Welchen Wert hat umstrittene Kunst? Der Kampf um das Transgas

Transgasgebäude (Foto: Barbora Linková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Es sollte ein Projekt der Superlative werden in der kommunistischen Tschechoslowakei – die Prager Nord-Süd-Verkehrsachse. Gesäumt werden sollte die Prachtstraße von Palästen des modernen Menschen aus fast nacktem Beton und technizistischen Formen. Also im Stil des sogenannten Brutalismus. Geblieben ist davon nicht viel, lediglich einzelne Bauten. Eines davon ist das sogenannte Transgas-Gebäude. Doch auch das soll nun weg.

Transgasgebäude  (Foto: Barbora Linková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Zwei gigantische Kolben erheben sich hinter dem Wenzelsplatz, über der Tunneleinfahrt zum Hauptbahnhof und direkt neben dem Prager Funkhaus. Im Zentrum steht ein Motor, tapeziert mit Pflastersteinen. Verbunden sind die Gebäude des Komplexes mit massiven Stahlrohren. Diese zeigen auch die ursprüngliche Funktion des brutalistischen Transgasgebäudes: Hier war nämlich ursprünglich das Amt für die zentrale Erdgas-Versorgung des tschechoslowakischen Mineralölministeriums untergebracht. Entworfen hat das Ensemble ein Architektenkollektiv um Václav Aulický und Ivo Loos Mitte der 1970er Jahre.

Der Gebäudekomplex liegt aber nun seit geraumer Zeit brach. Nach der Wende von 1989 brauchte man keine zentrale Verteilung mehr von Erdgas aus der Sowjetunion. Das Areal kaufte der Investor HB Reavis, zuletzt zog eine große tschechische Krankenversicherung in die Transgas-Gebäude. Voriges Jahr brach aber auch sie ihre Zelte im Transgas ab. Das habe gute Gründe, so Petr Herman. Er ist Geschäftsführer des Investors HB Reavis:

Petr Herman  (Foto: Archiv HB Reavis)
„Dadurch, dass die Gebäude in den 1970er Jahren entstanden sind, erfüllen sie keinerlei Qualitätsansprüche. Das ist typisch sozialistisch. Deshalb hat uns auch unser letzter Mieter gekündigt, was uns natürlich nicht freut. Er konnte dort aber einfach nicht bleiben. Diese Gebäude sind nicht überlebensfähig. Sie sind in einer Zeit entstanden, in der es den Begriff Ökologie nicht gab. Deshalb kann man dort auch nicht von energetischer Nachhaltigkeit sprechen.“

Abgesehen davon greife der Transgas-Komplex brutal in den urbanen Raum Prags und des Gründerzeit-Stadtteils Vinohrady ein. Er sei einfach abweisend, so Herman. Die Kommunisten wollten schlicht keinen Raum ermöglichen, an dem Menschen zusammenkommen und sich treffen. Deswegen will der Investor den Komplex abreißen und etwas Neues schaffen. Beauftragt wurde dazu das Architekturbüro Cigler, den Pragern wurde es bekannt durch das Büro- und Einkaufzentrum Quadrio an der Nationalstraße:

„Mit viel Demut haben wir mit den Architekten geplant, wie man den Raum im Viertel Vinohrady traditionsgerecht füllen und die angrenzenden Straßen miteinander verbinden kann. Und noch mehr: Wir bringen dort Leben rein und das mit einem einzigartigen Konzept. In der Mitte des neuen Komplexes soll ein kleiner Platz sein, ein sogenannter Patio. Dort ist man nur ein stückweit von der vielbefahrenen Nord-Süd-Magistrale entfernt, kann aber seinen Kaffee in aller Stille und ohne Smog genießen. Ja, das Projekt wird ein Bürokomplex. Doch das ganze Parterre ist für Gastronomie und Läden reserviert. Es wäre nämlich schade, den Raum nur den Büros zu überlassen. Wir wollen den natürlichen Strom der Menschen auffangen und sie sollen bei uns zu Mittag oder Abend essen und ihren Nachmittagskaffee genießen.“

Wiederbelebung vorhandener Qualitäten

Radomíra Sedláková  (Foto: Vojtěch Soudný,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Als gegenstandslos betrachtet diese Argumentation Radomíra Sedláková. Sie unterrichtet Architektur an der Technischen Universität in Prag. Der von HB Reavis geplante Komplex bediene sich eins zu eins desselben Grundrisses wie das heutige Transgas-Areal, so Sedláková Und da die geplanten Gebäude sogar höher werden sollen als die bisherigen, sei die Planung nicht weniger „brutal“. Abgesehen davon trage HB Reavis selbst die Hauptschuld am heutigen desolaten Zustand des Transgas-Komplexes:

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum die Gebäude dem heutigen Eigentümer in die Hände gefallen sind. Dieser weiß nämlich nicht, was er damit anfangen soll und er hat den Komplex auch in den heute katastrophalen Zustand gebracht. Einen Patio, wie von HB Reavis vorgeschlagen, gibt es dort schon. Heute lädt der Transgas-Komplex niemanden mehr zum Verweilen ein und steht leer. Früher gab es dort ein Café und Geschäfte, also einfach einen Grund, um dort hinzugehen. Und man ist auch hingegangen. Es ist überhaupt nicht wichtig, aus welchen Baustoffen die Gebäude um das Patio herum sind. Wichtig ist nur, gewisse Regeln zu beachten: Autos haben dort nichts zu suchen und es sollten dort keine durchgehend offenen Müllcontainer stehen. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, da ich in letzter Zeit oft genug vor Ort bin. Immer sind die Container offen, damit umso mehr Müll herausquellen kann. Aber ich will da niemandem etwas unterstellen. Alles, was neu geplant wird auf dem Grundstück, gibt es dort bereits. Es müsste nur renoviert und den heutigen Bedürfnissen angepasst werden.“

Foto: Barbora Linková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks
Radomíra Sedláková geht noch weiter. Die Transgas-Gebäude sollten unter einen ganz besonderen Schutz gestellt werden:

„Ich bin der Meinung, dass die Komposition zum Kulturdenkmal erhoben werden sollte. Und nicht nur das. Der zentrale Bau sollte auch zum technischen Denkmal werden. Denn das Areal ist komplett untertunnelt, sowohl die Eisenbahn als auch die Metro führen unter dem Gebäude hindurch. Es ist also eigentlich unmöglich ein Gebäude dieser Ausmaße hier zu bauen, die Architekten und Statiker haben das damals aber doch geschafft. Das ist einzigartig, und zwar nicht nur in Tschechien und Europa.“

Kulturdenkmal-Status als letzte Rettung

Foto: Barbora Linková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks
Mit diesem Anliegen ist Radomíra Sedlackova nicht alleine. Nach Bekanntwerden der Absichten von HB Reavis, die Transgas-Gebäude abzureißen, bildete sich Widerstand. Zahlreiche Bürgerinitiativen formierten sich, um gegen die Pläne des Investors zu protestieren. Oft nicht einmal zum Erhalt des Transgas, sondern vielmehr gegen den Neubau, der gesichts- und geschmacklos sei, wie es heißt. Der „Klub za starou Prahu“ (Klub für das alte Prag) ergriff schließlich die Initiative und legte dem Kulturministerium den Antrag vor für eine Erhebung des Ensembles zum Kulturdenkmal.

Um zu verstehen, warum das Transgasgebäude ein Kulturdenkmal sein sollte, muss man sich zunächst seine Lage ansehen. Es sollte ursprünglich gar nicht so vereinsamt dastehen, sondern in einem größeren Konzept aufgehen – der Neugestaltung der Nord-Süd-Magistrale. Diese sollte gesäumt sein von Bauten, die dem damaligen brutalistischen Zeitgeist entsprachen. Also von Bauwerken, wie sie heute noch vor allem im westlichen Ausland geschätzt werden. Mit einer offenen Fläche sollte die sozialistische Prachtstraße am Transgas-Gebäude starten und weiterführen bis an den südlichen Stadtrand.

Eine fragwürdige Rolle des Kulturministeriums?„Für mich ist das eine Tragödie und es macht mich unglücklich. Ich habe immer fest daran geglaubt, es werde letztlich überwiegen, dass das Gebäude als Musterbeispiel für den Stil des Brutalismus bewertet wird.“

Das Kulturministerium lehnte den Status als Kulturdenkmal für die Bauten letztlich ab, entgegen der Empfehlung zahlreicher Denkmalschützer. Begründet wurde dies damit, dass es sich von der urbanen Planung her nicht in das Stadtbild einfügt. Das Ressort von Minister Daniel Herman (Christdemokraten) sei bei seiner Beurteilung aber ungewohnt schlampig vorgegangen, so Kunsthistoriker Richard Biegel vom Klub für das alte Prag. Überhaupt nicht beachtet wurde der zeithistorische Kontext. Abgesehen davon habe das Ministerium wissenschaftliche Meinungen schlicht ignoriert und nicht in seine Analyse miteinbezogen, beklagt der Historiker:

„Das größte Paradox bei der Beurteilung durch das Kulturministerium ist die ahistorische Herangehensweise. Insgesamt wurde dieser Teil des Stadtviertels Vinohrady gerade mit diesen Gebäuden zur denkmalgeschützten Zone erklärt. Zudem kann man jetzt nicht damit beginnen, Gebäude aus den 1970er Jahren als ästhetisch unpassend zu bewerten. So damit umzugehen, ist irreführend und wissenschaftlich absolut unprofessionell. Man kann einem Bau aus dieser Zeit nicht vorwerfen, dass er zwischen Wohnblöcken aus dem Jahr 1880 steht. Vielmehr muss man beachten, wie sich das Ensemble in die bestehende Bausubstanz eingefügt hat, und in diesem Fall ist das Ergebnis beachtenswert. Damals wurden viele Häuser abgerissen wegen den notwendigen Tunnelarbeiten. Die Transgas-Gebäude haben diese Wunde im Stadtbild ergänzend geschlossen.“

Transgasgebäude  (Foto: Barbora Linková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Briegel möchte die Hoffnung nicht aufgeben, trotz des gesenkten Daumens des Kulturministeriums. Die Transgas-Gebäude seien nicht der erste Fall von Kulturdenkmälern, die einen zweiten Anlauf gebraucht haben:

„Solche Fälle gibt es mehrere. Zum Beispiel wurde das Kaufhaus Kotva aus der gleichen Zeit schon einmal erfolglos vorgeschlagen, nun aber wird das Verfahren erneut aufgenommen. Präzedenzfälle gibt es also.“

Was aber sagen die Schöpfer des Transgas-Komplexes zu den Plänen des Investors? Václav Aulický ist der einzige noch lebende Architekt des Ensembles. Er ist im Übrigen auch der Vater einer weiteren Prager Dominante, des Fernsehturms im Stadtteil Žižkov. Gegenüber dem tschechischen Fernsehen sagte er:

Václav Aulický  (Foto: ČT24)
„Für mich ist das eine Tragödie und es macht mich unglücklich. Ich habe immer fest daran geglaubt, es werde letztlich überwiegen, dass das Gebäude als Musterbeispiel für den Stil des Brutalismus bewertet wird.“

Wenn der Zeitgeist es aber vorgibt, kann man gegen die gefallene Entscheidung leider nichts machen, so Aulický.