinander zusammen. Außerdem können zum Beispiel Bioabfälle, die zurück an die Erde gegeben werden, mehr Biomasse erzeugen und Kohlenstoff im Boden binden. Das sind wichtige Speichersysteme, die der Umwelt helfen. Letztlich funktioniert unsere ganze Natur in abgeschlossenen Zyklen, in denen Abfall gar nicht vorkommt. Das ist der Grundgedanke, von dem die Kreislaufwirtschaft inspiriert ist“, sagt die Expertin.

In Zusammenhang mit dem Klimawandel sei diese Herangehensweise zentral, erläutert Henning Wilts:

Quelle: Ökologix,  Wikimedia Commons,  CC0 1.0

„Wir haben das im letzten Jahr zusammen mit der Circular Economy Initiative Deutschland, in der auch viele Industrievertreter waren, versucht zu modellieren. Dabei kam heraus, dass Deutschland und auch Europa ganz klar die gesetzten Klimaziele niemals erreichen werden, wenn wir nicht viel stärker auf der Kreislaufwirtschaft aufbauen. Wir können also mit unserem Bemühen bei den Erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz sehr viel erreichen, zugleich können wir den 1,5-Grad-Pfad nicht als Wegwerfgesellschaft begehen. Für Deutschland müssen wir den Anteil recycelter Materialien in der Industrie verdreifachen von heute circa 15 auf 50 Prozent. Und wir müssen den Verbrauch an Primärrohstoffen um den Faktor vier reduzieren. Dies bedeutet eine gigantische Veränderung, aber es ist alles machbar durch zirkuläre Geschäftsmodelle. Wenn wir das tatsächlich schaffen, dann haben wir auch eine Chance, jene Klimaziele tatsächlich zu erreichen, wie sie jetzt auch in Deutschland per Gesetz definiert worden sind.“

Das war die achte Folge unseres tschechisch-deutschen Klima-Podcasts „Karbon“, der in Kooperation von Radio Prag International und der Heinrich-Böll-Stiftung Prag entsteht. Die ausführliche Version finden Sie schon jetzt auf der Webseite von Radio Prag International sowie in allen gängigen Podcast-Plattformen. Beim nächsten Mal wird sich alles um die Zukunft der Energiewirtschaft drehen.

Autoren: Filip Rambousek , Štěpán Vizi
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